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Spin-off der Uni Lübeck entwickelt den "iPod" unter den Business-Tools

11.04.2007
Wenn Entscheider sich entscheiden müssen - Vernetztes Denken für Politik und Wirtschaft

Vernetztes Denken spielt für den Erfolg wirtschaftlicher und politischer Entscheidungen eine immer wichtigere Rolle. Informatiker der Universität zu Lübeck untersuchen die komplexen und dynamischen Zusammenhänge einer Vielzahl von Entscheidungsfaktoren in dem internationalen Forschungsprojekt "Decision Support".

Eine Firmenausgründung der Universität, das Lübecker Unternehmen Consideo GmbH, sorgt bundesweit für Aufsehen. Consideo ist als Trägerin des BDO-Gründerpreises 2007 der IHK und der Handwerkskammer Lübeck in einem Geschäftsfeld mit erheblichem Wachstumspotential tätig. Die Firma gehörte zu den bundesweit ausgewählten Spin-off-Unternehmen, die ihre Unternehmenskonzepte auf Einladung des Bundeswirtschaftsministeriums im März auf dem Gründerkongress "Multimedia" in Berlin möglichen Investoren vorstellen durften.

Träger des Forschungsprojektes "Decision Support" sind die Lübecker Uni-Institute für Neuro- und Bioinformatik (Direktor Prof. Dr. rer. nat. Thomas Martinetz) und für Softwaretechnik und Programmiersprachen (Direktor Prof. Dr. rer. nat. Walter Dosch). Die Umsetzung in die Praxis erfolgte in Zusammenarbeit mit der Universität Lund (Schweden) und dem Technikzentrum Lübeck.

Der Erfolg in geradezu allen Bereichen unternehmerischer und politischer Entscheidungsprozesse hängt vom Erkennen, Bewerten, Kommunizieren und Vorhersehen komplexer und dynamischer Zusammenhänge ab. Die Vernetztheit übergreifender Problemstellungen erfordert neue Kenntnisse, Methoden und Ansätze für die Entscheider. Die OECD hat mit den PISA-Studien weltweit einen Mangel bei der Entwicklung von Problemlösungskompetenzen aufgezeigt. Eine Untersuchung der Boston Consulting Group zusammen mit der Bertelsmannstiftung stellt die Bedeutung dieser Schlüsselkompetenz für die Entscheider auf allen Ebenen in Wirtschaft und Politik heraus. Die zur Verfügung stehenden Lösungen und Methoden waren aber bisher nur für Experten anwendbar.

Anfang 2005 wurde als Spin-off aus dem Projekt der Lübecker Informatik-Institute die Consideo GmbH gegründet. Die Firma passt das entwickelte Standardprodukt auf die unterschiedlichsten Branchen und Anwendungsbereiche an und vermarktet es gezielt. Zielgruppe sind alle Menschen, die Prozesse verbessern wollen, Mitarbeiter motivieren müssen, Projekte planen, Produkte entwickeln, Risiken erkennen und Fehler vermeiden müssen oder ganz allgemein Maßnahmen zu ergreifen haben, deren Erfolg im Vorwege abzuwägen ist.

Die Mindmapping-Methode, mit der Inhalte und Gedanken gehirngerecht visualisiert werden, wird weltweit bereits von 250 Millionen Menschen genutzt. Die Standard-Software der Consideo GmbH ("Consideo Standard Edition") ist leicht zu bedienen und bietet neben Mindmapping noch weitere und wirkungsvollere Möglichkeiten der Entscheidungsunterstützung. Durch eine dynamische Verknüpfung mit den bestehenden Unternehmensdaten (Datenbanken, Excel) können darüber hinaus verschiedene Was-Wäre-Wenn-Szenarien (Strategien) erprobt sowie operative Prozesse gesteuert werden.

"In der intuitiven Bedienbarkeit bestand die größte Herausforderung der Entwicklungsarbeit. Wir können mit Gewissheit behaupten, dass unser Programm der iPod unter den Business-Tools ist. Im Gegensatz zu den bisherigen Lösungen kann Consideo weitgehend ohne Schulung genutzt werden", so Prof. Dr. Thomas Martinetz.

Beispiele für angepasste Lösungen und Anwendungsbereiche sind Umsatz- und Absatzprognose, Engpassmanagement und Prozessoptimierung, Bestandsmanagement und Einkaufssteuerung, Fertigungsplanung, Produktentwicklung und -änderung, Strategieplanung und -umsetzung, Bewertung von Investitionsvorhaben, (Multi-) Projektmanagement, Transport- und Logistikplanung, Regionalentwicklung und auch gesellschaftspolitische Fragestellungen.

Die Referenz- und Kundenliste der Consideo GmbH ist bereits beeindruckend: Vom Otto Versand Hamburg über den größten Automobilzulieferanten der Welt, Johnson Control, bis hin zur internationalen Unternehmensberatungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers. In fünf Jahren will Consideo der weltweit führende Methodenanbieter für Vernetztes Denken sein, so Unternehmensgründer und Geschäftsführer Franc Grimm.

Ein konkretes Anwendungsbeispiel aus der Lebensmittelindustrie: Ein großer Bäckereibetrieb aus Lübeck beschäftigte sich seit längerem mit der Entwicklung eines Absatzprognosesystems für Frischware. Das Problem bestand darin, dass die entscheidenden Einflussfaktoren für den täglichen Verkauf von Back- und Konditoreiwaren trotz vorhandener historischer Daten und Erfahrungswerte nicht hinreichend bekannt waren. Zu hohe Retouren oder zu frühe Ausverkäufe waren die Folge. Ein Mitarbeiter des Consideo-Teams entwickelte auf Basis der systemanalytischen Methode in wenigen Monaten ein innovatives, individuelles Absatzprognosesystem. Das System hilft heute, den täglichen Rücklauf von nicht verkauften Waren zu minimieren und gleichzeitig den Verkauf von Produkten mit hohem Deckungsbeitrag für die einzelnen Filialen zu fördern. Über einen längeren Testzeitraum in ausgewählten Filialen der Großbäckerei konnte eine extrem hohe Prognosegenauigkeit in allen Warengruppen erreicht werden. Die Betriebe können so mehr umsetzen bei weniger Kosten. Das System wird inzwischen in weiteren Filialen und Bäckereien eingesetzt.

Die Universität zu Lübeck zeigt mit erfolgreichen Firmenausgründungen ihre wissenschaftliche Expertise und ihre Nähe zu wirtschaftlich verwertbaren Anwendungen. Sie war einzige Vertreterin aus Schleswig-Holstein auf dem Berliner Gründerkongress, und zwar mit gleich zwei erfolgreichen Spin offs: Außer der Consideo GmbH war auch die Firma DorSa embedded vertreten, die ein innovatives Peripheriegerät, die mit den Augen gesteuerte Computermaus "snatch", entwickelt und vertreibt.

Rüdiger Labahn | idw
Weitere Informationen:
http://www.inb.uni-luebeck.de/research/decision/

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