Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Kunst, noch Mensch zu bleiben: Strategien der Abgrenzung bei Führungskräften

24.02.2006


"Die Managerkrankheit ist eine Epidemie, die durch den Uhrzeiger hervorgerufen und durch den Terminkalender übertragen wird", soll der Schriftsteller John Steinbeck einmal über den Alltag in Führungsetagen gesagt haben. Auch Manager sind nur Menschen, die in mittlerer und oberer Führungsebene oft selbst Getriebene der eigenen Prozesse sind. Aber wie schaffen es Führungskräfte dennoch, ihren ganz persönlichen Wertehorizont zu generieren und Abstand zur Arbeit zu gewinnen? Wie bleiben sie Privatmann bzw. -frau? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Eichstätter Soziologin Sandra Siebenhüter in ihrer Dissertation, für die sie Manager aus den Branchen Automobil- und Flugzeugindustrie, Banken und Dienstleistungen sowie Personal- und Unternehmensberater ausführlich befragte.



Grundsätzlich zeigte sich, dass es nur wenigen Menschen gelingt, wirklich abzuschalten. "Unternehmen üben durch die Vorgabe von häufig unklar definierten Zielen einen ausgesprochen starken Druck auf die Manager aus. Jede Firmenleitung weiß, dass kein Druckmittel so effizient ist, wie das der Selbstausbeutung durch einen hohen Grad an Entscheidungsfreiheit", erklärt Siebenhüter. Abstand zu gewinnen sei eine große Kunst, die nur wenige beherrschten. Ein Symptom dieser Entwicklung sei die Zunahme an Herz-Kreislauferkrankungen und die steigende Zahl des Burn-Out-Syndroms in Führungsetagen.



Bei Managern, denen Distanz gelingt, konnte die Forscherin zwei grundlegende Strategien unterscheiden: "Die einen praktizieren eine eher technisch funktionale Sichtweise, die sich stark an der Struktur und den Erfordernissen des Unternehmens orientiert. Das hilft, sich klar abzugrenzen durch strikte Zeitstrukturen bei Arbeitsbeginn und Arbeitsende, Nicht-Erreichbarkeit im Urlaub und nach Feierabend." Dazu gehöre auch eine starke Trennung von Berufs- und Privatwelt, indem man über berufliche Aspekte zuhause nicht rede oder Rituale pflege, die den Tag strukturierten. "Andere Manager jedoch praktizieren eine sehr emotionale, zum Teil ethische Sichtweise: Sie arbeiten im Urlaub bei der Bahnhofsmission oder werben selbst als Bankenvorstand noch Kunden an, um Abstand von ihrer eigentlichen Tätigkeit zu bekommen", sagt Sandra Siebenhüter. Manche seien auch fürsorglich um ihre Mitarbeiter bemüht, indem aus Rücksicht auf das Familienleben zum Beispiel kein Meeting nach 18 Uhr angesetzt werde. "Unter Umständen wird einem leitenden Angestellten auch ein Zwangsurlaub verpasst. Die Intention dahinter ist klar: Lieber lässt sich die Firma den kurzfristigen Ausfall etwas kosten, als dass der Angestellte ein Jahr lang nicht zu gebrauchen ist, weil seine Ehe in die Brüche geht."

Grundsätzlich seien Manager, die Abstand zu ihrer eigenen Berufsrolle finden stärker dazu in der Lage, unterschiedliche Perspektiven miteinander zu kombinieren. "Die unterschiedlichen Selbstbilder eröffnen ihnen auch in beruflicher Hinsicht mehr Handlungsoptionen als jenen, die sich nur auf den Erfolg im Job konzentrieren", sagt Sandra Siebenhüter. Das beste Zeitmanagement für eine Distanz zum Beruf nütze jedoch nur wenig, wenn nicht auch die Umwelt des Managers Freiräume zulasse. "Klar wurde eines: Sich eine Distanz zu schaffen ist harte Arbeit, vielleicht sogar mehr, als 10 Stunden am Tag zu arbeiten."

Sandra Siebenhüter: Privatleben nicht vorgesehen. Die Kunst noch Mensch zu bleiben - Abgrenzungsstrategien bei Führungskräften. Wiesbaden 2005 (Deutscher Universitätsverlag), 35,90 Euro.

Constantin Schulte Strathaus | idw
Weitere Informationen:
http://www.ku-eichstaett.de

Weitere Berichte zu: Abgrenzung Führungsetage Führungskraft Sichtweise

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vollmond-Dreierlei am 31. Januar 2018

Am 31. Januar 2018 fallen zum ersten Mal seit dem 30. Dezember 1982 "Supermond" (ein Vollmond in Erdnähe), "Blutmond" (eine totale Mondfinsternis) und "Blue Moon" (ein zweiter Vollmond im Kalendermonat) zusammen - Beobachter im deutschen Sprachraum verpassen allerdings die sichtbaren Phasen der Mondfinsternis.

Nach den letzten drei Vollmonden am 4. November 2017, 3. Dezember 2017 und 2. Januar 2018 ist auch der bevorstehende Vollmond am 31. Januar 2018 ein...

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

Veranstaltungen

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

22.01.2018 | Veranstaltungen

Transferkonferenz Digitalisierung und Innovation

22.01.2018 | Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

15. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

22.01.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Forschungsteam schafft neue Möglichkeiten für Medizin und Materialwissenschaft

22.01.2018 | Biowissenschaften Chemie

Ein Haus mit zwei Gesichtern

22.01.2018 | Architektur Bauwesen

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics