Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die verhinderte Integration

18.07.2006
Nicht erst seit den Ausschreitungen in den Pariser Banlieues im Herbst 2005 und dem Notruf der Rütli-Schule im Frühjahr 2006 ist die Integration von Migranten eines der wichtigsten Themen in unserer westlichen Gesellschaft. In Deutschland steht die zweite Migrantengeneration und besonders die größte Gruppe der in Deutschland geborenen türkischen Migranten im Blickpunkt.

Von zentraler Bedeutung ist deshalb die Frage, welche Faktoren entscheidend für eine gelungene Integration beziehungsweise für eine dauerhafte Ausgrenzung sind. In ihrem Buch "Prozesse der Integration und Ausgrenzung" untersuchen Andrea Janßen vom Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen, Norbert Gestring und Ayca Polat von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Ursachen und Wirkungen von Integration oder Ausgrenzung.

Aus den Gastarbeitern mit zeitlich befristetem Aufenthalt sind in der zweiten Generation dauerhafte Einwanderer geworden. Deshalb gehören für Deutschland als Einwanderungsgesellschaft die Fragen nach den Ursachen und Bedingungen einer gelungenen Integration beziehungsweise als Kehrseite der Medaille nach dem Weg in die Randständigkeit bis hin zur Ausgrenzung zu den wichtigsten, die es zu beantworten gilt. Diese Fragen wurden für die zweite Generation türkischer Migrantinnen und Migranten in den Dimensionen Arbeit, soziale Netzwerke und Wohnen im Forschungsprojekt "Zwischen Integration und Ausgrenzung - Lebensverhältnisse türkischer Migranten der zweiten Generation" untersucht und die Ergebnisse in vorliegender Publikation zusammengefasst.

Der Blick auf den Arbeitsmarkt vermittelt ein eindeutiges Bild: Aufgrund der prekären Arbeitsmarktsituation wird es für Niedrigqualifizierte - zu denen türkische Migranten überwiegend gehören - immer schwieriger, sich stabil zu positionieren. Haben sich die ökonomischen Verhältnisse infolge unsicherer Arbeitsplätze oder Arbeitslosigkeit erst einmal verschlechtert, zieht sich der Ausschluss wie ein roter Faden durch andere relevante Lebensbereiche: Mit dem Verlust eines festen Einkommens und einer Beschäftigung geht vor allem soziale Isolation und damit ein Schrumpfen des sozialen Kapitals einher.

Davon ist besonders die große Gruppe der türkischen Migranten bedroht. Meist mit Hauptschulabschluss, viele ohne berufliche Ausbildung gehören sie zu denjenigen, bei denen die Gefahr der Ausgrenzung am höchsten ist. Zusätzlich erfahren türkische Migranten Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt, Deutsche mit gleicher Qualifikation werden bevorzugt eingestellt. Hier kommt verstärkt die Rolle der so genannten Gatekeeper wie Personalchefs zum Tragen. Aber nicht nur gesellschaftliche, auch subjektive, individuelle Faktoren wie eigene Verhaltensweisen, Qualifikationen und Selbstdefinitionen haben einen Einfluss auf eine erfolgreiche Integration beziehungsweise Ausgrenzung.

Im Gegensatz zum Arbeitsmarkt zeichnen sich die Wohnkarrieren durch eine bescheidene Stabilität aus. Aber nicht nur die Qualität der Wohnungen, sondern auch die Wohnungsquartiere selbst haben Auswirkungen auf die Integration: Großsiedlungen führen meist auch zur Stigmatisierung ihrer Bewohner wegen ihres schlechten Rufes und fördern durch die soziale Homogenität der Bewohner die Abschottung von anderen sozialen Milieus.

Eine weitere wichtige Dimension ist das soziale Netzwerk des Migranten. Soziale Netzwerke sichern die emotionale Stabilität und geben Hilfestellung in Form von Informationen und Unterstützung. Meist und - bedingt durch Migration und Schichtzugehörigkeit - insbesondere bei den türkischen Migranten hat die Familie höchste Priorität. Hier ist sie "Netz und Käfig" zugleich: Sie bietet zwar Unterstützungsleistungen und Sicherheit, schränkt aber die Chancen im Wohnungsmarkt und Arbeitsmarkt ein, wenn etwa die Eltern zu einer frühen Heirat drängen.

Aufgrund der Ergebnisse lassen sich folgende Appelle an die Politik ableiten: Eine erfolgreiche Integration von Migranten benötigt vor allem eine Verbesserung der schulischen und beruflichen Qualifikation. Es muss jedoch auch den Vorurteilen der Gatekeeper wie Arbeitgeber, Personalchefs und Vermieter entgegen gewirkt werden. Sozial homogene Stadtteile müssen infrastrukturell und kulturell gestärkt werden, um Stigmatisierungen und dem daraus resultierenden Bedürfnis nach Distanzierung und Gefühl der Ausgrenzung entgegen zu wirken.

Ansprechpartner:
Dr. Andrea Janßen, ZUMA
e-mail: janssen@zuma-mannheim.de

Kerstin Hollerbach | idw
Weitere Informationen:
http://www.gesis.org/
http://www.gesis.org/ZUMA/neue%20Buecher/2006/janssen.htm

Weitere Berichte zu: Ausgrenzung Migrant Stigmatisierung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Pharmakologie - Im Strom der Bläschen

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Verbesserung des mobilen Internetzugangs der Zukunft

21.07.2017 | Informationstechnologie

Blutstammzellen reagieren selbst auf schwere Infektionen

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie