Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Asiens Reisfelder standen Pate: Rohrkolben bringt Leben in deutsche Niedermoore zurück

30.01.2002


Ein kleines Stück Natur wurde innerhalb der landwirtschaftlichen Flächen für die niedermoortypischen Arten zurückgewonnen: Die Rohrkolbenfelder bieten Tieren und Pflanzen wichtige Rückzugsräume


Projekt der TU München bestätigt Bedeutung des Rohrkolbenanbaus - Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) förderte mit 980.000 Euro


Buntes Treiben im Donaumoos bei Ingolstadt: Libellen, Amphibien und Wasservögel finden sich in der durch intensive Landwirtschaft verlorengegangenen Niedermoorlandschaft wieder ein. Zu verdanken ist dieser Erfolg auf einer acht Hektar großen Versuchsfläche dem "Multitalent Rohrkolben". Vor drei Jahren pflanzten Wissenschaftler der Technischen Universität (TU) München, Lehrstuhl für Vegetationsökologie (Freising-Weihenstephan in Bayern) von Hand 110.000 Pflanzen. Mit dem drei Jahre währenden Projekt, das nunmehr abgeschlossen wurde, wiesen die Forscher nach, dass eine Renaturierung dieser Moorflächen mithilfe des Rohrkolbens gelingen kann. Bei der notwendigen Überflutung der Anbauflächen stellte sich zudem heraus, dass diese Pflanze als Pflanzenkläranlage verschmutzte Gewässer reinigt. "Damit ähnelt der Rohrkolben in seinem Anbau den asiatischen Reisfeldern, denn auch diese werden mit nährstoffhaltigem Wasser überschwemmt und gedüngt", erläuterte Fritz Brickwedde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), Osnabrück, die dieses Projekt mit 980.000 Euro unterstützte.

Renaturierung einer einzigartigen Naturlandschaft


Einst das größte zusammenhängende Niedermoorgebiet an der Donau sei das Donaumoos heute kaum noch als solches zu erkennen. Mit seiner Kultivierung für die Landwirtschaft, die vor 200 Jahren begonnen habe, habe dieses Gebiet zunehmend seinen einzigartigen Charakter als Naturlandschaft verloren. Heute seien nur noch Restflächen mit niedermoortypischen Tieren und Pflanzen vorhanden. Dabei gestalte sich die landwirtschaftliche Nutzung des Niedermoores zunehmend schwierig: Stets aufs Neue mussten die Entwässerungsgräben vertieft werden, um Ackerbau weiter zu ermöglichen. Dadurch trockneten die oberen Bodenschichten aus, der fruchtbare Boden werde durch den Wind abgetragen. "Drei Meter Moorboden sind so auf diese Weise bisher verloren gegangen; das entspricht etwa 6.000 Hektar Niedermoor oder der Größe von 8.000 Fußballfeldern", erläuterte Brickwedde. Zudem erhöhe sich die Zahl von Überschwemmungen, da die Gräben durch die Vertiefung an Gefälle verlören und das Wasser nicht schnell genug ablaufe.

Rohrkolben als natürliche Kläranlage

Um diesem "Teufelskreis der Moornutzung" wirksam entgegenzutreten und die einzigartige Niedermoorlandschaft zu bewahren, sei auf einem Teil des Donaumooses Rohrkolben angepflanzt worden. Die Grasnarbe der Grünlandschaft habe man abgeschält und mit dem anfallenden Material das Gebiet eingedeicht. Da Rohrkolben einen hohen Nährstoffbedarf besitze, habe man nährstoffbelastetes Grabenwasser von landwirtschaftlichen Nutzflächen auf das Anbaugebiet geleitet, um das Wachstum der Pflanzen zu fördern und den günstigen Nebeneffekt der Wasserreinigung zu erreichen. Mithilfe des Rohrkolben sei es gelungen, Nährstoffe wie Nitrat, Ammonium und Phosphat herauszufiltern. Damit sei bewiesen worden, dass derartige Feuchtflächen hervorragend zur Reinigung von belastetem Oberflächenwasser geeignet seien, wenn ein bewusst auf den Bedarf abgestimmtes Wassermanagement stattfinde. Bis zu 85 Prozent des Stickstoffs und bis zu 75 Prozent des Phosphates können aus dem zufließenden Wasser entfernt werden.

Landwirte profitieren

"Das Argument der Renaturierung und des Moorschutzes kann jedoch nicht ausreichen, um bei Bauern ein Umdenken zu bewirken. Landwirte sind auf die Einnahmen ihrer Anbauflächen angewiesen", betonte Brickwedde. Das umfassende Konzept der TU München habe auch diesen Aspekt berücksichtigt. So sei mit dem Rohrkolben als nachwachsendem Rohstoff ein Produkt zur Weiterverwertung entwickelt worden: Aufgrund der Struktur seiner Blätter, die sehr elastisch und leicht seien, lasse sich der Rohrkolben nach der Ernte zu einem marktfähigen Dämmstoff weiterverarbeiten, der nach Ablauf seiner Lebensdauer ohne giftige Rückstände kompostierbar sei.

Rohrkolben-Anbau zeigt vielfältige Vorteile

Der überzeugende Erfolg des Projektes schlage sich dabei auch im zukünftigen Landnutzungskonzept des Donaumoos-Zweckverbandes nieder. Die niedermoorschonende und extensive Grünlandnutzung werde deutlich ausgeweitet. Der Anbau von Rohrkolben ermögliche dabei neben Hochwasser-, Arten-, Natur- und Moorschutz auch weiterhin eine, wenn auch an die Bedürfnisse der Landschaft angepasste, landwirtschaftliche Nutzung.

Bei fachlichen Fragen wenden Sie sich bitte an:

Prof. Dr. Jörg Pfadenhauer
Technische Universität München
Lehrstuhl für Vegetationsökologie
Telefon: 08161-71-3498
oder an Dipl.-Biologin Sabine Heinz
Telefon: 08161-71-4141

Katja Diehl | DBU

Weitere Berichte zu: Donaumoos Niedermoor Niedermoorlandschaft Reisfelder Rohrkolben

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Ökologie Umwelt- Naturschutz:

nachricht Von der Weser bis zur Nordsee: PLAWES erforscht Mikroplastik-Kontaminationen in Ökosystemen
20.09.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Der Monsun und die Treibhausgase
18.09.2017 | Forschungszentrum Jülich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Ökologie Umwelt- Naturschutz >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften