Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Datenklau im Funknetz nicht strafbar?

25.04.2002


Praktisch sind sie schon: Drahtlose Netzwerke ermöglichen die Rechner-Kommunikation per Funk, ohne lästige Kabel und unabhängig von einem festen Standort. Riskant sind sie auch: Ein ungebetener Lauscher kann die Datenübertragung per Funk viel leichter abhören als bei einem herkömmlichen Netzwerk. Viele Nutzer verzichten zudem sogar auf simpelste Sicherheitsmaßnahmen, zeigt eine Studie von zwei Juristen und einem Informatiker der Universität Bonn, die in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Datenschutz und Datensicherheit" (DuD 4/2002 S. 226 ff.) veröffentlicht wurde.


Bei mehr als der Hälfte der untersuchten Funknetze in Bonn wurden nicht einmal die einfachsten Schutzmaßnahmen durchgeführt. Mit unangenehmen Konsequenzen: Der Datendieb riskiert in diesem Fall nicht einmal, rechtlich belangt zu werden.

Die Werkzeuge zum erfolgreichen Datenklau gibt’s im Internet: Das kostenfreie Mini-Programm "Netstumbler" merkt, wenn sich der Computer im Sendebereich eines Funknetzes befindet, protokolliert dann die wichtigsten Parameter sowie mit Hilfe eines externen GPS-Empfängers seine genaue Position. Ausgerüstet mit dem "Netzstolperer" und einem Notebook mit Funkschnittstelle konnten Maximillian Dornseif, Doktorand am Lehrstuhl für Strafrecht der Uni Bonn, und der Informatiker Christian Klein bei Pkw-Spritztouren durch die Bonner Innenstadt auf diese Weise insgesamt 157 Funknetze ermitteln; dazu kamen bei Stichproben in Köln noch 125 weitere. Besorgniserregendes Ergebnis: "Über die Hälfte der von uns entdeckten Netze waren völlig ungesichert; selbst ein fachkundiger Laie könnte dort die ausgetauschten Nachrichten abfangen", ist Kay Schumann, der ebenfalls am Lehrstuhl für Strafrecht der Universität Bonn promoviert, vom sträflichen Leichtsinn der Betreiber überrascht.


Schwerwiegende Nachteile muss ein Betreiber ungesicherter Netze auch vor Gericht befürchten. "Versucht ein Unbefugter, über ein derartiges Netzwerk übertragene Daten auszuspähen, kann er wahrscheinlich nicht einmal gerichtlich belangt werden", betont Dornseif. "Laut Strafgesetzbuch erstreckt sich der rechtliche Schutz lediglich auf Daten, die gegen unberechtigten Zugang besonders gesichert sind." Da die Kommunikation durch Funksignale erfolgt, die sich nur unzulänglich abschirmen lassen, kann sich ein Lauscher hier ungestraft bedienen - zumindest, wenn die Daten nicht verschlüsselt sind. Selbst wenn die Daten verschlüsselt sind, ist die Rechtslage nach Dornseifs und Schumanns Ansicht unsicher. "Auch auf die verschlüsselten Daten kann schließlich jeder zugreifen. Nach unserer Ansicht deckt die derzeitige Gesetzeslage den Schutz verschlüsselt übertragener Daten nicht ab. Die Diskussion ist hier allerdings noch im Fluss. Es steht zu erwarten, dass die Gerichte hier eine andere Ansicht vertreten werden, um in diesem Zusammenhang keine empfindlichen Strafbarkeitslücken entstehen zu lassen", erläutert Schumann. Entsprechend vernichtend fällt die Kritik der beiden Juristen an der augenblicklichen Rechtslage aus: Die 1986 formulierten Vorschriften seien für derartige Computerdelikte wenig hilfreich.

Strafrechtsprofessorin Ingeborg Puppe, Doktormutter von Kay Schumann, sieht das ähnlich, relativiert jedoch: "Die technologische Entwicklung ist auf diesem Gebiet so rasant, dass man nicht erwarten kann, dass der Strafgesetzgeber ihr im entsprechenden Tempo folgt. Wenn der Gesetzgeber versucht, die künftigen Bedürfnisse des Rechtsverkehrs vorauszusagen, geht das immer schief."

"Spionage in Funknetzen ist sicherlich nicht selten", erklärt Dornseif. "Schätzungen gehen davon aus, dass nur ein Prozent der Angriffe angezeigt werden." In den meisten Fällen würden die Netzschnüffler nicht einmal entdeckt. Schützen lassen sich Funknetze durch verschiedene Methoden - beispielsweise, indem sich jeder Computer im Netzwerk in regelmäßigen Abständen bei der Basisstation mit einem geheimen Schlüssel ausweisen muss. Für erfahrene Computerkenner sind aber in der Regel auch gesicherte Netzwerke zu knacken und auszuspionieren. "Da hinreichend publiziert wurde, wie unsicher diese Netze sind, muss der Nutzer vor Gericht damit rechnen, selbst einen Schuldvorwurf gemacht zu bekommen", warnen die Nachwuchswissenschaftler. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Datenschutz und Datensicherheit" empfehlen sie daher: Wer schutzwürdige Daten übertragen wolle, der solle sich überlegen, auf den Einsatz von Funknetzen ganz zu verzichten.

Frank Luerweg | idw

Weitere Berichte zu: Datenklau Datensicherheit Funknetz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Informationstechnologie:

nachricht Smart Living: VDE-Institut entwickelt Cloud-basierte interoperable Testplattform
15.02.2017 | VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V.

nachricht Saarbrücker Informatiker machen „Augmented Reality“ fotorealistisch
15.02.2017 | Universität des Saarlandes

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Informationstechnologie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Im Focus: Sensoren mit Adlerblick

Stuttgarter Forscher stellen extrem leistungsfähiges Linsensystem her

Adleraugen sind extrem scharf und sehen sowohl nach vorne, als auch zur Seite gut – Eigenschaften, die man auch beim autonomen Fahren gerne hätte. Physiker der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Welt der keramischen Werkstoffe - 4. März 2017

20.02.2017 | Veranstaltungen

Schwerstverletzungen verstehen und heilen

20.02.2017 | Veranstaltungen

ANIM in Wien mit 1.330 Teilnehmern gestartet

17.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innovative Antikörper für die Tumortherapie

20.02.2017 | Medizin Gesundheit

Multikristalline Siliciumsolarzelle mit 21,9 % Wirkungsgrad – Weltrekord zurück am Fraunhofer ISE

20.02.2017 | Energie und Elektrotechnik

Wie Viren ihren Lebenszyklus mit begrenzten Mitteln effektiv sicherstellen

20.02.2017 | Biowissenschaften Chemie