Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Dort hingucken, wo die Action ist - Gesellschaft im Betrieb

15.05.2006


Wo werden Globalisierung, Informatisierung und Shareholder Value für die Menschen spürbar und wirksam? Wo treffen Individuen, ihre Lebensweisen, ihre Fähigkeiten und ihre Interessen, unmittelbar auf die weltweite Logik der Ökonomie, auf Markteinflüsse, Rationalisierung und Managementkonzepte? Das ist nirgends so der Fall wie dort, wo die Menschen arbeiten und wo sie mit Kollegen und Vorgesetzten umgehen: im Büro, in der Werkshalle, beim Projektmeeting, um ein altmodisch klingendes Wort zu verwenden: im Betrieb. Hier ist Gesellschaft "im Normalbetrieb" zu beobachten - und auch "in the making", denn wie in einer Gesellschaft gearbeitet und gelebt wird, bestimmt sich ganz wesentlich im Betrieb. Doch gerade was aktuelle Entwicklungen in den Betrieben betrifft, gibt es große weiße Flecken auf der Landkarte der Wissenschaft. Ein Werkstattgespräch des Forschungsverbundes Sozioökonomische Berichterstattung in Deutschland (soeb.de) befasste sich mit der Frage, wie man "Gesellschaft im Betrieb" besser beobachten, interpretieren und bewerten kann.



Der Forschungsverbund Sozioökonomische Berichterstattung in Deutschland: Arbeit und Lebensweisen arbeitet daran, den Umbruch der deutschen Gesellschaft umfassend zu beobachten und besser zu verstehen. Dabei hat er die "großen" Veränderungen der Wirtschaftsweise ebenso im Auge wie den Wandel der Lebensweise der Individuen - und vor allem den Wandel des Zusammenspiels zwischen beiden. Eine Serie von Werkstattgesprächen dient der Vorstellung von Ergebnissen des bereits vorliegenden ersten Berichts und der Beratung darüber, wie der zweite Bericht aussehen sollte. Das vierte Werkstattgespräch am 9./10. Mai in Göttingen, organisiert vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung - ISF München, zielte auf den Betrieb als "Knotenpunkt", an dem ökonomische und soziale Entwicklungen "zusammengebunden" werden - mit weit reichenden Folgen für die Individuen und die gesamte Gesellschaft.



Eine Auswahl der diskutierten Themen: Die Managementkonzepte lösen sich in den letzten Jahren immer schneller ab, ihre Halbwertszeit wird immer kürzer. Was wird daraus in der Praxis? In der Diskussion stellte sich heraus: So sehr es stimmt, dass viel "heiße Luft" dabei ist - in den letzten zehn Jahren haben sich nicht nur die Großbetriebe, sondern auch kleinere Unternehmen in erheblichem Ausmaß gewandelt. Es müssen Wege und Konzepte entwickelt werden, diese Veränderungen kontinuierlich zu beobachten und in ihrer gesellschaftlichen Tragweite zu bewerten.

Auf der Tagung vorgestellte Untersuchungen zeigen: Die Stabilität und Sicherheit von Beschäftigung nimmt ab; die Löhne, die Beschäftigte bekommen können, sind heute stärker als früher davon abhängig, in welchem Betrieb man beschäftigt ist. Der Geltungsbereich von Flächentarifverträgen verringert sich, der Einfluss der betrieblichen Lohnpolitik nimmt zu. An diesen Entwicklungen sind betriebliche Personal- und Entlohnungspraktiken maßgeblich beteiligt: Die konkreten Entscheidungen über Einstellung, Kündigung und Entlohnung werden zu großen Teilen in den Betrieben getroffen.

Eine Befragung zur Qualität von Arbeit zeigte, dass sichere Beschäftigung und ein existenzsicherndes Einkommen von den Beschäftigten als zentrales Merkmal "guter" Arbeit angesehen werden. Von den realen Arbeitsverhältnissen der Befragten ergibt sich dabei ein eher düsteres Bild: Die drei Bedingungen Einkommen, Entwicklungsmöglichkeiten in der Arbeit und Abwesenheit starker Belastung, die für die Bewertung als "gute Arbeit" prägend sind, werden nur bei einer relativ kleinen Minderheit vollständig erfüllt.

Arbeitszeit ist ein wichtiger "Taktgeber" für gesellschaftliche Zeiteinteilung, und dieser Taktgeber ist im Wandel begriffen: Immer mehr Menschen arbeiten über 40, ja sogar über 48 Stunden in der Woche, teilweise weit länger, als vertraglich vereinbart; andererseits arbeiten immer mehr Menschen Teilzeit, und das mit immer kürzeren Wochenarbeitszeiten. Untersuchungen zeigen, dass es in beiden Gruppen erhebliche Unzufriedenheit gibt: bei den einen, weil die Arbeit zu sehr das "Leben" beeinträchtigt, bei den anderen, weil sie nicht mehr von ihrer Arbeit leben können. Ein genauerer Blick auf Betriebsebene kann Aufschluss darüber geben, wie diese Polarisierung zustande kommt und wie sich die veränderten Arbeitszeiten auf gesellschaftliche Teilhabe auswirken.

Welche Auswirkungen haben die Wandlungen des Betriebs und im Betrieb auf gesellschaftlicher Ebene? Für Ostdeutschland wurde die These vertreten, dass sich eine ’fragmentierte Entwicklung’ abzeichnet: Es gibt "Leuchttürme" produktiver Betriebe, die aber kaum auf das allgemeine Beschäftigungs- und Wohlstandsniveau auszustrahlen scheinen - sie ziehen die Region nicht mit. Zugleich gibt es gerade im Zusammenhang der Globalisierung und Informatisierung eine weltweite Renaissance des Fordismus, vor allem in Ländern wie China, wo riesige, hoch arbeitsteilige Weltmarktfabriken entstehen.

Ein Bericht des Deutschlandfunks über das Werkstattgespräch ist als Audiodatei hier anzuhören: http://www.dradio.de/dlf/programmtipp/studiozeit-ks/498063/

Der Forschungsverbund Sozioökonomische Berichterstattung besteht aus dem Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI), dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München), dem Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie in stadtbergen (INIFES) und dem Thünen-Institut für Regionalforschung in Bollewick. Er wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Programms "Bessere Daten für eine bessere Politik" und betreut vom Projektträger in der GSF - Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit. Einen umfangreichen ersten Bericht hat der Verbund 2005 in Buchform vorgelegt. Der zweite Bericht zu Arbeit und Lebensweisen in Deutschland ist für den Spätsommer 2008 vorgesehen. Auf der Internetseite des Verbundes, http://www.soeb.de, werden die Ergebnisse künftig auch für eine breitere Öffentlichkeit aufbereitet - freilich erst im Zuge der Arbeiten am zweiten Bericht.

Für weitere Fragen steht Ihnen der Pressesprecher des Forschungsverbundes, Frank Seiß vom ISF München, Tel. 089/272921-78, frank.seiss@isf-muenchen.de, jederzeit gern zur Verfügung.

Frank Seiß | idw
Weitere Informationen:
http://www.soeb.de
http://www.bmbf.de/de/4700.php
http://www.dradio.de/dlf/programmtipp/studiozeit-ks/498063/

Weitere Berichte zu: ISF Individuum Informatisierung Sozioökonomisch

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften