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Europäer aus ökonomischen Gründen und nicht aus Leidenschaft

17.02.2006


Der Prozess der wirtschaftlichen und politischen Vereinigung Europas hat in den zurückliegenden Jahren enorme Fortschritte gemacht, auch wenn er - nach den gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden - derzeit ins Stocken geraten zu sein scheint. Aber wie steht es mit der sozialen Integration, und wird am Ende eine einheitliche europäische Gesellschaft stehen, in der die heutigen nationalen Gesellschaften aufgehen werden? Ein Ausdruck der sozialen Integration auf der individuellen Ebene ist die subjektive Identifikation der Bürger mit Europa. Dr. Heinz-Herbert Noll und Dr. Angelika Scheuer von der ZUMA-Abteilung Soziale Indikatoren kommen zu dem Ergebnis, dass die Bürger der EU-Länder sich zwar auch mit Europa identifizieren, aber die Zugehörigkeit zu ihrem eigenen Land und zu kleineren lebensräumlichen Einheiten nach wie deutlich im Vordergrund steht. Zudem ist in den vergangenen zehn Jahren kein Wandel zugunsten einer stärkeren Identifikation mit Europa festzustellen. Die nationale ’Jacke’ scheint den Europäern nach wie vor deutlich näher zu sein als die europäische ’Hose’. Neben politischen und sozialen Prädispositionen der Bürger wird die Verbundenheit zu Europa vor allem durch die Einschätzung bestimmt, dass die EU-Mitgliedschaft für das eigene Land von Nutzen ist.



Wie verhält sich das Gefühl der Zugehörigkeit zu Europa zur Identifikation mit der eigenen Nation, und ist diesbezüglich ein Wandel zu beobachten? Wie unterscheiden sich die Bevölkerungen der EU-Länder hinsichtlich der Identifikation mit Europa, und von welchen Faktoren hängt eine mehr oder weniger ausgeprägte Verbundenheit mit Europa ab? Diese Fragestellungen untersuchen Dr. Heinz-Herbert Noll und Dr. Angelika Scheuer von der ZUMA-Abteilung Soziale Indikatoren anhand der European Values Study und der Eurobarometer-Umfragen.



Die Daten der European Value Study, die von einem eher hierarchisch strukturierten Identitätskonzept ausgeht, weisen darauf hin, dass nur eine winzige Minderheit von 1-5 Prozent sich in erster Linie als Europäer sieht. Die EU-Bürger fühlen sich vielmehr zu aller erst mit ihrem Wohnort und danach mit ihrer Region und ihrem Land verbunden. Am seltensten bezeichnen sich die Griechen und die Briten als Europäer, während unter den Luxemburgern eine europäische Identifikation am weitesten verbreitet ist.

Die Eurobarometer-Umfragen verfolgen ein anderes Identitätskonzept: Die Fragen nach der Zugehörigkeit laden die Befragten dazu ein, europäische, nationale und regionale Identifikationen als einander ergänzend und erweiternd zu betrachten. Diese Daten vermitteln deshalb ein differenzierteres Bild der europäischen Identifikation. Ausschließlich als Europäer betrachtet sich mit 3 % auch hier lediglich eine verschwindend kleine Minderheit der Befragten, aber immerhin 55 Prozent der EU-Bürger bezeichnen sich zugleich als Landesbürger und als Europäer. Der Anteil der Personen, die sich nur über ihre eigene Nationalität definieren, variiert innerhalb der EU-25 Länder beträchtlich und reicht von 30 % in Zypern bis zu 65 % in Ungarn. Während die Briten erwartungsgemäß eine niedrige und die Benelux-Länder eine hohe Identifikation mit Europa aufweisen, sind keine offensichtlichen Ländermuster, z.B. nach armen/reichen oder alten/neuen Mitgliedsländern, festzustellen. In Deutschland geben 37 % der Befragten an, sich nur als Deutscher zu sehen, 58 % als deutsch und europäisch sowie 5 % als ausschließlich europäisch. Überraschend ist der Befund, dass in dem Zeitraum von 1994 bis 2004, der durch große Fortschritte in der wirtschaftlichen und politischen Integration Europas bestimmt war, die Identifizierung der Bürger mit Europa nicht zugenommen hat: Bis auf leichte Schwankungen bleiben die Anteile der nationalen (rd. 40 %), der europäischen (rd. 5 %) und der gemischten Identifikation (rd. 45 %) unverändert.

Neben der Frage der relativen Stärke nationaler und europäischer Identitäten ist von besonderem Interesse, auf welcher Grundlage eine Identifikation mit Europa stattfindet und von welchen Merkmalen sie abhängt. Die Analysen zeigen, dass dabei auch sozio-ökonomische Faktoren wie Bildung und Einkommen eine Rolle spielen, aber die subjektive Beurteilung, ob das eigene Land von der EU-Mitgliedschaft profitiert, den mit Abstand stärksten Einfluss auf die Identifikation mit Europa hat. Dieser überraschende Befund weist daraufhin, dass die Identifikation mit Europa weniger auf affektiven Bindungen beruht als von ökonomisch-rationalen Motiven geleitet ist.

Den ausführlichen Artikel finden Sie im "Informationsdienst Soziale Indikatoren" (ISI), Nr. 35, Januar 2006, S.1 ff.

Korrespondenzadressen:
Dr. Heinz-Herbert Noll
ZUMA
Postfach 12 21 55
D-68072 Mannheim
email: noll@zuma-mannheim.de

Dr. Angelika Scheuer
ZUMA
Postfach 12 21 55
D-68072 Mannheim
email: scheuer@zuma-mannheim.de

Kerstin Hollerbach | idw
Weitere Informationen:
http://www.gesis.org/
http://www.gesis.org/Publikationen/Zeitschriften/ISI/pdf-files/isi-35.pdf

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