Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sein oder Nichtsein: Bessere Tests für die Existenz der „Schrödinger-Katze“

18.04.2016

Wissenschaftler am MPQ entwickeln neue Beweisverfahren für den makroskopischen Realismus

In der klassischen Welt besitzen Objekte vorgegebene Eigenschaften. Physikalische Einflüsse wirken streng lokal und Eigenschaften makroskopischer Systeme können im Prinzip gemessen werden ohne sie zu verändern. Diese Regeln kennzeichnen das Weltbild des „lokalen“ und des „makroskopischen Realismus“ und stehen im Widerspruch zur Quantenmechanik. Doch welche Theorie in welchem Rahmen gilt, ist noch nicht in allen Punkten ausgetestet und derzeit Gegenstand weltweiter Forschungsaktivitäten.


Links: Alle vernünftigen physikalischen Theorien, die Quantenmechanik (QM) eingeschlossen, gehorchen der „no-signalling“ (NS) Annahme. Lokaler Realismus (LR) ist durch die Bell’schen Ungleichungen (BI) eng eingegrenzt, die somit ein optimales Werkzeug für experimentelle Tests darstellen. NS, QM, und LR befinden sich in einem Wahrscheinlichkeitsraum der gleichen Dimension, hier der Einfachheit halber in zwei Dimensionen gezeichnet. Rechts: Ein ganz anderes Bild ergibt sich für den makroskopischen Realismus (MR). Hier haben die Wahrscheinlichkeitsräume von MR und QM unterschiedliche Dimensionen. Die Leggett-Garg-Ungleichungen (LGI) sind Schnitte durch den QM-Raum und grenzen MR nicht eng ein. Daher sind LGI nicht optimal für experimentelle Tests des MR. MPQ, Abteilung Theorie

Als optimales Werkzeug für die Widerlegung des lokalen Realismus in Quanten-Experimenten haben sich die sogenannten Bell’schen Ungleichungen herausgestellt. Entsprechende Ungleichungen wurden in den vergangenen Jahrzehnten auch für die Überprüfung des makroskopischen Realismus herangezogen.

Lucas Clemente und Johannes Kofler aus der Abteilung Theorie am Max-Planck-Institut in Garching haben jetzt gezeigt, dass in diesem Fall Ungleichungen aus grundsätzlichen Erwägungen nicht das optimale Werkzeug sind. Ihre Ergebnisse offenbaren, dass sich die für den lokalen Realismus charakteristischen räumlichen Korrelationen und die für den makroskopischen Realismus relevanten zeitlichen Korrelationen, angewendet auf die Quantenphysik, in ihrer mathematischen Struktur gravierend unterscheiden.

Gleichzeitig liefern sie mit der „no-signalling-in-time“-Annahme ein neues und besseres Werkzeug für die Suche nach Zuständen von der Art der „Schrödinger-Katze“ (PhysRevLett 116.150401, 15. April 2016).

Zwei fundamentale Annahmen kennzeichnen das Weltbild des lokalen Realismus: Zum einen liegen die Eigenschaften von Objekten nicht im Auge des Betrachters, sondern sind fest vorgegeben. Zum andern können sich physikalische Einflüsse niemals schneller als mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten. 1964 entdeckte John Bell, dass sich aus diesen Annahmen Einschränkungen für die möglichen Korrelationen zwischen Messungen an räumlich getrennten Objekten ergeben. Diese werden heute auch als die „Bell’schen Ungleichungen“ bezeichnet.

1984 bewies Arthur Fine, dass alle lokal-realistischen Theorien den Bell’schen Ungleichungen genügen müssen. Darüber hinaus lässt sich aus der Gültigkeit der Bell’schen Ungleichungen folgern, dass es für die beobachteten Daten eine lokal-realistische Erklärung gibt. In den vergangenen Jahrzehnten haben quantenphysikalische Experimente wiederholt mit immer höherer Genauigkeit belegt, dass die Bell’schen Ungleichungen verletzt werden können, z.B. wenn man es mit verschränkten Quanten-Zuständen von zwei oder mehr Systemen zu tun hat.

Damit wurde das Weltbild des lokalen Realismus in Bezug auf die räumlichen Korrelationen von Objekten schlüssig widerlegt. Auch in der Quantenmechanik gilt jedoch die „no-signalling“-Annahme, dass Signalübertragung mit Überlichtgeschwindigkeit nicht möglich ist. Sie gehört zu den festen Säulen der Speziellen Relativitätstheorie, und ihre Verletzung stände im Widerspruch zur Kausalität: sie würde implizieren, dass man mit der Vergangenheit kommunizieren kann. Quantenexperimente können daher nur die Bell’schen Ungleichungen verletzen, nicht jedoch die „no-signalling“ Annahme.

Das Gegenstück zur Verschränkung von Quantensystemen, aus der sich die Verletzung der Bell‘schen Ungleichungen beim lokalen Realismus ergibt, ist das berühmte Paradoxon der „Schrödinger Katze“ als Test für die Gültigkeit des makroskopischen Realismus. Gemäß diesem „Gedankenexperiment“ kann die Katze in einen Überlagerungszustand gebracht werden, in dem sie gleichzeitig tot und lebendig ist.

Solche Überlagerungszustände existieren erwiesenermaßen für mikroskopische Objekte. Die meisten Physiker hadern jedoch mit dem Umstand, dass die Quantenmechanik im Prinzip ein solches seltsames Verhalten auch auf makroskopischer Skala erlauben würde. Im Weltbild des makroskopischen Realismus ist eine Superposition makroskopischer Zustände dagegen strikt verboten, und makroskopische Objekte können gemessen werden, ohne sie gleichzeitig zu verändern.

1985 zeigten Anthony Leggett und Anupam Garg, dass sich aus den Annahmen des makroskopischen Realismus Einschränkungen ergeben in Bezug auf die zeitlichen Korrelationen, die zwischen aufeinander folgenden Messungen an einem einzelnen Quantensystem auftreten können. Analog zu den Bell’schen Ungleichungen für den lokalen Realismus lassen sich somit auch für den makroskopischen Realismus Ungleichungen definieren, denen diese zeitlichen Korrelationen genügen müssen.

In den vergangenen Jahren wurden diese „Leggett-Garg-Ungleichungen“ in vielen Experimenten verletzt, allerdings nur mit mikroskopischen Quantensystemen, die den makroskopischen Realismus nicht widerlegen können. Ob es tatsächlich möglich ist, makroskopische Objekte wie eine ausgewachsene Katze in einen Superpositionszustand zu bringen, ist experimentell noch nicht entschieden. Es ist eine der spannendsten noch offenen Fragen, die die Grundlagen der Physik betreffen.

Auch wenn es im lokalen Realismus um räumliche Korrelationen zwischen wenigstens zwei Systemen geht und beim makroskopischen Realismus um zeitliche Korrelationen von Messungen an einem einzelnen Objekt, so bestehen doch viele Analogien zwischen den Konzepten, und die entsprechenden Bell’schen und Leggett-Garg‘schen Ungleichungen sind in ihrer mathematischen Struktur fast identisch. Die Arbeit von Clemente und Kofler hat nun einen bemerkenswerten und bislang unbekannten fundamentalen Unterschied aufgedeckt: mit einer ausgeklügelten Analyse der Dimensionen von Wahrscheinlichkeitsräumen gelang es ihnen zu beweisen, dass das von Arthur Fine für den lokalen Realismus postulierte Theorem nicht auf das Weltbild des makroskopischen Realismus übertragen werden darf. Mit anderen Worten, die Leggett-Garg-Ungleichungen bilden – im Gegensatz zu den Bell’schen Ungleichungen für den lokalen Realismus – keine optimale Grenze für die makro-realistischen Theorien (siehe Abbildung).

Der Grund dafür ist interessanterweise die zeitliche Analogie zu der „no-signalling“-Annahme. Die „no-signalling-in-time“ Annahme fordert, dass die Ergebnisse späterer Messungen an makroskopischen Objekten nicht von früheren Messungen abhängen dürfen. Diese Regel gilt im makroskopischen Realismus, wird aber in der Quantenmechanik verletzt. „Im Gegensatz zu den Leggett-Garg-Ungleichungen ist die Kombination aller „no-signalling-in-time“-Bedingungen sowohl notwendig als auch hinreichend für den makroskopischen Realismus“, erklärt Clemente. „Das offenbart einen entscheidenden Unterschied zwischen den räumlichen Korrelationen bei Tests des lokalen Realismus und den zeitlichen Korrelationen bei Tests des makroskopischen Realismus.“

Physiker, die mit ihren Experimenten den makroskopischen Realismus widerlegen wollen, sollten sich demzufolge nicht mehr auf die Legget-Garg-Ungleichungen fokussieren, wie sie es viele Jahre lang gemacht haben. „Die Leggett-Garg Ungleichungen schränken den Parameterraum, in dem mögliche Verletzungen des makroskopischen Realismus gefunden werden können, unnötig stark ein“, ergänzt Kofler. „Die ‚no-signalling-in-time’-Bedingung ist nicht nur besser, sondern sogar optimal für experimentelle Tests, ob die Schrödinger-Katze in der Natur existieren kann.“ Olivia Meyer-Streng

Originalveröffentlichung:

Lucas Clemente and Johannes Kofler
No Fine theorem for macrorealism: Limitations of the Leggett-Garg inequality
Phys.Rev.Lett.116.150401, DOI:10.1103, 15. April 2016

Kontakt:

Dr. Johannes Kofler
Max-Planck-Institut für Quantenoptik
Hans-Kopfermann-Str. 1
85748 Garching b. München
Telefon: +49 (0)89 / 32 905 - 242
E-Mail: johannes.kofler@mpq.mpg.de

Dr. Olivia Meyer-Streng
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Quantenoptik
Telefon: +49 (0)89 / 32 905 - 213
E-Mail: olivia.meyer-streng@mpq.mpg.de

Dr. Olivia Meyer-Streng | Max-Planck-Institut für Quantenoptik
Weitere Informationen:
http://www.mpq.mpg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Ultra-sensitiv dank quantenmechanischer Verschränkung
28.06.2017 | Universität Stuttgart

nachricht Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit
26.06.2017 | Universität Bremen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schnelles und umweltschonendes Laserstrukturieren von Werkzeugen zur Folienherstellung

Kosteneffizienz und hohe Produktivität ohne dabei die Umwelt zu belasten: Im EU-Projekt »PoLaRoll« entwickelt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen gemeinsam mit dem Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik UMSICHT und sechs Industriepartnern ein Modul zur direkten Laser-Mikrostrukturierung in einem Rolle-zu-Rolle-Verfahren. Ziel ist es, mit Hilfe dieses Systems eine siebartige Metallfolie als Demonstrator zu fertigen, die zum Sonnenschutz von Glasfassaden verwendet wird: Durch ihre besondere Geometrie wird die Sonneneinstrahlung reduziert, woraus sich ein verminderter Energieaufwand für Kühlung und Belüftung ergibt.

Das Fraunhofer IPT ist im Projekt »PoLaRoll« für die Prozessentwicklung der Laserstrukturierung sowie für die Mess- und Systemtechnik zuständig. Von den...

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Marine Pilze – hervorragende Quellen für neue marine Wirkstoffe?

28.06.2017 | Veranstaltungen

Willkommen an Bord!

28.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Proteine entdecken, zählen, katalogisieren

28.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Scheinwerfer-Dimension: Volladaptive Lichtverteilung in Echtzeit

28.06.2017 | Automotive

Marine Pilze – hervorragende Quellen für neue marine Wirkstoffe?

28.06.2017 | Veranstaltungsnachrichten