Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Gemeinsam für den Artenschutz: Vom Feld bis an die Ladentheke

06.03.2017

Rund 28.000 Tier- und Pflanzenarten gelten weltweit als gefährdet. Ein Problem, das uns zunehmend auch auf den heimischen Wiesen und Feldern begegnet. Denn wo der Mensch das Land intensiv bearbeitet, bleibt weniger Platz für Ackerwildkräuter, Feldvögel und Insekten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e.V. verbinden im Modellprojekt »Landwirtschaft für Artenvielfalt« jetzt die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirte mit dem Naturschutz und erhalten hierbei Unterstützung von einem der größten Lebensmittelhändler Deutschlands.

Sie sind die Jubelsänger des Frühlings, doch ihr Gesang ist immer seltener zu hören. In den letzten 30 Jahren ist der Bestand der Feldlerche dramatisch zurückgegangen, in manchen Regionen sogar um 90 Prozent. Seit 1980 haben sich die Gesamtbestände von Agrarvögeln in Europa halbiert, ein ähnlicher Trend ist auch bei anderen Artengruppen wie den Tagfaltern zu beobachten.


Zu den gefährdeten Arten gehört der Laubfrosch.

Frank Gottwald / ZALF


Extensiv genutzte Streifen am Rand von Kleingewässern sind für Amphibien wichtige Lebensräume. Auch Heuschrecken, Tagfalter und andere Insekten profitieren davon.

Frank Gottwald / ZALF

Mit jeder ausgestorbenen Tier- oder Pflanzenart gehen nicht nur Gene, Farben, Formen und Geräusche unwiederbringlich verloren. Auch wichtige Ökosystemleistungen sind dadurch bedroht, wie die Bestäubung vieler Nahrungspflanzen durch Insekten, die klimaregulierende Funktion von Pflanzen oder auch die heilsame Wirkung einer durch natürliche Vielfalt geprägten Landschaft auf den Menschen.

In Deutschland sind inzwischen jede achte Vogelart, ungefähr 130 Ackerwildkrautarten, jede dritte Amphibie und die Hälfte der Insekten gefährdet. »Das Artensterben geht in beängstigendem Tempo voran«, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger vom Institut für Landnutzungssysteme des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V.

»Mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Das schafft Lebensräume für Tiere und Pflanzen, stellt gleichzeitig aber auch eine Gefährdung dar.« Ein Grund: Felder und Wiesen werden ausgerechnet dann bearbeitet, wenn sich Pflanzen und Tiere fortpflanzen.

»Der Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und mineralische Stickstoffdüngemittel im Ökolandbau ist schon eine gute Voraussetzung für den Naturschutz. Wenn wir das Artensterben aufhalten wollen, müssen wir aber noch mehr Bereiche in der landwirtschaftlichen Bearbeitung unter Naturschutzaspekten überprüfen, Bewirtschaftungsalternativen aufzeigen und diese auch bewertbar machen«, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger. Was bisher fehlt, ist ein geeigneter und anerkannter Maßstab für die Praxis. Hier setzt das Modellprojekt »Landwirtschaft für Artenvielfalt« an, das 2012 unter wissenschaftlicher Leitung des ZALF gemeinsam von der Umweltorganisation WWF Deutschland und dem ökologischen Anbauverband Biopark initiiert wurde. Bisher sind 60 Biobauernhöfe in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt aktiv dabei.

Ein Katalog von Naturschutzleistungen

In den letzten Jahren hat ein Team vom ZALF unter Leitung von Diplom-Biologe Frank Gottwald und Dr. Karin Stein-Bachinger untersucht, welche Auswirkungen bestimmte Naturschutzmaßnahmen auf wildlebende Tiere und Pflanzen sowie die Landwirtschaft haben. »Ornithologen haben immer wieder in Tarnzelten gesessen, um Feldvögel zu beobachten«, erzählt Frank Gottwald.

»Diese nisten gerne im Kleegras, das auf Biohöfen zur Futtergewinnung und Bodenverbesserung angebaut wird«, scheinbar gute Voraussetzungen für Feldvögel. Aber das Kleegras wird gemäht, wenn die Jungvögel noch nicht fliegen können – nur wenige überleben das. Acker-Lichtnelke und Acker-Schwarzkümmel sind heute nur noch selten auf den Feldern zu finden. Sie blühen erst im Sommer, wenn das Getreide schon reif ist. Ihr Problem: Die Äcker werden sofort nach der Ernte bearbeitet.

Damit werden auch die Kräuter untergepflügt, bevor sie Früchte bilden können. Ihre Beobachtungen haben die Experten ausgewertet und Vorschläge entwickelt, wie diese Konflikte gelöst werden können. »Wird das Kleegras später gemäht oder bleibt sogar ein Teilbereich stehen, werden die Nester der Feldvögel nicht zerstört. Das hilft auch Junghasen, Amphibien, Tagfaltern und Heuschrecken, die in der höheren Vegetation Nahrung und Deckung finden.«

Mehr als 100 Naturschutz-ideen für Felder, Wiesen und Weiden, die Pflege der Landschaft und den Schutz einzelner Arten haben die Experten zusammengetragen. Speziell geschulte Naturschutzberater helfen den Landwirten genau jene herauszufiltern, die für ihren Standort und ihre Betriebsabläufe sinnvoll sind.

Artenschutz geht uns alle an

»Naturschutz bedeutet für die Landwirte in der Regel einen zusätzlichen Aufwand«, erklärt Dr. Karin Stein-Bachinger. »Dieser investiert nicht nur Zeit, er nimmt auch Ertragseinbußen in Kauf. Um hierfür einen Ausgleich zu schaffen, bedarf es auch der Unterstützung des Lebensmittelhandels und der Verbraucherinnen und Verbraucher.« Den Landwirten zahlt das Handelsunternehmen EDEKA daher einen Aufpreis für bestimmte Produkte, quasi als Naturschutz-Bonus. Für den Verbraucher entstehen keine Mehrkosten. Ein eigens entwickeltes Logo »Landwirtschaft für Artenvielfalt« kennzeichnet die Produkte.

Um diese Zertifizierung zu erreichen, müssen die Betriebe Naturschutzpunkte sammeln. Dazu haben die Forscher am ZALF gemeinsam mit einem Team von 40 Experten aus den Bereichen Naturschutz, Landwirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung jede Naturschutzmaßnahme mit Punkten bewertet. »Die Punktzahl richtet sich danach, wie effektiv die Maßnahme für den Schutz von wildlebenden Tier- und Pflanzenarten sowie deren Lebensräume ist.

So gibt es für die spätere Bodenbearbeitung nach der Ernte bis zu einem Punkt pro Hektar, acht Wochen ohne Nutzung während der Brutzeit im Kleegras bringt drei Punkte pro Hektar, und wenn Teilflächen über Winter sogar stehengelassen werden, ist das gleich zehn Punkte wert.« Für das Naturschutzzertifikat muss der Betrieb eine Mindest-punktzahl pro Hektar erfüllen. Das System ermöglicht daher sowohl eine Bewertung sehr kleiner, aber auch sehr großer Betriebe. Mehr als 50 Ökobetriebe in Nordost-Deutschland sind bereits zertifiziert.

Diese Naturschutzbewertung für Landwirtschaftsbetriebe ist deutschlandweit bisher einzigartig. Es wird kein klassischer Einzelarten- oder Einzelflächen-Naturschutz betrieben. »Mit den bisher beteiligten Landwirten können wir auf einer Gesamtfläche von ca. 40.000 Hektar erstmals großflächigen und umfassenden Naturschutz gemeinsam mit der Landwirtschaft realisieren«, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger.

Eine Fachjury zeichnete das Projekt dafür im Jahr 2016 als weg-weisendes Projekt der UN-Dekade »Biologische Vielfalt« aus. Nun ist der Kunde gefragt. Mit dem Kauf der Produkte kann jeder einen Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt leisten. Über einen Tracking Code gelangt man auf die Website des Projektes www.landwirtschaft-artenvielfalt.de und kann sich dort informieren und erfahren, welche Leistungen die Betriebe für den Naturschutz erbringen.

Bisher gibt es die Naturschutz-Produkte nur in den EDEKA-Nord-Märkten. »Unser Ziel ist es, dass weitere Ökobetriebe aus anderen Regionen Deutschlands mitziehen«, sagt Dr. Karin Stein-Bachinger. Das Modell macht Schule: In Süddeutschland werden ab 2017 Untersuchungen auf zehn Pilotbetrieben durchgeführt.

Weitere Informationen:

http://www.landwirtschaft-artenvielfalt.de
http://www.zalf.de/FELD weiteres Bildmaterial und Infografiken zum Beitrag in der Gesamtausgabe des Forschungsmagazins FELD

Hendrik Schneider | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Das Schweigen der Hummeln
15.11.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Nachhaltige Wasseraufbereitung löst Algenprobleme
26.10.2017 | SCHOTT AG

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte