Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit Ionen-Pingpong magische Neutronenzahl exotischer Atomkerne bestätigt

21.05.2015

Einem internationalen Wissenschaftlerteam ist es erstmals gelungen, die Bindungsenergien von Atomkernen der exotischen Kaliumisotope 52K und 53K massenspektrometrisch zu bestimmen. Die Messungen am europäischen Forschungszentrum CERN erfolgten mit einem an der Universität Greifswald gebauten Flugzeitspektrometer. Die Resultate ergänzen Untersuchungsergebnisse, die vor zwei Jahren bei den entsprechenden Calciumisotopen erzielt wurden. Sie bestätigen die damals ermittelte neue magische Neutronenzahl N=32. Über die Messergebnisse und begleitende theoretische Berechnungen berichtet das internationale Fachmagazin Physical Review Letters in seiner jüngsten Ausgabe (22. Mai 2015).

Alle Atome bestehen aus einer Elektronenhülle und einem Kern aus Protonen und Neutronen. Die Anzahl der Protonen bestimmt die Zugehörigkeit zu dem jeweiligen chemischen Element, die der Neutronen die Isotopenart. Nur wenige der bekannten Atomkerne sind völlig stabil.


Marco Rosenbusch an einem ähnlichen Multireflektions-Flugzeit-Massenspektrometer im Institut für Physik der Universität Greifswald

Foto: Dr. Birgit Schabinger


Skizze des Multireflektions-Flugzeit-Massenspektrometers

Grafik: Frank Wienholtz

Die meisten zerfallen unter Abgabe radioaktiver Strahlen. Aber die Instabilität kommt in unterschiedlicher Ausprägung vor. Maß der Stabilität ist die Bindungsenergie der Protonen und Neutronen im Kern. Diese können sich, ähnlich wie die Elektronen der Atomhülle, in verschiedenen Schalen aufhalten.

Kerne mit abgeschlossenen Schalen, wie für stabiles Calcium, Zinn oder Blei bei den Protonenzahlen 20, 50 bzw. 82, haben vergleichsweise hohe Bindungsenergien oder mit anderen Worten: Die Energie, die man benötigt, um ein Proton zu entfernen, ist deutlich größer als bei ihren „Nachbarn“, die nur ein oder wenige weitere Protonen in der nächsten Schale besitzen. Mit den Neutronen verhält es sich genauso.

Im Zusammenhang mit diesen besonderen schalenstabilisierten Kernen spricht man auch von den „magischen“ Protonen- und Neutronenzahlen. Im Bereich der stabilen und langlebigen Kerne sind diese magischen Zahlen, nämlich 8, 20, 28, 50, 82 und 126, schon seit Jahrzehnten bekannt.

Inzwischen zeigt sich aber, dass die Stabilitätsverhältnisse – und damit auch die Werte der magischen Zahlen – umso größeren Veränderungen unterworfen sind, je weiter man in die Gebiete der exotischen Kerne vorstößt. Als exotische Kerne bezeichnet man die kurzlebigen, d. h. solche, die schon in wenigen Stunden, Minuten, Sekunden oder nur Bruchteilen davon zerfallen.

Vor zwei Jahren konnte mit dem Spektrometer ISOLTRAP am CERN ein neuer Neutronenschalenabschluss massenspektrometrisch nachgewiesen werden. Das ISOLTRAP-Team besteht aus Wissenschaftlern des CERN, des Max-Planck-Instituts für Kernphysik in Heidelberg, des Helmholtzzentrums für Schwerionenforschung in Darmstadt, des Helmholtz-Instituts Mainz sowie von Universitäten in Dresden, Greifswald, Istanbul (Türkei), Leuven (Belgien) und Orsay (Frankreich). Damals wurden die Massen und damit die Bindungsenergien der exotischen Calciumisotope mit 33 und 34 Neutronen untersucht.

Es zeigte sich, dass diese Isotope besonders kleine Neutronenseparationsenergien besitzen, das heißt, dass der Energieaufwand zum Abtrennen eines beziehungsweise zweier Neutronen besonders klein ist, verglichen mit dem Calciumisotop mit 32 Neutronen. Damit konnte die Neutronenzahl N=32 als magische Zahl für exotische Calciumkerne sicher bestimmt werden.

Allerdings blieb die spannende Frage, ob es sich hier um einen Einzelfall handelt oder eine weitergehende Systematik vorliegt, das heißt ob dieser Neutronenschalenabschluss auch bei anderen Elementen vorliegt. Immerhin ist ja Calcium ein besonderes Element, da schon seine Protonenzahl, nämlich Z=20, magisch ist. Das ISOLTRAP-Team knüpfte jetzt hier an, indem es die Calcium-Untersuchungen auf das Nachbarelement Kalium erweiterte. Dessen Atome besitzen ein Proton weniger, also Z=19. Wieder mussten die Kerne mit N=33 und 34 Neutronen untersucht werden.

Allerdings war jetzt der Neutronenüberschuss gegenüber den Protonen noch größer als schon beim Calcium. Dieser Überschuss ist ebenfalls ein Maß dafür, wie exotisch die Kerne sind. Hatten schon die beiden Calciumisotope Halbwertszeiten von nur einer halben bzw. einer zehntel Sekunde, so verringerten sie sich nun beim Kalium auf nur eine zehntel bzw. eine dreißigstel Sekunde. Als besondere Herausforderung kam hinzu, dass es schwieriger wurde, diese Teilchen in ausreichender Anzahl durch Kernreaktionen für die Massenmessungen zu erzeugen.

Aber sowohl die kurze Halbwertszeit als auch die geringe Teilchenzahl reichten immer noch aus für die Präzisionsmessungen mit dem „Multireflexions-Flugzeitmassenspektrometer“, das von den Greifswalder Partnern zur ISOLTRAP-Apparatur beigesteuert wurde. Dessen Messprinzip, die Flugzeitmassenmethode, ist schnell erklärt: Alle Ionen erfahren die gleiche Kraft und werden daher bei unterschiedlicher Masse entsprechend unterschiedlich beschleunigt, analog zur großen Beschleunigung eines leichten Sportwagens im Vergleich zu der eines schweren Lastkraftwagens, auch wenn beide über eine gleich hohe Motorleistung verfügen.

Die unterschiedlichen Beschleunigungen führen zu entsprechenden Geschwindigkeiten in einer kräftefreien Driftstrecke, und die Teilchen kommen gemäß ihren Massen nacheinander am Detektor an – zunächst die leichten und später die schweren: So entsteht ein Massenspektrum. Bei den meisten Flugzeitmassenspektrometern beschränken sich die Driftstrecken auf etwa einen Meter Länge.

Beim ISOLTRAP-Spektrometer wird aber ein Trick angewendet: Die zu untersuchenden Teilchen werden zwischen zwei „Ionenspiegeln“ mehrere hundert bis tausend Mal hin und her reflektiert. So können in der Messapparatur trotz einer Länge von nur einem Meter kilometerlange Driftstrecken erreicht werden. Und dieses „Ionen-Pingpong“ dauert nur wenige Millisekunden – ein weiterer Vorteil gegenüber alternativen Methoden der Massenmessung. (siehe auch: Medieninformation „Mit Ionen-Pingpong Kräfte in Atomkernen sichtbar gemacht“ http://idw-online.de/de/news539615)

Begleitend zu den ISOLTRAP-Experimenten haben Kollegen in Frankreich, Großbritannien und Kanada theoretische Untersuchungen zu den Kaliumkernen durchgeführt. Auch hierbei gab es im Vergleich zum Calcium vor zwei Jahren neue Herausforderungen, insbesondere aufgrund der ungeraden Protonenzahl. Die jetzt verwendeten neuesten Berechnungsmethoden, die auf sogenannten Gorkov-Green-Funktionen basieren, führten zu einer guten Übereinstimmung mit den Messwerten.

Mit den bisherigen Experimenten sind die Untersuchungen der magischen Neutronenzahl N=32 bei weitem noch nicht abgeschlossen. Insbesondere besteht ein großes Interesse an Messungen bei Scandium und den nächsten Nachbarelementen. Darüber hinaus darf man auf Meldungen von weiteren neuen magischen Zahlen in anderen Bereichen der Nuklidkarte gespannt sein.

Weitere Informationen:

Originalveröffentlichung
Probing the N = 32 shell closure below the magic proton number Z = 20: Mass measurements of the exotic isotopes 52,53K, M. Rosenbusch, P. Ascher, D. Atanasov, C. Barbieri, D. Beck, K. Blaum, Ch. Borgmann, M. Breitenfeldt, R.B. Cakirli, A. Cipollone, S. George, F. Herfurth, M. Kowalska, S. Kreim, D. Lunney, V. Manea, P. Navrátil, D. Neidherr, L. Schweikhard, V. Somà, J. Stanja, F. Wienholtz, R.N. Wolf, K. Zuber, Phys. Rev. Lett. Phys. Rev. Lett. 114, 202501 (2015) (2015)
DOI: http://dx.doi.org/10.1103/PhysRevLett.114.202501

Abbildung 1: Skizze des Multireflektions-Flugzeit-Massenspektrometers; angedeutet ist ein von links kommender Puls aus drei verschiedenen Ionensorten, die sich nach wiederholten Umlaufen zwischen den Ionenspiegeln trennen (angedeutet als gelbe, grüne und rote Pulse), bevor die Zeiten ihres Eintreffens in einem Ionendetektor (rechts) gemessen werden.
Abbildung 2: „Ionen-Pingpong“.
Abbildung 1 und 2: Frank Wienholtz

Foto: Marco Rosenbusch an einem ähnlichen Multireflektions-Flugzeit-Massenspektrometer im Institut für Physik der Universität Greifswald
Foto: Dr. Birgit Schabinger

Das Foto und die Abbildungen können für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit dieser Pressemitteilung kostenlos heruntergeladen und genutzt werden. Dabei ist der Name der Autoren oder der Fotografin zu nennen. Download http://www.uni-greifswald.de/informieren/pressestelle/pressefotos/pressefotos-2015/pressefotos-mai-2015.html

Veröffentlichungen zum Thema
http://idw-online.de/de/news539615 Mit Ionen-Pingpong Kräfte in Atomkernen sichtbar gemacht
http://idw-online.de/en/news539611 Ion ping pong reveals forces in atomic nuclei
http://idw-online.de/de/news516617 Präzisionsmassenmessung im Labor gewährt Blick in die Kruste von Neutronensternen
http://idw-online.de/en/news516628 Laboratory Mass Measurement deepens Insight into Neutron Star Crusts

Ansprechpartner

Dipl.-Phys. Marco Rosenbusch und Prof. Dr. Lutz Schweikhard
Institut für Physik
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Felix-Hausdorff-Straße 6, 17489 Greifswald
Telefon 03834 86-4700
rosenbusch@physik.uni-greifswald.de bzw. lschweik@physik.uni-greifswald.de
http://www6.physik.uni-greifswald.de/index.html

Sprecher der ISOLTRAP-Kollaboration
Prof. Dr. Klaus Blaum
Max-Planck-Institut für Kernphysik
Saupfercheckweg 1, 69117 Heidelberg
Telefon 06221 516850
klaus.blaum@mpi-hd.mpg.de
http://www.mpi-hd.mpg.de/blaum/index.de.html

Leiter der ISOLTRAP-Gruppe am CERN
Dr. Vladimir Manea und Dipl.-Phys. Frank Wienholtz
CERN, bat. 3-1-070, 1211 Genf 23, SCHWEIZ
Telefon +41 22 76 72289 bzw. 72646
vladimir.manea@cern.ch bzw. wienholtz@physik.uni-greifswald.de
http://isoltrap.web.cern.ch/

Jan Meßerschmidt | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Physik Astronomie:

nachricht Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern
17.08.2017 | Max-Planck-Institut für Kernphysik, Heidelberg

nachricht Optische Technologien für schnellere Computer / „Licht“ mit Wespentaille
16.08.2017 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Physik Astronomie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie