Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Frauen versuchen es öfter

20.12.2001


Frauen trotzdem weniger selbstmordgefährdet als Männer

Die relative Suizidimmunität von Frauen ist bemerkenswert: Männer verüben zwei bis drei mal öfter Selbstmord als Frauen. Allerdings unternehmen Frauen wesentlich öfter als Männer den Versuch eines Selbstmords. Dieses paradoxe Verhaltensmuster erklärt Professor Dr. Christa Lindner-Braun am Forschungsinstitut für Soziologie der Universität zu Köln aus erlernten weiblichen Rollenbildern.

Mit der Verwendung weniger gefährlicher Suizidmethoden lässt sich das Paradoxon jedoch nicht auflösen. Bei Männern und Frauen dominiert z.B. in Deutschland die harte Suizidmethode "Erhängen" und mit zunehmendem Alter der Frauen steigt auch die Gefährlichkeit der verwendeten Suizidmethode.

Allgemein weisen besonders geschiedene Männer und ältere Menschen eine höhere Selbstmordrate auf, wohingegen insbesondere jüngere Frauen häufiger einen Selbstmordversuch riskieren. Im Gegensatz zu einem beabsichtigten tödlich endenden Selbstmord werden durch Suizidversuche schwache, aber positive Wirkungen erwartet: Eine erhoffte absolute Ruhe oder Schutz vor einer kränkenden Umgebung, auch Aufmerksamkeit und Fürsorge von Bezugspersonen, die alternativ nicht (mehr) zu erlangen war. Es sind soziale Appelle durch jemanden, der sich als schwächer zu erkennen gibt und in dieser Rolle auch realistischer Weise auf Hilfe hoffen kann. Das Verhalten ist gemäß einer traditionellen weiblichen Rolle eingeübt, Frauen hoffen auf eine Veränderung der Situation durch außen.

Ursache für die Entstehung einer Suizidneigung ist die Verfolgung abnormer zu hoch oder zu niedrig gesteckter Lebensziele. Wenn die individuellen Ansprüche zu hoch oder zu niedrig sind, wird ein Prozess eingeleitet, der zur Wahrnehmung von Ausweglosigkeit führt. Eine normale und langfristige Reaktion auf Misserfolg wäre es, sich einer leichteren Aufgabe zuzuwenden, also das Anspruchsniveau zu senken oder nach Erfolg kontinuierlich zu steigern. Werden hingegen permanent z.B. zu schwierige Ziele verfolgt, ist nicht nur der wiederholte Misserfolg vorprogrammiert, diese Strategie schützt auch auf Dauer nicht vor selbstbelastenden Erklärungen des Misserfolgs.

Bestimmte Erklärungsmuster sind für die persönliche Wahrnehmung von Erfolg oder Misserfolg der eigenen Handlungen verantwortlich. Typische Selbstinterpretationen führen Handlungserfolge auf instabile und externale, außerhalb der eigenen Person liegende Faktoren wie Glück zurück, Misserfolge aber auf stabile internale, in der eigenen Person liegende Faktoren wie die "eigene Unfähigkeit". Ein solches Muster schneidet die Person kurz- und langfristig von subjektiven Erfolgserlebnissen ab. Zudem haben Misserfolge, die der eigenen Person zugeschrieben werden, stärkere negative Gefühle zur Folge als Misserfolge, die auf äußere Umstände geschoben werden. Umgekehrt verflüchtigt sich ein Erfolg, der als Glück interpretiert wird, schneller. So können weniger positive Affekte angesammelt werden. Diese reichen auch mit der Zeit nicht aus, negative Affekte zu kompensieren. Damit erklärt sich, dass oft geringfügige und für die soziale Umgebung unverständliche Beeinträchtigungen der Anlass für einen Suizid waren. Eine wichtige Konsequenz davon ist, dass immer weniger Handlungsalternativen als Ausweg zum Suizid wahrgenommen werden. Der Handlungsspielraum schrumpft. Immer weniger Handlungsalternativen werden als solche erkannt und die Person entbehrt jeder Möglichkeit, in kritischen Situationen Problemlösungen und Auswege zu erkennen, es sei denn, die soziale Umwelt durchbricht und korrigiert diese mutmaßlich früh erlernten kognitiven Interpretationsmuster. Dies gilt für Frauen wie für Männer.

Ihren relativen Suizidschutz verlieren Frauen in professionellen- und Dienstleistungsberufen. Sie sind gleich oder stärker suizidgefährdet als Männer in vergleichbaren Positionen. In manchen Berufsgruppen, wie z.B. Ärztinnen, sind Frauen stärker gefährdet als ihre männlichen Kollegen. Den Grund hierfür sieht Professor Lindner-Braun in für Frauen rollenuntypischen Leistungssituationen, die selbstwertungünstige Attributionen für Erfolg oder Misserfolg begünstigen. Eine mögliche Korrektur selbstentlastender Interpretationen durch die soziale Umgebung ist außerdem angesichts eingeschränkter Netzwerkressourcen und sozialer Isolation am Arbeitsplatz in von Männern dominierten Berufen weniger wahrscheinlich.

Gabriele Rutzen | idw

Weitere Berichte zu: Ausweg Selbstmord

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie