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Von einer frühen Sprachförderung profitieren Alle

06.10.2006
Dass die Beherrschung mehrerer Sprachen von unschätzbarem Wert ist, steht außer Zweifel. Strittig ist hingegen, von welchem Lebensalter an Mehrsprachigkeit gefördert werden sollte.

Die Landesstiftung Baden-Württemberg hat die Diskussion mit ihrem Kongress "Frühe Mehrsprachigkeit: Mythen - Risiken - Chancen", der gemeinsam mit der Universität Mannheim veranstaltet wurde, entscheidend voran gebracht. Die über 300 teilnehmenden Experten aus Forschung und Praxis sprachen sich heute in Mannheim für eine möglichst frühe und gezielte Sprachförderung aus.

Kernaussage ihrer "Mannheimer Erklärung zur frühen Mehrsprachigkeit": Kinder werden durch das Erlernen einer zweiten oder weiteren Sprache nicht überfordert. Sie können von Geburt an mit mehr als einer Erstsprache aufwachsen.

Eine frühzeitige Sprachförderung, so die Überzeugung der Teilnehmer aus Wissenschaft, Wirtschaft, Stiftungen und Politik, ist der beste Weg, sogenannte problematische Bildungsbiografien zu vermeiden. In elf Thesen umreißt die Mannheimer Erklärung daher, welche gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um Kinder beim Spracherwerb optimal zu fördern.

Ein Schwerpunkt wird dabei auf das Umfeld der Kinder gelegt. Die erfolgreiche Entfaltung von sprachlichen Kompetenzen, so eine der Forderungen, dürfe nicht durch ungünstige Rahmenbedingungen oder negative Einstellungen der Umgebung beeinträchtigt werden. Daher setzt sich die Mannheimer Erklärung für eine ständige Weiterqualifizierung der Erzieherinnen und Erzieher und für einen konsequenten Wissenstransfer aus der Spracherwerbsforschung in die Praxis ein. Dass dies nicht umsonst zu haben ist, wissen die Autoren. Sie betonen jedoch, dass frühe Sprachförderung zwar kostspielig sei, langfristig jedoch ungeheure soziale und wirtschaftliche Vorteile mit sich bringe

Oettinger: Mehrsprachigkeit ist ein Mehrwert

Ziel des Mannheimer Kongresses war es, bestehende Irrtümer zur frühen Mehrsprachigkeit aufzuklären und neue Forschungsergebnisse vorzustellen. "Die Spracherwerbsforschung hat gezeigt, dass es für das Erlernen einer zweiten Sprache kein `zu früh´ gibt", betonte Prof. Dr. Rosemarie Tracy von der Universität Mannheim

Der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Günther H. Oettinger, verwies auf die Bedeutung früher Sprachförderung für Wirtschaft und Gesellschaft. "Mehrsprachigkeit ist ein Mehrwert für ein Land, für seine soziale Kompetenz, seine ökonomische Kompetenz und seine Welt-Integration. Deshalb ist frühe Sprachförderung eine große Chance", so der Ministerpräsident. "Dank der kindlichen Begabung und Neugier ist frühkindliche Bildung möglich, und hier gehört Sprache in den Mittelpunkt."

Bildungsqualität und -ziele dürfen nicht am Föderalismus scheitern

Eine Forderung, der sich Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis von der freien Universität Bozen durchaus anschließen kann. Er verwies dabei jedoch auf die Notwendigkeit, auch für die frühesten Lernphasen eines Kindes verbindliche und wissenschaftlich fundierte Rahmenbedingungen zu schaffen. "Aus fachlicher Sicht kann nicht nachvollzogen werden, warum eine länderübergreifende Verständigung über Bildungsqualität und Bildungsziele bislang ausbleibt. Sie darf nicht an der föderalen Struktur des Landes scheitern."

Gleichzeitig empfahl er bei der Bildungsplanung einen Blick über die Grenzen des eigenen Landes hinaus. "In den deutschen Kindergärten dominiert nach wie vor ein monokultureller Blick. Kanadische Schüler schneiden im PISA-Vergleich überdurchschnittlich gut ab. Einer der Gründe ist die Berücksichtigung kultureller Vielfalt im Curriculum und eine prinzipiell positive Einstellung zur Herkunftskultur und zur Muttersprache des Schülers."

Sag' mal was

Damit wird deutlich, dass die frühe Sprachförderung zwei Ziele verfolgt: Zum einen geht es darum, Kinder mit Migrationshintergrund an die deutsche Sprache heranzuführen. "Wir beobachten oft, dass Kinder ausländischer Eltern in keiner Sprache richtig zuhause sind", sagte Herbert Moser, Geschäftsführer der Landesstiftung Baden-Württemberg. "Ihnen sind dadurch Bildungswege verbaut, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind gering, die Gefahr des sozialen Abstiegs ist entsprechend groß. Ziel muss es sein, sie in ihrer Muttersprache und in deutsch fit zu machen."

Zum anderen profitieren auch deutschsprachige Kinder von einer früh beginnenden Sprachförderung. "In den Maßnahmen unseres Programms `Sag' mal was - Sprachförderung für Vorschulkinder´ liegt der Anteil deutschstämmiger Kinder konstant bei einem Drittel", so Moser. "Sie profitieren mehrfach, denn sie gewinnen mehr Kompetenz in der deutschen Sprache und erfahren, dass es unterschiedliche Sprachen mit unterschiedlichen Strukturen gibt. Außerdem werden die Eltern durch zusätzliche Angebote mit eingebunden und für das Thema sensibilisiert - damit wird das Thema Sprachkompetenz längerfristig in den Familien verankert."

Die elf Punkte umfassende "Mannheimer Erklärung zur frühen Mehrsprachigkeit" steht ab 19.30 Uhr, zum Download im Internet bereit unter http://kongress.sagmalwas-bw.de/

Iris Berghold M.A. | idw
Weitere Informationen:
http://kongress.sagmalwas-bw.de
http://www.sagmalwas-bw.de
http://www.landesstiftung-bw.de

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