Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zweiter Weltkrieg, Männermangel und uneheliche Geburten

14.09.2007
Ökonomen legen empirische Arbeit über den Nachkriegsboom bei unehelichen Geburten vor

Sehr viele Menschen starben während des Zweiten Weltkriegs. In Deutschland betraf dies vor allem die männliche Bevölkerung. Zum Zeitpunkt der ersten Volkszählung nach dem Krieg im Oktober 1946 kamen in den westlichen Besatzungszonen lediglich zwei Männer auf drei Frauen - ein nie dagewesener Männermangel. Dies galt besonders für Männer im "besten Alter", d.h. die für die Heirat und Fortpflanzung bedeutende Gruppe der 20 bis 40-Jährigen. Tote, vermisste und sich noch in Kriegsgefangenschaft befindende Soldaten waren die Hauptgründe.

Michael Kvasnicka von der Humboldt-Universität zu Berlin und Dirk Bethmann von der Korea University in Seoul untersuchten nun erstmalig die Auswirkung dieses Verlustes an (potentiellen Ehe-) Männern auf das Geburtenverhalten in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Insbesondere interessierte die beiden Forscher der Anteil unehelicher Geburten. Hierzu trugen sie aus verschiedenen Archiven, statistischen Ämtern und Bibliotheken umfangreiches historisches Datenmaterial für mehr als 150 bayerische Kreise zur statistischen Auswertung zusammen.

In ihrer Auswertung zeigen die Autoren, dass die durch den Krieg verursachte dramatische Verschiebung des zahlenmäßigen Geschlechterverhältnisses zu Ungunsten der heiratsfähigen weiblichen Bevölkerung zu einem bedeutenden Anstieg der unehelichen Geburten geführt hat. Gemessen an den Gesamtgeburten in einem Jahr, verdoppelte sich zwischen 1939 und 1946 der Anteil der unehelich geborenen Kinder von 10 Prozent auf über 21 Prozent. Kvasnicka und Bethmann geben verschiedene Hinweise auf mögliche Mechanismen, die die festgestellte Verbindung zwischen dem sogenannten Männermangel und unehelicher Geburtenhäufigkeit erklären können.

Auf der einen Seite sei klar, sagen die Autoren, dass Männer umso mehr Verhandlungsspielraum und -macht haben, wenn die schlichte Anzahl der Frauen pro Mann besonders groß ist. Wenn es wenig Männer gibt, haben sie die "Qual der Wahl" und wenig Grund, sich durch Heirat an eine einzelne Frau zu binden. Dies gilt auch für den Fall, dass die Partnerin schwanger ist. Auf der anderen Seite, so die Autoren, ist jedoch auch hinlänglich bekannt, dass die Frauen der Nachkriegszeit besonders unabhängig waren, nicht zuletzt auch gerade auf Grund der fehlenden Männer. Die Frauen waren nach dem Krieg zum Geldverdienen gezwungen. Somit waren sie wirtschaftlich unabhängiger und konnten im Zweifel die Kinder auch allein großziehen. Was auch immer der genaue Mechanismus war, die Ursache bleibt der durch den Krieg verursachte Männermangel.

Kreise, in denen noch nicht zurückgekehrte Kriegsgefangene einen größeren Anteil des männlichen Ausfalls stellten, weisen zudem einen niedrigeren Anstieg der unehelichen Geburten auf. Kreise, in denen der Männermangel mehr durch Militärsterbefälle und vermisste Soldaten verursacht wurde, fallen hingegen durch einen größeren Anstieg auf. Die Autoren erklären diesen Befund damit, dass in der unmittelbaren Nachkriegszeit erwartet werden konnte, dass Kriegsgefangene - wenn auch spät - meist zurückkehren würden. In Kreisen mit einem höheren Anteil von Kriegsgefangenen war deshalb mit einer baldigen Verbesserung der Heiratschancen von Frauen zu rechnen. In Erwartung dieser Entwicklung, waren Männer wohl eher geneigt, sich durch Heirat an eine Partnerin zu binden. Dies dürfte die Häufigkeit von unehelichen Geburten reduziert haben.

Das Diskussionspapier zum Download:
http://sfb649.wiwi.hu-berlin.de/papers/pdf/SFB649DP2007-053.pdf
Informationen:
Michael Kvasnicka
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Wirtschaftstheorie II
Telefon: +49[30] 2093 - 5667
E-Mail: kvasnicka@wiwi.hu-berlin.de
Dirk Bethmann
Korea University
Economics Department
Telefon: +82[10] 2891 - 4107
E-Mail: dirk@korea.ac.kr

Christine Schniedermann | idw
Weitere Informationen:
http://sfb649.wiwi.hu-berlin.de/

Weitere Berichte zu: Geburten Heirat Männermangel Nachkriegszeit Weltkrieg

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften