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Die Grenzen des Altruismus

24.08.2006
Wissenschaftler der Universität Zürich weisen die dunkle Seite des menschlichen Altruismus nach - Diskriminierung und Ausgrenzung. Mit Experimenten in Papua Neu Guinea konnten sie zeigen, dass Normverletzungen viel weniger häufig bestraft werden, wenn das Opfer einem anderen Stamm oder einer anderen Gruppe angehört. Die Studie des Forschungsteams um Prof. Ernst Fehr erscheint am 24. August 2006 in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" (Volume 442, issue 7105).

Menschliche Gesellschaften basieren auf detaillierter Arbeitsteilung und Kooperation in grossen Gruppen zwischen genetisch nicht verwandten Individuen. Menschliche Kooperation unterscheidet sich so spektakulär vom Kooperationsniveau anderer Arten, weil Menschen einzigartige Muster des Altruismus aufweisen - wie zum Beispiel die altruistische Bestrafung von Normverletzungen. Altruistische Bestrafung bedeutet, dass Individuen ungerechtes und nicht-kooperatives Verhalten ahnden, obwohl ihnen die Bestrafung Kosten verursacht und keinen materiellen Gewinn einbringt. Diese Bestrafung trägt dazu bei, soziale Normen, welche die Kooperation fördern, aufrecht zu erhalten.

Evolutionäre Theorien, welche die Evolution des menschlichen Altruismus als Folge des Wettbewerbs zwischen Gruppen sehen, prognostizieren aber auch, dass der menschliche Altruismus eine gruppenspezifische Engstirnigkeit aufweist, die diskriminierend und ausgrenzend gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen ist. Evolutionärer Wettbewerb zwischen Gruppen fördert altruistische, die Gruppenzusammengehörigkeit stärkende Verhaltensregeln gegenüber Mitgliedern der eigenen Gruppe - nicht aber altruistisches Verhalten gegenüber Mitgliedern von anderen nach Sprache, Kultur, Aussehen oder Rasse unterschiedlichen Gruppen, mit denen man im Wettbewerb steht. Gemäss diesen evolutionären Theorien müsste auch altruistisches Bestrafen durch diese Art von gruppenspezifischer Engstirnigkeit und Diskriminierung gekennzeichnet sein.

Helfen Schweizer eher anderen Schweizern?

Ist also die Bereitschaft, sozial nützliche Normen mittels altruistischer Bestrafung durchzusetzen, durch gruppenspezifische Engstirnigkeit und Diskriminierung gekennzeichnet? Mit anderen Worten: Wenn ein Schweizer in Zürich das potentielles Opfer einer Normverletzung ist, eilen ihm dann andere Schweizer eher zu Hilfe als wenn das potentielle Opfer ein Ausländer ist? Oder: Wenn ein Schweizer einen Ausländer auf verletzende Art behandelt, kann er dann mit der Nachsicht seiner Schweizer Kollegen rechnen oder ist deren Bereitschaft zu bestrafen gleich hoch, wie wenn ein Ausländer der Übeltäter ist?

Fragen dieser Art beantwortet ein Forschungsteam um Ernst Fehr, Urs Fischbacher und Helen Bernhard vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich in der neuesten Ausgabe von "Nature". Allerdings gehen die Wissenschaftler diesen Fragen nicht im Kontext der Schweizer Gesellschaft, sondern in Papua Neu Guinea nach. "Papua Neu Guinea eignet sich hervorragend zur Beantwortung dieser Fragen, weil es sehr viele verschiedene - durch Gruppensolidarität gekennzeichnete - ethnische Gruppen gibt, deren Zusammenleben in erster Linie durch informelle soziale Normen geregelt ist", sagt Helen Bernhard, eine Mitverfasserin der Studie. "Die Menschen in Papua Neu Guinea leben noch unter viel einfacheren Bedingungen. Diese sind den Gesellschaften, in denen sich unsere 'sozialen' Instinkte evolutionär entwickelt haben, viel ähnlicher als den modernen europäische Gesellschaften."

Eigene Gruppe wird bevorzugt

Die Wissenschaftler untersuchten, in welchem Masse die Mitglieder unterschiedlicher Stämme in Papua Neu Guinea bereit waren, Kosten auf sich zu nehmen, um die Verletzung der Gleichheitsnorm zu bestrafen. Es zeigte sich, dass die Menschen viel weniger eine Normverletzung bestrafen, wenn das Opfer der Normverletzung ein Mitglied des anderen Stammes ist. Der Schutz fremder Stammesmitglieder durch die Androhung altruistischer Bestrafung von Normverletzern ist - unabhängig davon ob der Normverletzer aus dem eigenen Stamm oder vom anderen Stamm kommt - relativ niedrig. Es zeigte sich auch, dass die Normverletzer erwarten, dass sie weniger bestraft werden, wenn der Bestrafende vom eigenen Stamm ist; deshalb wird die Gleichheitsnorm in diesen Fällen auch besonders oft verletzt.

Urs Fischbacher, ein Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Zürich und Mitverfasser der Studie, kommt deshalb zum Schluss: "Begünstigung der eigenen Gruppe und Gleichgültigkeit gegenüber den Mitgliedern von anderen Gruppen ist vermutlich ein tief sitzender - evolutionär geprägter - Impuls, der bis in die heutige Zeit noch eine Rolle spielt. In der Zwischenzeit haben andere Forscherteams unsere Ergebnisse bereits für andere Gesellschaften - wie beispielsweise die Schweiz - replizieren können."

Ernst Fehr, der Leiter der Studie, fügt bei: "Ausgrenzende und diskriminierende Impulse zeigen sich in modernen Gesellschaften auch in der Form von fremdenfeindlichen politischen Organisationen, welche häufig eine 'altruistische', verteidigende, Haltung gegenüber Inländern und Misstrauen bzw. gar offene Feindseligkeit gegenüber Ausländern an den Tag legen. Es bedarf zivilisatorischer Anstrengungen, solche Impulse zu überwinden."

Kontakte:
Ernst Fehr, Director of the Institute for Empirical Research in Economics
University of Zurich
Tel. +41 1 634 3709
E-Mail: efehr@iew.unizh.ch
Urs Fischbacher, Institute for Empirical Research in Economics
University of Zurich
Tel: +41 1 634 3799
E-Mail: fiba@iew.unizh.ch

Beat Müller | idw
Weitere Informationen:
http://www.unizh.ch/

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