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Der Fledermaus-Flüsterer: ein Mann zieht dem Vampir-Unsinn den Zahn

29.08.2007
Der ausgezeichnete Naturschützer Axel Kramer begeistert eine Region für Fledermausschutz

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Ein Geräusch wie das eines Maschinengewehrs. So hoch, dass unser menschliches Ohr, ja nicht einmal ein Hund es hören könnte. Mehrere „Schüsse“, von denen jeder Einzelne nur den Bruchteil einer Sekunde hallt. Mit einem merkwürdig veralteten überdimensionierten „Handy“ am Ohr reckt Axel Kramer den Kopf in den Nachthimmel.


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Nur mit diesem speziellen Detektor lassen sie sich orten: die Ultraschallrufe der Fledermäuse. Jeden Abend machen sich die Tiere auf die Jagd, eine Jagd mit vielen „Opfern“: „2.500 Mücken pro Nacht schafft eine Fledermaus“, erklärt Axel Kramer, während seine Gruppe in den dunklen Himmel starrt. Wie jeden Mittwoch steht eine große Menschentraube auf der Wiese im Dahmer Kurpark, lauscht den sonderbaren Geräuschen und sucht den Himmel ab. Immer wieder schlagen einige wild um sich. „Wenn Sie die Mücken zu sehr plagen, dann sollten Sie sich einen Fledermauskasten anschaffen“, rät Axel Kramer, „denn Fledermäuse können für uns sehr nützlich sein: Sie fressen die Plagegeister.“

Im Hinterhof des Modegeschäftes Möller kämpft sich der 48-Jährige durch seine voll gestopfte Garage. Der Mann passt so gar nicht in das Klischee des Naturschützers mit langen Haaren, Wollpullover und Birkenstocklatschen. Nachdem Kramer sich an Bergen von Spanplatten und Holzresten vorbei gezwängt hat, erreicht er schließlich den engen Spalt zwischen der Kreissäge und dem Wandregal. Nach und nach kramt er zwei Taschenlampen und drei Glaskästen mit ausgestopften Fledermausarten für seine Führungen aus dem Regal: Daneben türmt sich allerlei Holzspielzeug: Figuren für ein Fledermaus-ärgere-dich-nicht-Spiel, Teile eines überdimensionalen Fledermaus-Puzzles und eine ganze Fledermaus-Kegelbahn, die im unteren Regalfach aufgebaut ist. „Eine Gruppe von Ein-Euro-Jobbern hat die Sachen gebaut, die wir jetzt auf Veranstaltungen wie der ’Nacht der Fledermäuse’ einsetzen“, erklärt Kramer. „Die haben wirklich Spaß dran gehabt. Als sie nach einem halben Jahr gehen mussten, hatten sie richtig Tränen in den Augen“. Fledermäuse sind Axel Kramers Leidenschaft. Seit 27 Jahren ist er aktiver Fledermausschützer, weshalb ihn das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) und die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) 2006 mit dem muna-Preis und 5.000 Euro Preisgeld ausgezeichnet haben. Die muna (Mensch und Natur) will die Menschen stark machen, die aus freien Stücken der Natur helfen. Sie motiviert die Preisträger, in ihrem Bemühen um den Schutz einer intakten Natur nicht nachzulassen, und animiert andere, ihnen nachzueifern. Seit 1980 baut Axel Kramer Fledermauskästen und hängt sie in seiner Umgebung auf. Seit elf Jahren bietet er in den Sommermonaten wöchentlich seine Fledermausführungen an.

Drei der 22 einheimischen Fledermausarten sind bereits ausgestorben, 13 laut roter Liste gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Aber was kann man schon tun? Ist der Einzelne nicht machtlos gegen Insektizide, Verkehr, Windkraftanlagen und die Vernichtung des Lebensraumes? Axel Kramer kennt das Wort Resignation nicht. Er weiß, dass penetrante, besserwisserische Schutzversuche keinen Erfolg haben. „Man muss die Leute für den Naturschutz begeistern und ihnen zeigen, welchen Nutzen sie davon haben.“ Bestes Beispiel: die Zusammenarbeit mit Frank Timpe, dem Kurdirektor des Ostseebads Dahme: „Tourismus und Naturschutz arbeiten hier Hand in Hand zusammen. Wir haben ein zusätzliches touristisches Angebot und bekommen dadurch kostenlose Werbung.“ Dem Fledermausschützer ist das nur recht. Die Touristen lernen in ihrem Urlaub etwas über die Natur und tragen den Naturschutzgedanken mit nach Hause in das gesamte Bundesgebiet. „Die Leute müssen über die Gefahren um unsere Natur Bescheid wissen, denn um diese Tiergruppe ist es in Deutschland schlecht bestellt.“ Man merkt’s ihm an: Der Mann lebt, was er sagt.

Axel Kramer bremst vor einem grauen Gebäude mit Flachdach. Er ist gerade mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Kurpark. Drei schwarze Kästen mit einer weißen Fledermaus-Silhouette hängen neben einem Schild mit der Aufschrift „Kurverwaltung“. „Hier an der Kurverwaltung und dort an dem Haus auf der gegenüberliegenden Seite haben wir erst vor wenigen Wochen neue Fledermauskästen angebracht“, erzählt er. Über einhundert Hausbesitzer in Dahme haben sich mit solchen Kästen eingedeckt. Eine Edelstahl-Plakette weist deren Eigenheime als „fledermausfreundliches Haus“ aus. Gebaut werden die Fledermauskästen von einer Behindertenwerkstatt, den „Oldenburger Werkstätten“. „Seit einem Jahr ist die Nachfrage nach den Kästen enorm gestiegen“, sagt Kramer „Die kommen mit der Produktion gar nicht mehr nach.“ Der Verkauf der Kästen sichert sechs feste Arbeitsplätze in den „Oldenburger Werkstätten“. „Damit hilft das Projekt nicht nur dem Naturschutzgedanken. Es hat auch einen sozialen und wirtschaftlichen Effekt“, erklärt Kramer bevor er wieder auf seinen Drahtesel steigt.

Es ist ein schöner Tag. Die Sonne steht tief am Himmel. Geschotterte Gehwege durchziehen die weiten Grünflächen im Kurpark. Hohe Bäume bieten viel Schatten und lassen den Park groß erscheinen. Etwa 50 Leute tummeln sich auf dem einzigen gepflasterten Platz im Kurpark. Es sind nicht so viele Besucher gekommen wie erwartet, an anderen Tagen sind es schon mal über 300. Um 21 Uhr geht es los: „Hat hier jemand Angst vor blutsaugenden Fledermäusen?“ nimmt Axel Kramer seine Gäste auf die Schippe, „Kreuz und Knoblauch hätte ich dabei.“ Die Menge lacht und stellt sich dichter um ihn herum. „Mit wem sind Fledermäuse verwandt? Weiß das jemand?“ Stille. Die Leute blicken auf den Boden, um auf jeden Fall zu vermeiden, angesprochen zu werden. Nur die kleine achtjährige Nina traut sich: „Mit der Maus“. Kramer schüttelt grinsend den Kopf. „Die Fledermäuse sind näher mit Igeln verwandt“, erklärt der Experte.

Die Sonne ist untergegangen und die Grillen zirpen energisch um die Wette. Damit weder die Eltern ihre Kinder, noch die Kinder ihre Eltern stören, gibt es heute Abend zwei Führungen. Die Mitarbeiter Frank Schütt und Helge Siems teilen die Fledermaus-Detektoren aus. Die Kleinen folgen den beiden Männern und halten sich sofort den Detektor ans Ohr. Jeder will als Erster eine Fledermaus finden. Auf einer kleinen Lichtung machen sie halt. Plötzlich beginnen die Geräte in kurzen Abständen vier oder fünf Mal hintereinander zu knattert. Aufgeregt recken die Kinder ihre Köpfe in die Höhe und suchen aufmerksam den Himmel ab. „Da war eine“, ruft der neunjährige Florian und zeigt auf den dunklen Schatten einer flatternden Fledermaus. Am Ufer des Kurparkteiches treffen die Eltern mit den Kindern wieder zusammen. Es ist völlig dunkel, die Bäume und Sträucher sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Die Detektoren geben pausenlos Signale. Axel Kramer schaltet beide Taschenlampen ein und zielt auf die Wasseroberfläche. Immer wieder sausen Fledermäuse durch den Lichtkegel der Lampe. Endlich lassen sich die Tiere ausgiebig beobachten.

Fledermaus-Vater Kramer hat mit seinem Engagement einen Stein ins Rollen gebracht. Die Bestände in der Region haben sich in den letzten Jahren deutlich erholt. Vor drei Jahren ist Dahme als erster „Fledermausfreundlicher Ort“ ausgezeichnet worden. Nachdem Kramer die muna erhalten hatte, ist das Projekt auch über Dahme hinaus in die Schlagzeilen geraten. Andere Orte in Ostholstein und im gesamten Bundesgebiet haben die Idee übernommen und bringen Fledermauskästen an öffentlichen Gebäuden an. Resignation und Kapitulation vor den Umweltproblemen dieser Welt? Dem setzt Kramer beherztes Engagement entgegen. Und ist sich sicher, dass so auch andere Naturschützer ticken. Gespannt blickt er deshalb auf den 28. September, wenn im Zentrum für Umweltkommunikation der DBU in Osnabrück die muna ein weiteres Mal verliehen wird - 113 Naturschützer haben sich in diesem Jahr um die muna 2007 beworben. Kramer weiß, was ihm und seinen Fledermäusen der Preis gebracht hat. Er packt seine Utensilien zusammen. Und während ihm eine Fledermaus ein letztes Mal um die Ohren zischt, wünscht er seinen Nachfolgern „viel Glück“! Und ergänzt: „Die Natur kann’s brauchen...“

Ramon Brentführer | Quelle: DBU
Weitere Informationen: www.dbu.de

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