Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die "silberne Zukunft" gestalten: Innovative Wohnformen für ältere Menschen

08.05.2007
Das Ruhrgebiet hat Modellcharakter

Alt, verwirrt, alleine und ins Heim abgeschoben, so will keiner enden. Es muss doch Alternativen geben, dachten sich Annette Franke und David Wilde, und machten die Frage nach innovativen Wohnformen für ältere Menschen zum Thema ihrer Diplomarbeit (Betreuer: Prof. Dr. Rolf Heinze, Soziologie). Und sie wurden fündig: Gerade das Ruhrgebiet, wo der demografische Wandel noch schneller voranschreitet als anderswo in Deutschland, bot sich als Modellregion an. Hier gibt es Ansätze, die älteren Menschen ein selbstbestimmtes, aber sicheres und komfortables Leben möglich machen. Die Arbeit, die mit einem der Preise an Studierende der Ruhr-Universität ausgezeichnet wurde, ist jetzt auch unter dem Titel "Die silberne Zukunft gestalten" als Buch erschienen.

Wann ist man alt?

Der Blick auf die Alten und das Alter fällt in der öffentlichen Diskussion meistens düster aus: Immer mehr alte Menschen, immer weniger Junge, ältere sind arm, hilflos, müssen verwahrt werden, sind eine Belastung für die Angehörigen, wenn es denn welche gibt, für die Sozialkassen, die Allgemeinheit. "Wir haben uns gefragt: Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn viele Leute länger leben, das ist doch eigentlich erstmal eine positive Entwicklung", erzählt Annette Franke, "und wir wollten einen konstruktiven Blick auf das Thema werfen." Die beiden Sozialwissenschaftler machten sich zunächst an eine Bestandsaufnahme: Was ist eigentlich alt? Wann ist man alt? Wodurch ist Altern gekennzeichnet?, fragten sie. Statistiken halfen bei der Beantwortung der Frage, wie ältere Menschen tatsächlich leben. Treffen Vorurteile zu? Wie viel Geld steht zur Verfügung? Wie wünschen sich ältere Menschen zu leben? Und schließlich: Was gibt es überhaupt? Zwischen den Extremen "eigene Wohnung" und "Pflegeheim" muss es doch noch mehr geben.

"Smart Home" macht das Licht aus

Und auch wenn noch nicht jeder aufgewacht ist: Die Wirtschaft entdeckt die älteren Menschen allmählich als attraktive Kundengruppe. Anhand zweier Unternehmensbeispiele in Castrop-Rauxel und Hattingen stellen die Forscher vor, was möglich ist. Da hilft in "Smart Homes" die moderne Technik Senioren, altersbedingte Defizite zu kompensieren und ihren Alltag allen Behinderungen zum Trotz selbstbestimmt zu bewältigen. "Smarter Wohnen NRW" heißt das Projekt in Hattingen, wo technische Neuerungen rund ums Wohnen entwickelt und erprobt werden. "Das fängt damit an, dass beim Verlassen der Wohnung alle Lichter und der Herd automatisch ausgeschaltet werden und geht bis hin zum Bewegungsmelder, der Hilfe alarmiert, wenn sich der Wohnungsinhaber auffällig lange nicht mehr bewegt", erklärt David Wilde.

Demenzkranke leben zusammen

In Castrop-Rauxel leben mehrere demenzerkrankte Menschen gemeinsam in einer betreuten Wohngemeinschaft und fühlen sich gut aufgehoben. "Wenn die Leute - anders als im Heim - ihre eigenen Möbel und ihre Haustiere um sich haben können, zum Geburtstag eine Kerze anzünden dürfen und ihre individuellen Bedürfnisse ausleben können statt zu reglementierten Tagesabläufen gezwungen zu sein, dann geht es ihnen auch besser", so Annette Franke. "Diese Wohnform kann eine Demenzerkrankung nicht heilen, aber wohl verzögern. Aggressionen und andere Verhaltensauffälligkeiten sind weitaus seltener zu beobachten als bei Heimbewohnern. Zudem müssen weniger Psychopharmaka verabreicht werden." Wissen sie ihre Eltern oder Großeltern in einer solchen Wohngemeinschaft gut aufgehoben, können auch Angehörige aufatmen.

Mieter: Vom Bewerber zum Umworbenen

Im Ruhrgebiet finden sich mehrere solcher Beispiele. Hier ist nicht nur der demografische Wandel besonders fortgeschritten, es gibt auch einen ausgeprägten Wohnungsleerstand, der solche Projekte ermöglicht und sogar erforderlich macht. "Früher war die Wohnungsnot so groß, dass die Wohnungsgesellschaften nicht von Kunden, sondern von Bewerbern sprechen konnten", so David Wilde. "Inzwischen muss man sich Gedanken machen, wie man den potenziellen Kunden umwirbt." Daher hat man aus der Not eine Tugend gemacht und arbeitet daran, Wohnungen mit Technik und zusätzlichen Serviceleistungen auszustatten, die der Mieter auf Wunsch bekommen kann.

Gute Gründe für Unternehmer

Allerdings gibt es immer noch vieles zu verbessern. Bürokratische Hürden machen es Unternehmern schwierig, Wohnprojekte für Ältere zu realisieren. Zu schnell gerät man etwa mit der Heimverordnung in Konflikt - auch wenn sie in Heimen sicher ihre Berechtigung hat, behindert sich mitunter die Umsetzung innovativer Wohnprojekte. Bei der Organisation von häuslicher Pflege in WG-Projekten gibt es Loyalitätskonflikte zwischen den Trägern von Pflegediensten, häufig Sozialverbänden, die selbst Heime betreiben, und den WG-Trägern. Die ambulante Versorgung von alten Menschen angesichts einer somatisch orientierten Pflegeversicherung ist unterfinanziert, das Personal unterbezahlt, die Zeit viel zu knapp bemessen. "Da muss und wird sich in Zukunft viel tun", schätzt Annette Franke. "Es werden bessere Kooperationen gebraucht zwischen Wohnungsgesellschaften, Wirtschaftsförderung, Pflegeverbänden, Politik und Wissenschaft. Erkrankte und Angehörige brauchen niedrigschwellige Beratungsangebote. Und es muss Geld in den Bereich fließen." Die Wirtschaft wird einer der treibenden Faktoren dabei sein, denn das Potenzial der älteren Kundschaft ist nicht zu unterschätzen. Und nicht zuletzt trifft der Ausfall von Arbeitskräften, die einen älteren Angehörigen mangels Alternativen zu Hause pflegen müssen, die Wirtschaftsunternehmen empfindlich - auch das ein guter Grund, sich in der Entwicklung alternative Wohnangebote für Ältere zu engagieren.

Titelaufnahme

Annette Franke, David Wilde: Die "silberne" Zukunft gestalten. Handlungsoptionen im demografischen Wandel am Beispiel innovativer Wohnformen für ältere Menschen. Verlag Dr. H. H. Driesen, Taunusstein 2006, ISBN 978-3-936328-64-6

Weitere Informationen

Annette Franke, Tel. 0421/8974652, E-Mail: annette.franke@gmx.de
David Wilde, Tel. 02324/5009242, E-Mail: david.wilde@gmx.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Berichte zu: Smart Wohnform Wohngemeinschaft Wohnungsgesellschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics