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Warum ist Aufforstung kein weltweites Patentrezept zum Schutz des
Klimas, das Stehen lassen von Wäldern hingegen schon? Wälder der hohen
nördlichen Breiten haben vermutlich eine andere Funktion im Klimasystem
als Wälder der tropischen und gemäßigten Breiten. Dies zeigt eine Studie
von Martin Claussen, Victor Brovkin und Andrey Ganopolski, die im
kommenden Monat in der Zeitschrift Geophysical Research Letters
veröffentlicht wird. Obwohl auch boreale Wälder der Atmosphäre CO2
entziehen, tragen sie nach den Modellrechnungen von Martin Claussen zur
Erwärmung der Atmosphäre bei.
In den hohen nördlichen Breiten überwiegen in bezug auf das Klima die physikalischen Effekte gegenüber den chemischen. In den Tropen ist dies umgekehrt. Martin Claussen, Leiter der Abteilung Klimasystem am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, erklärt diesen Effekt so: "Die flache Tundravegetation ist im arktischen Frühling und Frühsommer von Schnee bedeckt und damit erheblich heller als die Wälder der Taiga. Die dunkleren Waldoberflächen absorbieren mehr Sonnenstrahlung. Dies hat eine Erwärmung der Luft zur Folge, die bei einer Ausdehnung der Wälder nach Norden stärker ins Gewicht fallen würde als die Fähigkeit der Wälder, der Atmosphäre das Treibhausgas CO2 zu entziehen. Eine künstliche Bewaldung in den hohen nördlichen Breiten könnte also zu einer Klimaerwärmung beitragen."
Generell trägt die Biosphäre mit ihrer Fähigkeit, CO2 zu speichern, zur
Stabilisierung des Klimas bei. Derzeit werden jährlich schätzungsweise 2
Milliarden Tonnen Kohlenstoff zusätzlich in Wäldern und Böden gespeichert.
Dies ist im wesentlichen auf die "Düngung" der Wälder durch den Anstieg
von CO2 und Stickstoff in der Atmosphäre sowie die globale Erwärmung
zurückzuführen. Auch bodenschonender Ackerbau und Aufforstung wirken sich
positiv auf die CO2-Speicherbilanz der Biosphäre aus und dieses Potential
sollte weiter ausgeschöpft werden. Die Speicherkapazität der Wälder ist
jedoch begrenzt. Dies zeigen Berechnungen mit mehreren Vegetationsmodellen
die Wolfgang Cramer vom PIK zusammen mit internationalen Kollegen
durchführte. Den Berechnungen zufolge kann bereits in wenigen Jahrzehnten
kein zusätzliches CO2 mehr von der Vegetation gespeichert werde. Zudem
können sich Wälder durch Waldbrände oder Trockenstress schnell von einer
CO2-Senke in eine CO2-Quelle verwandeln. Dies hängt mit der Eigenschaft
der Pflanzen zusammen, beim Zerfall oder bei der Verbrennung CO2 an die
Atmosphäre zurückzugeben.
Die Arbeiten von Claussen und Cramer
zeigen, dass die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Funktionsweise der
unterschiedlichen Ökosysteme im Klimasystem noch lange nicht abgeschlossen
sind. Es ist bisher nicht möglich, die natürliche Kohlenstoffbindung
einzelner Staaten zu berechnen, wie es im Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz
von 1997 vorgesehen ist. Sollte in der bevorstehenden 6.
Vertragsstaatenkonferenz in Den Haag die Anrechnung von biologischen
Senken nicht verhindert werden können, obwohl sie aus wissenschaftlicher
Sicht unsinnig und klimapolitisch ein Risiko ist, sind nach Meinung von
Wolfgang Cramer extrem strenge Regeln bei der Anrechnung von Senken nötig.
"Mit diesen Regeln muss vermieden werden, dass Primärwälder abgeholzt werden,
nur um dann als Plantagen wieder aufgeforstet zu werden."
Der einzig vernünftige Klimaschutz hinsichtlich der Biosphäre besteht nach Ansicht der PIK-Wissenschaftler darin, Wälder erst gar nicht abzuholzen. Der Raubbau an tropischen und sibirischen Wäldern durch den Menschen ist zur Zeit für schätzungsweise 20 % der klimaerwärmenden Emissionen verantwortlich. Die Arbeiten von Wolfgang Cramer und seinen Kollegen zeigen auch, warum man bei der Rodung und anschließenden Aufforstung keine anrechenbare Leistung für den Klimaschutz erzielt: Nicht nur die oberirdischen Pflanzenteile würden Kohlenstoff speichern, sondern auch die Wurzeln in den Böden. Über die langsame Zersetzung der Wurzelmasse werde auch bei einer Neuanpflanzung immer noch CO2 freigesetzt. Durch jeden gerodeten Wald gehe ein Teil eines hochleistungsfähigen Kohlenstoffspeichers verloren.
Weitere wissenschaftliche Informationen erhalten Sie von:
Prof. Dr. Wolfgang Cramer
Potsdam-Institut für
Klimafolgenforschung
Tel.: 0331 288
2521
Wolfgang.Cramer@pik-potsdam.de
http://www.pik-potsdam.de/~cramer
Prof. Martin Claussen
Potsdam-Institut für
Klimafolgenforschung
Tel.: 0331 288 2522 / 030 838 711
03
Martin.Claussen@pik-potsdam.de
Hinweis für Journalisten:
Honorarfreier Abdruck erlaubt, Belegexemplar erwünscht.
Allgemeine Informationen erhalten Sie von der Pressestelle:
Margret Boysen
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
Tel.
0331 288 25 07
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Margret Boysen | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
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