Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Stuhl für den Rücken: "Spinemover" soll der Wirbelsäule helfen

19.12.2003


Die Fachgebiete Arbeitswissenschaften (Prof. Dr. Peter Kurtz) und Biomechatronik (Prof. Dr. Hartmut Witte) der TU Ilmenau arbeiten an der Weiterentwicklung von Strategien für die Vermeidung von Erkrankungen der Wirbelsäule, des Rückens und - wie man es heute sieht - des Rumpfes. Ein "Spinemover" getaufter Stuhl, in allen drei Raumdimensionen zyklisch beweglich, soll Wirbelsäulenschäden vorbeugen.



Das in Ilmenau entwickelte Konzept APALYS zur einfachen statisch-biomechanischen Analyse von typischen arbeitsbedingten Haltungen ist in den letzten Jahren bereits selbstverständliches Werkzeug im Alltag von Ergonomen und Arbeitsmedizinern geworden. In Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum Interdisziplinäre Prävention KIP an der Friedrich-Schiller-Universität Jena werden die Konzepte der Vorsorge von Rückenerkrankungen Stück für Stück um Aspekte der Dynamik, der Muskelphysiologie und der Koordination erweitert. Einen aktuellen industrieorientierten "Spin-Off " zeigt diese Grundlagenforschung nun in einer Produktidee, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit einen "Innovationspreis Medizintechnik" ausgezeichnet wurde und in den nächsten zwei Jahren eine Förderung in Höhe von 173.000 Euro mit sich bringt.



Unter Koordination durch das Fachgebiet Biomechatronik der TU Ilmenau wird ein Team, bestehend aus der Erfinderin Gisela Schon aus Langerwehe bei Aachen und Wissenschaftlern der Universitäten Ilmenau, Jena und Saarbrücken einen dreidimensional bewegten Sitz für gehbehinderte oder gehunfähige Menschen entwickeln. Aufgabe des gemeinsam zu entwickelnden Gerätes soll es sein, Rückenschmerzen zu lindern bzw. ihnen vorzubeugen. Auch bei nicht behinderten Arbeitnehmern, die sich als LKW-Fahrer, Lokomotivführer oder Büromitarbeiter berufsbedingt wenig bewegen, könnte ein solcher Sitz den lästigen Rückenbeschwerden Einhalt gebieten.

Das Team schafft in den kommenden zwei Jahren die konstruktiven Grundlagen für einen Stuhl, dessen Sitzfläche in allen drei Raumdimensionen zyklisch bewegt wird. Auf diese Weise soll das natürliche Bewegungsmuster des Beckens beim Gehen auf Rumpf und Rücken übertragen werden. Ziel ist es, durch diese Bewegungen Rückenschmerzen zu lindern und ihnen vorzubeugen. Insbesondere gehunfähige oder gehbehinderte Menschen würden von einem solchen automatischen Stuhl, den das Team "Spinemover" getauft hat, profitieren.

Bevor es jedoch zum Design und einer exakten technischen Auslegung dieser neuartigen Sitzgelegenheit kommt, liegt einiges an Grundlagenforschung vor den Wissenschaftlern. Zunächst muss die Frage geklärt werden, ob die individuelle Beckenbewegung beim Gehen aus der Körpergröße oder anderen biometrischen Daten abgeleitet werden kann, denn das Feststellen des natürlichen Gangbildes ist bei gehbehinderten oder gehunfähigen Patienten nicht möglich. Also wird in einem ersten Schritt an der Universität des Saarlandes im Fachbereich Humanbiologie das individuelle Gangbild von 100 weiblichen und 100 männlichen gesunden Probanden vermessen. Insbesondere die Relativbewegungen von Beckenring und Schultergürtel werden registriert. In einem zweiten Schritt wird geprüft, ob der Spinemover mit Hilfe mechatronischer Module in der Lage ist, bei sitzenden Probanden die gleichen Rumpfbewegungen wie das eigene Gehen zu provozieren. Erst wenn das Verfahren hierbei sein Können unter Beweis gestellt hat, werden für gehbehinderte Patienten erste klinische Tests an der Klinik für Orthopädie der Universität Jena angeboten.

Dabei ist der potentielle Nutzerkreis groß: Neben Menschen, die dauerhaft gehunfähig sind, kann der Spinemover nach Überzeugung des Entwicklerteams auch bei der Rehabilitation von Patienten eingesetzt werden, die eine Hüft- oder Knieoperation hinter sich haben. Ebenso könnten Rheuma-Patienten, haltungsschwache oder an der Wirbelsäule erkrankte Kinder, Patienten mit allgemeinen Rückenschmerzen, Wirbelsäulenverkrümmungen oder Beckenschiefstand von dem neuen Verfahren profitieren. Es ist durchaus vorstellbar, dass der Stuhl auch bei der Physiotherapie von Querschnittgelähmten einsetzbar ist, um arthrotischen Veränderungen der Hüften und der Wirbelsäule vorzubeugen. Denkbar wäre der Einsatz des Spinemovers auch in Seniorenheimen.

Das nun anlaufende zweijährige Vorhaben soll den Nachweis erbringen, dass der Spinemover auf der Basis von biometrischen Daten ein individualisiertes Bewegungsbild auf den Rumpf des Nutzers übertragen kann. Erst danach kann dann zukünftig geprüft werden, ob der bewegte Sitz sowohl bei gehunfähigen Patienten als auch bei gesunden Probanden Rückenschmerzen lindert und vorbeugt. Ist diese Hürde geschafft, wird sich das System schnell ein großes Anwendungsgebiet erschließen: Rollstühle, Führerstandsitze (LKW, Lokomotiven, Schiffe, Flugzeuge), Bürostühle, Sessel für zuhause und Stehsitze. Sogar Sitze für das Weltraumprogramm ISS sind angedacht.

Kontakt:

Technische Universität Ilmenau
Fakultät für Maschinenbau, Fachgebiet Biomechatronik
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. med. habil. Hartmut Witte
Tel. 03677 69-2456, hartmut.witte@tu-ilmenau.de

Wilfried Nax M.A. | idw
Weitere Informationen:
http://www.tu-ilmenau.de

Weitere Berichte zu: Rückenschmerz Spinemover Wirbelsäule

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Verfahrenstechnologie:

nachricht Schnell, präzise, aber nicht kalt
17.05.2017 | Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT

nachricht Neues Laserstrahl-Schweißverfahren des Fraunhofer IWS erlangt die Zertifizierung der DNV GL
16.05.2017 | Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Verfahrenstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften