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FearNot! - Bamberger Psychologen entwickeln virtuelles Rollenspiel gegen Mobbing und Gewalt an Schulen

09.06.2006
Bullying. Hinter diesem Wort verbirgt sich das an vielen Schulen verbreitete Phänomen von andauernder Schikane und Ausgrenzung einzelner Schüler durch andere Schüler. Bamberger Psychologen arbeiten an einem hoch dotierten EU-Projekt zur Reduzierung der Gewalt an Schulen mit, das neue Konfliktlösungsstrategien aufzeigt.
Früher kannte man nur den Rütli-Schwur aus Schillers "Wilhelm Tell". Was man heute mit dem Namen Rütli assoziiert, ist etwas ganz anderes. Die Hauptschule in Neukölln ist zum Inbegriff der verkommenen Schule geworden, auch wenn sie etwa durch die Aufführung eines Musicals gegen diesen Ruf kämpft. Doch die Schule in Berlin ist nur ein medienwirksamer Höhepunkt. "Es ist eher die anhaltende alltägliche Schikane und Ausgrenzung, die häufig versteckt hinter dem Rücken der Lehrer abläuft, die für die gravierenden psychischen und physischen Folgen der Kinder verantwortlich ist", erklärt die Bamberger Diplom-Psychologin Sibylle Enz. Zu diesen Folgen zählen Depressionen, Verlust des Selbstwertgefühls, schulische Misserfolge und gesundheitliche Probleme. Gewalt an Schulen ist dabei natürlich kein Problem, das sich auf Deutschland beschränkt. Eine internationale Forschergruppe arbeitet derzeit an einem EU-Projekt, das die Reduzierung von Gewalt und Mobbing an Schulen zum Ziel hat. Psychologen der Otto-Friedrich-Universität Bamberg sind fester Bestandteil des Teams, sie arbeiten an einem Computerprogramm namens "FearNot!", in dem Schüler virtuell verschiedene Mobbing- und Gewaltszenarios durchleben können. Für dieses Projekt hat die Otto-Friedrich-Universität eine EU-Förderung von rund 200 000 Euro erhalten.

Nährboden für Konflikte

Bestehlen, ausgrenzen, bedrohen und schlagen: Die Palette der Verhaltensweisen, die unter Fachleuten als "Bullying" bezeichnet werden, ist groß. "Die Schule bietet einen guten Nährboden für solches Verhalten, da Schüler mit unterschiedlichen Persönlichkeiten, Einstellungen und kulturellen Werten tagtäglich aufeinandertreffen", erläutert Dr. Carsten Zoll vom Bamberger Mitarbeiterteam. Es gebe viele zeitliche und räumliche Nischen, die von Lehrern nicht beaufsichtig und kontrolliert werden können. Bullying finde daher vor allem auf den Schulhöfen und Gängen, vor und nach dem Unterricht, in den Umkleidekabinen und auf dem Schulweg statt. Bullying ist selten ein kurzfristiges Phänomen. Das Opfer wird über einen längeren Zeitraum ausgegrenzt und stigmatisiert, es kann oft nur auf die Unterstützung von Freunden, Lehrern oder Eltern hoffen. In jedem Fall ist es wichtig, an einer gewaltfreien Konfliktlösung zu arbeiten - genau hier setzt das Team vom Bamberger Institut für Theoretische Psychologie um die Professoren Dietrich Dörner und Harald Schaub an.

Das neu entwickelte Computerprogramm soll dem einzelnen Schüler helfen, im virtuellen Rollenspiel die Perspektiven aller Beteiligten kennen und die Probleme verstehen zu lernen. Die Interaktion mit den virtuellen Charakteren erhöht das Verständnis für die in Bullying-Situationen ablaufenden psychologischen Prozesse. "Die Schüler sollen damit ein größeres Verständnis für die gravierenden Konsequenzen von Bullying entwickeln", sagt Sibylle Enz. Durch die Interaktion mit den virtuellen Charakteren können sowohl Täter als auch Opfer den weiteren Verlauf der gezeigten Situationen beeinflussen und eigene Lösungsstrategien entwickeln und gefahrlos ausprobieren.

Das Bamberger Team

Die Aufgabe der Bamberger Psychologen Prof. Dr. Harald Schaub, Dr. Carsten Zoll, Dr. Tim Tisdale und Dipl.-Psych. Sibylle Enz besteht zum einen darin, die Lernprozesse, die Schüler während und nach der Interaktion der Software erleben, zu beschreiben und zu erklären. Dies dient der Optimierung der Software und der Erarbeitung pädagogischer Konzepte für die Einbindung des Programms in den Unterricht. Zum anderen sorgen sie für die psychologischen Grundlagen, die für die Entwicklung und Programmierung der virtuellen Schüler notwendig sind. Die Schülerinnen und Schüler, die den Prototyp bisher getestet haben, fanden das Programm sehr gelungen. Ein Problem stellen die sehr hohen Anforderungen an die Graphik dar, die Kinder sind durch die Standards kommerzieller Computerspiele verwöhnt. "Negative Kommentare beziehen sich meist auf das Aussehen, die Bewegungen und die Sprache der Charaktere des Prototyps", erzählt Sibylle Enz. Aber daran wird gearbeitet. Großen Anklang finden die Interaktionsmöglichkeiten, "interessant, lustig, besser als Bücher" charakterisieren die Kinder das Erkunden des Pogramms.

Ziel: Einsatz der Software an Schulen

Es ist geplant, die Software ab 2007 in Deutschland und Großbritannien in Schulen im Rahmen einer breit angelegten Evaluationsstudie zu testen. Diese Aufgabe fällt in Deutschland den ebenfalls am Projekt beteiligten Psychologen der Universität Würzburg um Prof. Dr. Wolfgang Schneider zu. Diese Studie wird erfassen, ob das Programm geeignet ist, das soziale und emotionale Lernen der Kinder zu fördern. Wenn die Effektivität des Programms empirisch nachgewiesen werden kann, wird "FearNot!" für Schulen zugänglich gemacht und kann als sinnvoller Baustein in ein bereits vorhandenes Unterrichtskonzept gegen Gewalt und Mobbing eingesetzt werden. An dem EU-Projekt unter dem Titel eCIRCUS (Education through Characters with emotional Intelligence and Roleplaying Capabilities that Understand Social Interaction) arbeiten von deutscher Seite neben den Psychologen der Universitäten Bamberg und Würzburg auch Informatikerinnen und Informatiker der Universität Augsburg (Prof. Dr. Elisabeth André), außerdem Wissenschaftler und Computerspezialisten aus England, Portugal und Italien mit. Projektkoordinator ist die Heriot-Watt-University in Edinburgh (Gesamtprojektleitung: Prof. Dr. Ruth Aylett). "Für uns hier in Bamberg bietet sich durch die EU-Förderung eine wertvolle und fruchtbare Möglichkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit mit Forschern und Anwendern im Bereich der künstlichen Intelligenz und Software-Entwicklung aus anderen europäischen Ländern", sagt Carsten Zoll.

Dr. Martin Beyer | idw
Weitere Informationen:
http://www.e-circus.org

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