Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Putzwut und Berufsstress: PsychologInnen der Uni Graz untersuchten das Erleben von Mehrfachbelastungen

23.03.2006


Die subjektive Wahrnehmung von Mehrfachbelastungen durch Beruf und Familie war nur eines der Themen, mit denen sich die europaweit durchgeführte Studie "FamWork" intensiv beschäftigte. Nach 33 Monaten Laufzeit ist das Projekt nun abgeschlossen. Und die Auswertungen liefern interessante Einblicke in die Haushalte sowie in Erleben und Wirklichkeit von Herrn und Frau Europäer.



"FamWork" (Family Life and Professional Work: Conflict and Synergy) wurde an den Psychologie-Instituten acht europäischer Unis, darunter auch Graz, durchgeführt und soll die subjektive Wahrnehmung von Doppelbelastungen und die daraus resultierenden Folgen erfassen. Dazu wurden pro Land über 200 Familien zu ihrer jeweiligen Lebenssituation befragt. Im Zentrum der Erhebungen standen psychologische Variablen: Wie wird die eigene Situation erlebt? Wie empfindet der Partner, die Partnerin? Das Grazer Team um Projektleiter Univ.-Prof. Dr. Gerold Mikula hat detaillierte Daten - etwa bezüglich Einkommen, Sicht der Geschlechterrollen oder subjektiv empfundenen Berufsstress - analysiert und internationale Vergleiche angestellt.

... mehr zu:
»Berufsstress


Europa im Vergleich

Von besonderer Bedeutung ist die eigene Sicht der Geschlechterrollen, wobei zwischen "traditionellen" und "egalitären" Staaten unterschieden werden kann. Personen in südlichen Ländern neigen eher zu konservativen Rollenvorstellungen als Personen im Norden Europas, die tendenziell eine "modernere" Einstellung gegenüber dem Thema gleichberechtigte Arbeitsteilung im Haushalt haben. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass das Kochen, Putzen, Bügeln tatsächlich genau auf Frau und Mann aufgeteilt ist.
Besonders in Österreich und Deutschland klaffen die Einstellungen und das tatsächliche Verhalten beträchtlich auseinander. Denn in den Haushalten hierzulande und bei unseren nördlichen Nachbarn wird zwar gerne auf die Gleichberechtigung verwiesen, die wirkliche Aufteilung der Arbeit ist hingegen genauso traditionell wie in den südeuropäischen Ländern. "In Portugal und Italien sowie in Finnland und in den Niederlanden stimmen die Aussagen und die Wirklichkeit dagegen besser überein", fasst Gerold Mikula zusammen.

Einstellungssache

Die Gründe, warum "halbe-halbe" nicht voll und ganz funktioniert, sind unterschiedlich. Zum einen macht die Frau mehr im Haushalt, je mehr der Mann im Beruf arbeitet. Zum anderen spielt die Einstellung der Männer eine Rolle: je traditioneller die Haltung, desto weniger helfen sie daheim mit. Die für Beruf und Familie aufgewendete Zeit steht in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Wohlbefinden. Mikula: "Jemand, der 16 Stunden arbeitet, kann genauso glücklich sein wie jemand, der acht Stunden arbeitet." Entscheidend ist das subjektive Erleben. Die Hausarbeit wirkt sich nur dann negativ auf die Zufriedenheit aus, wenn sie als besondere Belastung wahrgenommen wird.

Authentizität

Für die Datenerhebung hat man sich im Projekt FamWork etwas Spezielles einfallen lassen: die Verwendung eines Pocket-Organizers. Dieser "meldete" sich eine Woche lang dreimal am Tag bei den Testpersonen und stellte Fragen zur momentanen Gefühlslage, zu den im Haushalt ausgeübten Tätigkeiten und zur Unterstützung durch den/die PartnerIn. Diese wurden direkt am Organizer beantwortet. "Dabei konnten wir unter anderem untersuchen, ob die Angaben, die beim Ausfüllen eines Fragebogens gemacht werden, mit dem tatsächlichen Aufwand im Haushalt übereinstimmen", erklären die ProjektmitarbeiterInnen Mag. Sonja Jagoditsch und Mag. Harald Lothaller. Die elektronischen Aussagen sind nämlich aktuell und authentischer als Angaben am Fragebogen.

Die Ergebnisse bringen weitere interessante Aspekte ans Licht. So ist etwa bei "traditionellen" Männern festzustellen, dass sie ihren Beitrag im Haushalt deutlich unterschätzen. Umgekehrt überbewerten Frauen mit "konservativeren" Einstellungen ihren Anteil an der täglichen Hausarbeit.

Auch das persönliche Wohlbefinden der Befragten wurde so genauestens unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Je mehr Vereinbarkeitsprobleme zwischen Beruf und Familie, desto mehr Beziehungskonflikte, desto weniger psychisches und physisches Wohlbefinden. Und diese negativen Folgen sind auch noch am nächsten Tag spürbar.

Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Gerold Mikula
Institut für Psychologie der Universität Graz
Tel. 0043/(0)316/380-5113
E-Mail: gerold.mikula@uni-graz.at

Gudrun Pichler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-graz.at
http://www.eu-project-famwork.org

Weitere Berichte zu: Berufsstress

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weiterbildung zu statistischen Methoden in der Versuchsplanung und -auswertung

06.12.2016 | Seminare Workshops

Bund fördert Entwicklung sicherer Schnellladetechnik für Hochleistungsbatterien mit 2,5 Millionen

06.12.2016 | Förderungen Preise

Innovationen für eine nachhaltige Forstwirtschaft

06.12.2016 | Agrar- Forstwissenschaften