Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hüftgelenksersatz in schonender Technik

28.03.2006


Leipziger Orthopäden erhalten in vielen Fällen die Gelenkkapsel

In Deutschland werden jährlich rund 130.000 Hüftgelenke durch Endoprothesen, also dauerhaft im Körper verbleibende Implantate, ersetzt. Zahlreiche Krankenhäuser bieten diese Operation an. An der Orthopädischen Klinik und Poliklinik der Universität Leipzig wurde vom Team um Dr. Torsten Prietzel eine modifizierte minderinvasive Operationsmethode entwickelt.

Ihre Herangehensweise wurde von der Fachwelt mit Interesse aufgenommen. Was ist denn neu daran?

Ein derzeit sehr aktuelles Thema ist das minimalinvasive Operieren, worunter in der Hüftendoprothetik bisher ein Eingriff mit möglichst knappem Hautschnitt und Schonung der Muskulatur verstanden wird. Unsere modifizierte Technik zielt auf eine Schonung aller hüftumgebenden Weichteile. Dabei kommt nach unserer Auffassung dem Erhalt der Hüftgelenkkapsel die größte Bedeutung zu. Der sparsame Hautschnitt, den wir gleichfalls immer anstreben, besitzt unseres Erachtens einen geringeren Stellenwert. Den Ausdruck "minimalinvasive Technik" benutzen wir nicht, da durch ein sogenanntes Knopfloch zwar eine Kniegelenksspiegelung aber keine Hüftendoprothesenimplantation zu bewältigen ist. Unsere minderinvasive Methode zeichnet sich durch eine Reihe von Modifikationen aus, welche zum Teil auch andernorts angewendet werden. Ausnahmen stellen sicherlich der Erhalt und die Wiederherstellung der Hüftgelenkskapsel dar. Während in der bisher üblichen OP-Technik und auch bei der Mehrzahl der "minimalinvasiven" Techniken die Kapsel zum Großteil entfernt wird, können wir diese in fast allen Fällen schonen und mit Hilfe einer Naht wiederherstellen. Das Einsetzen eine Hüftpfanne wird zwar durch den Kapselerhalt technisch anspruchsvoller, ist jedoch in gleicher Qualität möglich. Wir erzielen damit eine höhere Gelenkstabilität, dass heißt, die Gefahr einer Ausrenkung des künstlichen Hüftgelenkes ist geringer. Dadurch wird auch die exakte Wiederherstellung der Beinlänge erleichtert, da eine straffe Gelenkeinstellung unter Beinverlängerung nicht notwendig ist.

Was bedeutet das für den Patienten?

Bei Entfernung der Kapsel ist die Stabilität in der Frühphase nach einer Hüftendoprothesenimplantation herabgesetzt. Versucht man dies durch eine straffe Gelenkeinstellung zu kompensieren, bedeutet das in der Regel eine Verlängerung des operierten Beines und somit einen Beckenschiefstand. Der müsste durch eine Schuherhöhung auf der Gegenseite ausgeglichen werden. Die minderinvasive OP-Technik haben wir inzwischen bei über 200 Patienten in einem Zeitraum von drei Jahren angewendet. Bisher ist in dieser Patientengruppe keine Gelenkausrenkung bekannt geworden und postoperative Beinverlängerungen sind eine Seltenheit.

Was ist besonders wichtig beim minderinvasiven Operieren?

Neben dem Kapselerhalt ist die schonende Behandlung von Muskulatur und Traktus das Ziel. Der Traktus ist eine seitliche Verstärkung der Bindegewebshaut, welche die Oberschenkelmuskulatur umgibt. Wir durchtrennen diese Strukturen ausschließlich parallel zur Faserrichtung, wodurch - nachdem sie wieder zusammengenäht sind - deren Reißfestigkeit wesentlich höher ist. Die Länge des Hautschnittes beträgt meist sieben bis zehn Zentimeter und ist somit etwa halb so lang wie bei der herkömmlichen Operationsmethode. Eine wichtige Unterstützung bietet außerdem ein eigenständig entwickeltes Computerprogramm, mit welchem wir die Operation planen und begleiten. Es kommt übrigens auch in der Knieendoprothetik zur Anwendung.

Das hat nichts zu tun mit den Roboter-Operationen, die vor einigen Monaten durch eine hohe Komplikationsrate in Verruf geraten waren?

Überhaupt nicht. Wir planen und simulieren die Hüft- und Knieendoprothesenimplantation am PC, das heißt, wir passen Implantatschablonen in digitale Röntgenbilder ein, welche nach einem speziellen Verfahren kalibriert werden. Dies ermöglicht es, mit hoher Präzision, die für den betreffenden Patienten am besten geeigneten Implantate im Vorfeld der Operation zu ermitteln und die Auswirkung auf Hüftmechanik sowie Beinlänge zu überprüfen. Während der Operation werden wichtige Orientierungspunkte mit der Planung verglichen. Notfalls kann die Planung auch während der Operation verändert werden. Dies kommt allerdings relativ selten vor.

Wird das Einbringen eines künstlichen Hüftgelenkes somit zu einer unproblematischen Operation?

Dies wäre sicher übertrieben. Eine primäre Hüftendoprothesenimplantation ist als mittlerer operativer Eingriff einzustufen. Auch wenn sie statistisch gesehen zu den erfolgssichersten Operationen zählt, bestehen Risiken seitens der Operation und der Anästhesie. Es muss auch erwähnt werden, dass die minderinvasive Technik, insbesondere der Kapselerhalt, die Dauer des Eingriffes gegenüber der herkömmlichen Technik um etwa 20 Minuten verlängert, jedoch ohne erkennbare Nachteile für den Patienten. Ob Verankerung und Verschleiß der Implantate durch die modifizierte OP-Technik beeinflusst werden, kann gegenwärtig nicht abschließend beurteilt werden. Durch die optimierte Implantatauswahl erwarten wir jedoch eher eine geringere Rate von Frühlockerungen bei den zementfrei implantierten Hüftendoprothesen.

Marlis Heinz

weitere Informationen:
Dr. Torsten Prietzel
Telefon: 0341/97-23 103
E-Mail: Torsten.Prietzel@medizin.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Berichte zu: Hüftendoprothesenimplantation Implantat

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Medizintechnik:

nachricht Extrem schnelle Erfassung und Visualisierung von Tumorgrenzen während der Operation
15.01.2018 | Universität zu Lübeck

nachricht Wie Metallstrukturen effektiv helfen, Knochen zu heilen
12.01.2018 | Charité – Universitätsmedizin Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Medizintechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Optisches Nanoskop ermöglicht Abbildung von Quantenpunkten

Physiker haben eine lichtmikroskopische Technik entwickelt, mit der sich Atome auf der Nanoskala abbilden lassen. Das neue Verfahren ermöglicht insbesondere, Quantenpunkte in einem Halbleiter-Chip bildlich darzustellen. Dies berichten die Wissenschaftler des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel zusammen mit Kollegen der Universität Bochum in «Nature Photonics».

Mikroskope machen Strukturen sichtbar, die dem menschlichen Auge sonst verborgen blieben. Einzelne Moleküle und Atome, die nur Bruchteile eines Nanometers...

Im Focus: Optical Nanoscope Allows Imaging of Quantum Dots

Physicists have developed a technique based on optical microscopy that can be used to create images of atoms on the nanoscale. In particular, the new method allows the imaging of quantum dots in a semiconductor chip. Together with colleagues from the University of Bochum, scientists from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute reported the findings in the journal Nature Photonics.

Microscopes allow us to see structures that are otherwise invisible to the human eye. However, conventional optical microscopes cannot be used to image...

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

23.01.2018 | Veranstaltungen

Gemeinsam innovativ werden

23.01.2018 | Veranstaltungen

Leichtbau zu Ende gedacht – Herausforderung Recycling

23.01.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Lebensrettende Mikrobläschen

23.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

3D-Druck von Metallen: Neue Legierung ermöglicht Druck von sicheren Stahl-Produkten

23.01.2018 | Maschinenbau

CHP1-Mutation verursacht zerebelläre Ataxie

23.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics