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Gibt es einen Wegweiser für ein langes Leben?

12.10.2015

Die Ungleichheiten bei der Lebenserwartung verschiedener Bevölkerungsgruppen haben zugenommen

Mit 40 Jahren stehen Finnen, Schweden und Norweger ungefähr in der Mitte ihres Lebens. Ob dann im Schnitt noch einmal etwas weniger oder mehr als 40 Jahre hinzukommen, hängt bekanntermaßen vom Geschlecht der Person ab. Fast genauso entscheidend aber ist, ob die Person zur so genannten „Avantgarde“ gehört: Ist sie verheiratet und gut gebildet, lebt sie im Schnitt gut fünf Jahre länger als andere Gleichgeschlechtliche.


Die Lebenserwartung der verheirateten und gut gebildeten Frauen in Finnland, Norwegen und Schweden ist höher als die der japanischen Frauen, die im internationalen Vergleich vorn liegen. Quelle: Human Mortality Database, eigene Berechnungen nach unveröffentlichten Daten von Statistics Finland, Statistics Sweden, Statistics Norway.

© MPI für demografische Forschung

Wie es dazu kommt und ob diese Vorreiter der übrigen Bevölkerung den Weg zu einer höheren Lebenserwartung weisen können, untersuchten Domantas Jasilionis vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock und weitere Kollegen in einer Studie, die im Fachmagazin „Population“ veröffentlicht wurde. Darin analysieren sie, wie sich die Lebenserwartung der Vorreiter-Gruppe im Vergleich zum Rest der Bevölkerung vom Beginn der 1970er Jahre bis Mitte der 1990er Jahre entwickelt hat.

Generell hatte das Land mit der geringsten Lebenserwartung zu Beginn der 1970er Jahre den höchsten Anstieg zu verzeichnen: In Finnland gewannen die Männer bis Mitte der 1990er Jahre gut vier Jahre hinzu, während die Frauen in dieser Zeit im Schnitt dreieinhalb Jahre älter wurden. In Schweden lag der Zugewinn bei ungefähr zweieinhalb, in Norwegen bei zwei Jahren, wobei in beiden Fällen die Frauen ihre Lebenserwartung etwas stärker steigern konnten. Finnland gelang es so, den Rückstand auf die beiden anderen Länder etwas wettzumachen.

Bei weitem übertroffen werden diese Zahlen jedoch von den verheirateten und gut gebildeten Frauen und Männern: In Finnland wurden die Vorreiterinnen Mitte der 1990er Jahre im Schnitt fünfeinhalb Jahre älter als Anfang der 1970er Jahre. Bei den finnischen Männern, die in die Vorreitergruppe fielen, waren es im gleichen Zeitraum fünf Jahre.

Damit gab es in Finnland auch den größten Unterschied zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen: Die männlichen Vorreiter wurden hier in den 1970er Jahren 4,5 Jahre älter als die restliche Bevölkerung. Ende der 1990er Jahre waren es bereits 5,6 Jahre. Damit haben die Vorreiter nicht nur eine wesentlich höhere Lebenserwartung, sie konnten diese auch noch stärker steigern als der Rest der Bevölkerung. Auch in den anderen beiden Ländern ging die Schere zwischen Vorreitern und der übrigen Bevölkerung sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern weiter auseinander.

Acht Jahre zwischen Vorreitern und Durchschnitt

Wie weit der Durchschnitt vom Niveau der derzeit möglichen Lebenserwartung entfernt ist, zeigt der Blick auf eine enger definierte Vorreitergruppe: die verheirateten und gut gebildeten Frauen. Im Vergleich zur restlichen Bevölkerung wurden sie am Ende des Untersuchungszeitraumes acht Jahre älter. Anzeichen darauf, dass diese Unterschiede kleiner werden könnten oder die Lebenserwartung der Vorreiterinnen in Zukunft weniger stark ansteigen könnte, gibt es nicht.

Obwohl Jasilionis und seine Kollegen sich mit Finnland, Schweden und Norwegen drei vergleichsweise egalitäre Gesellschaften für ihre Analyse heraussuchten, fanden sie dennoch erhebliche Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen. Diese Unterschiede sind sogar größer als die zwischen einzelnen Nationen, wie ein Vergleich mit dem Spitzenland in Sachen Lebenserwartung, Japan, zeigt.

Die Ursache hierfür liegt vor allem darin, dass gut gebildete und verheiratete Menschen seltener an Herz- und Kreislauf-Erkrankungen starben. So gewann die männliche Vorreitergruppe in Schweden und Norwegen durch den Rückgang dieser Erkrankungen zweieinhalb Lebensjahre hinzu, während die übrigen Männer ihre Lebenserwartung hier lediglich um 1,6 Jahre (Norwegen) bzw. 1,7 Jahre (Schweden) steigern konnten.

Bei den finnischen Männern ergab sich ein ähnlicher Abstand zwischen der Vorreitergruppe und den übrigen Männern. Nur ging die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen hier in beiden Bevölkerungsgruppen wesentlich stärker zurück, so dass sich ein Zugewinn von 3,7 Lebensjahren (Vorreiter) bzw. 2,9 Jahren (übrige Männer) ergab.

Diese Entwicklung zeigt, dass die Erfolge bei der Bekämpfung der Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch nicht in allen Bevölkerungsteilen angekommen sind. Eine Entwicklung die sich auch auf internationaler Ebene nachvollziehen lässt. Ob die Lebenserwartung in der Zeit zwischen den 1970er und 1990er Jahren weiter anstieg, so wie es in Westeuropa der Fall war, oder ob sie wie in vielen Ländern Osteuropas stagnierte, hing maßgeblich davon ab, wie erfolgreich die Bekämpfung der Herz- und Kreislauf-Erkrankungen in den jeweiligen Ländern war.

Ungleichheit durch menschengemachte Todesursachen

Auch in Schweden, Norwegen und Finnland waren alle anderen Todesursachen nachrangig: Am auffälligsten ist hier noch die Abnahme der Krebssterblichkeit (ohne nikotinbedingte Krebsfälle) bei allen Frauen sowie bei den schwedischen Männern der Vorreitergruppe.

In Norwegen dagegen gab es bei den Tumoren mit Ausnahme der Vorreiterinnen überall eine negative Entwicklung. Dies gilt auch für den Raucherkrebs, der allerdings bei fast allen Frauen Ende der 1990er Jahre eine größere Rolle spielt als zu Beginn des Untersuchungszeitraumes. Dabei ist der Trend bei den Vorreiterinnen meist weniger stark ausgeprägt.

Überhaupt, so fassen die Autoren zusammen, sind so genannte menschengemachte Todesursachen, wie nikotin- oder alkoholbedingte Krankheiten, Verkehrsunfälle, Morde oder Selbstmorde in den Vorreitergruppen wesentlich seltener als bei den übrigen Bevölkerungsgruppen. Auch in egalitären Gesellschaften sind demnach die Unterschiede bei der Gesundheitsversorgung, aber auch in der Lebensführung und bei den sozialen und Umweltbedingungen ausschlaggebend. Dabei sind aber nicht nur materielle Unterschiede, sondern auch individuelle Faktoren wie psychologische Gesundheit oder die Fähigkeit, das eigene Leben zu kontrollieren, von Bedeutung.

Es ist daher wahrscheinlich, so die Autoren, dass der weniger privilegierte Teil der Bevölkerung einen eigenen Weg gehen und die Sterblichkeit nicht einfach zeitverzögert auf dem gleichen Wege verringern werde wie die Vorreiter-Gruppen. Darüber hinaus zeichnen sich auch länderspezifische Besonderheiten ab. Der unterschiedliche hohe Erfolg der Vorreiter-Gruppen bei der Bekämpfung von Krebs und anderen Todesursachen könnte neue Wege für ein längeres Leben aufzeigen und nach der Bekämpfung der Herz-Kreislauf-Erkrankungen den Beginn einer neuen Gesundheitsrevolution in den drei Ländern anzeigen.


Ansprechpartner

Silvia Leek
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Telefon: +49 381 2081-143

E-Mail: leek@demogr.mpg.de


Domantas Jasilionis
Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Telefon: +49 381 2081-193

E-Mail: jasilionis@demogr.mpg.de


Originalpublikation
Domantas JASILIONIS, Vladimir M. SHKOLNIKOV, Evgueni M. ANDREEV, Dmitri A. JDANOV, Denny VÅGERÖ, France MESLÉ, Jacques VALLIN

Do Vanguard Populations Pave the Way towards Higher Life Expectancy for Other Population Groups?

Population-E, 69 (4), 2014, 531-556

Quelle

Silvia Leek | Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Weitere Informationen:
https://www.mpg.de/9686646/soziale-ungleichheit-lebenserwartung

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