Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Europa und seine Pioniere

29.03.2006


Warum migrieren Leute innerhalb Europas? Herrscht wie früher immer noch das gleiche Motiv, nämlich die Arbeitsuche, vor? Oder überschreiten Europäer Grenzen zum Studium oder um ihr Rentenalter in einer klimatisch angenehmeren Gegend zu verbringen? Und wie verteilen sich diese Gruppen auf die verschiedenen europäischen Ländern? Diese und viele andere Forschungsfragen standen im Fokus des EU-Projektes PIONEUR und sind nun beantwortet.



Das Projekt PIONEUR - ein innereuropäisches Projekt zur Untersuchung von EU-Mobilität und EU-Identität - hat seine Arbeit beendet und seine Ergebnisse wurden auf einer Pressekonferenz in Brüssel am 28.3.2006 präsentiert. Veranstaltet wurde diese von der Europäischen Kommission, DG Research und DG Employment, vertreten durch Guilia Amaducci und Ivone Kaizeler.

... mehr zu:
»EU-Migranten »Heimatland »Migrant »Spanier


Obwohl 2006 das "European Year of Workers’ Mobility" ist, zeigen offizielle Zahlen, dass gerade mal zwei Prozent der europäischen Bürger außerhalb ihres Heimatlandes in einem anderen Land der EU leben. Allerdings scheint diese Zahl weiter zu wachsen: Gerade die Zahl der jungen Leute steigt, die aus Arbeitsgründen und Abenteuerlaune in die Mega-Citys London oder Paris ziehen. Professionals aus globalen Firmen sind ebenfalls in der Welt zu Hause, Rentner suchen sich sonnige Plätzchen mit besserer Lebensqualität und internationale Studienaustauschprogramme erweitern den Horizont. Warum aber sind diese Migranten so stark in der Minderheit? Anhand eines qualitativ-quantitativen Methodenmix geht das PIONEUR-Projekt den EU-Wanderern nach.

Wer sind die EU-Migranten und warum ziehen Migranten aus ihrem Heimatland weg? Waren es früher hauptsächlich nicht-qualifizierte Arbeitsmigranten vom Süden - sogenannte Gastarbeiter - die innerhalb der EU nach Norden migrierten, so sind es heute mehr und mehr besser Hochqualifizierte, die ihr Heimatland verlassen. Und nicht nur Arbeit, sondern auch ein angenehmerer Ruhestand sowie ein Studium an einer europäischen Universität können Gründe für einen EU-Länderwechsel sein. Je nach Motivation zieht es die Migranten in verschiedene EU-Länder. Während sich in Spanien die Ruheständler aus Deutschland und Großbritannien sonnen, zieht es die gebildeteren Spanier und weniger gebildete Italiener nach Deutschland. Eins kann jedoch festgehalten werden: die innereuropäische Migration der Rentner steigt - Arbeiten im Norden, Alter genießen im Süden. Arbeitssuche und Geldverdienen sind nicht länger mehr der vorherrschende Grund, nein, die meisten verlassen ihr Heimatland der Liebe wegen - besonders die Frauen, erst dann kommt die Arbeit mit ins Spiel. An dritter Stelle steht der Wunsch nach mehr Lebensqualität.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die soziale Mobilität. Gelingt es Migranten eher als ihren Heimatgenossen, auf der sozialen Leiter aufzusteigen, oder müssen sie nicht im Gegenteil fürchten, in der EU-Fremde noch weiter nach unten gedrückt zu werden? Die Ergebnisse aus der PIONEUR-Studie deuten darauf hin, dass Migranten in der sozialen Klasse bleiben, aus der sie gekommen sind. Allerdings entstammt die Mehrheit der innereuropäischen ’mover’ bereits aus bürgerlichen und oberen Schichten und bleibt das auch. Für Frauen und Migranten mit geringerer Bildung ist das Risiko, sozial tiefer zu sinken, jedoch trotzdem weiterhin vorhanden.

Wie sieht es mit der Intergration der EU-Migranten aus? Der Schlüsselindikator für die Integration im Gastland sind Sprachkenntnisse. Obwohl ihre Sprachkenntnisse wesentlich höher sind als die der Daheimgebliebenen, sind die meisten EU-Mover mit der Sprache ihres Gastlandes nicht so bewandert. Die große Ausnahme bildet hier natürlich Großbritannien und seine Einwohner: Die Weltsprache Englisch wird von Migranten nach Großbritannien in hohem Maße adaptiert, während die Briten im europäischen Ausland eher keine Notwendigkeit sehen, sich anderer europäische Sprachen anzunehmen.

Aber nicht nur Sprache ist ein Integrationsmedium, auch die Annahme der spezifischen Kultur und des Lebenstils sind Indikatoren für Integration. Hier vermissen die EU-Auswanderer doch einige Selbstverständlichkeiten aus der alten Heimat. Während die Spanier ihren ’Lifestyle’ vermissen, nennen vor allem die nach Süden ausgewanderten Deutschen und Briten die bürgerliche Tugenden als Mangelware, obwohl sie ihre Zeit hauptsächlich mit Freunden und Bekannten aus dem gleichen Land teilen. Franzosen und Spanier hingegen haben eher auch Freunde aus ihrem Gastland.

Bezüglich ihrer Identität sind die EU-Migranten die besseren Europäer. Sie haben nicht nur ein positiveres Image von der EU und fühlen sich eher als Europäer, sie haben auch eine bessere Kenntnis über Europäische Institutionen und Politik als die Daheimgebliebenen. Mehrheitlich identifizieren sich die europäischen Migranten sowohl mit ihrem Heimatland, ihrem Gastland und auch mit Europa. Natürlich gibt es auch Gruppen, die sich weniger als Europäer fühlen, oder die sich nicht mit ihrem Gastland identifizieren können. Auch was die politische Partizipation angeht, sind die EU-Migranten auf der Europa-Welle: Nicht nur, dass sie politisch interessierter sind, ihre Wahlbeteiligung bei europäischen Wahlen ist auch höher. Allerdings nehmen sie an nationaler Wahlen weniger häufig teil als ihre im Heimatland gebliebenen Landsleute.

Für ihre Informationsbeschaffung greifen die meisten EU-Migranten auf die Medien ihres Gastlandes zu. Aber auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen den verschiedenen Migrantengruppen. Migranten in Großbritannien und Frankreich nutzen stärker die Medien des Gastlandes als Migranten in Deutschland, Italien und Spanien. Obwohl die EU-Migranten keinesfalls eine homogene Masse darstellen und die Mediennutzung generell in Abhängigkeit von Bildung, Alter und Sprachkenntnissen zu sehen ist, haben die ’Mover’ trotzdem einen höheren Medienkonsum als die ’Stayer’.

Kontakt:
Michael Braun - Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA)
braun@zuma-mannheim.de
Nina Rother - Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA)
rother@zuma-mannheim.de

Kerstin Hollerbach | idw
Weitere Informationen:
http://www.gesis.org/
http://www.obets.ua.es/pioneur/resultados.php

Weitere Berichte zu: EU-Migranten Heimatland Migrant Spanier

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise