Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Mauer in den Köpfen bröckelt

15.02.2006


Psychologin der Universität Münster untersucht Selbstkategorisierung bei Ost- und Westdeutschen



Die Mauer ist vor 16 Jahren gefallen, doch die Mauer in den Köpfen besteht nach wie vor. Ost- wie Westdeutsche definieren sich noch immer über ihre Herkunft aus den beiden so unterschiedlichen Teilen Deutschlands. Doch Untersuchungen der Sozialpsychologin Prof. Dr. Ursula Piontkowski von der Universität Münster zeigen, dass die Unterschiede in der jüngeren Generation geringer werden.



Bereits 1999 hatte Piontkowski gemeinsam mit ihrem Team untersucht, welche Auswirkungen die Selbsteinschätzung von Ost- und Westdeutschen auf den Umgang miteinander hat. "Wir konnten, indem wir die sprachliche Ebene analysiert haben, nachweisen, dass bei bestimmten Themen die Selbsteinschätzung als Ost- oder Westdeutscher eine entscheidende Rolle spielt", so Piontkowski. Dabei grenzten sich die Probanden deutlich voneinander ab. Positives Verhalten der eigenen Gruppe wurde als sehr viel dauerhafter und stabiler wahrgenommen als das der anderen, eigenes negatives Verhalten und Eigenschaften als peripher unterdrückt.

Darin ähnelten sich Ost- und Westdeutsche. "Es ist einfach ein Grundbedürfnis, der Gruppe, mit der man sich identifiziert, positive Eigenschaften zuzusprechen", erklärt Piontkowski. Und weil die Ostdeutschen im materiellen Vergleich noch immer schlechter abschneiden als Westdeutsche, unterscheiden sich die Wertvorstellungen deutlich voneinander. "Es hält auf Dauer niemand aus, wenn er im Vergleich immer den Kürzeren zieht. So sind materielle Werte für Ostdeutsche weniger bedeutsam. Wichtig ist ihnen der soziale Umgang miteinander." Westdeutsche wären zwar ebenfalls der Meinung, dass in Ostdeutschland ein sozialeres Klima vorherrsche, doch sei für sie diese Vergleichsdimension nicht so bedeutsam.

Mit einer neuen, gerade abgeschlossenen Studie, für die jeweils rund 200 Ost- und Westdeutsche befragt wurden, aber konnten Piontkowski und ihre Mitarbeiter nachweisen, dass die Mauer in den Köpfen wohl nicht ewig bestehen bleiben wird. Denn diesmal wurden nicht nur die unterschiedlichen Wertvorstellungen untersucht, sondern auch die Unterschiede zwischen den Generationen. Über alle Altersklassen hinweg legen Westdeutsche größeren Wert auf ein angenehmes Leben, Freiheit, Wohlstand, soziale Anerkennung und Macht als Ostdeutsche. Diese dagegen betonen Gleichheit, Selbstachtung, Freundschaft und
Hilfsbereitschaft, soziale Gerechtigkeit und Bescheidenheit. Diese Unterschiede sind also nach wie vor vorhanden.

Betrachtet man aber die Gruppe der Unter-30-Jährigen, also jener, die kaum oder gar nicht in der DDR sozialisiert worden sind, so zeigt sich, dass sie sich nur noch in ein oder zwei Wertvorstellungen unterscheiden. "Junge Ostdeutsche finden materielle Werte wichtiger als ihre Eltern und Großeltern, junge Westdeutsche hingegen messen sozialen Werten eine stärkere Bedeutung zu", erläutert Piontkowski. Das stimmt hoffnungsvoll, dass sich in ein bis zwei Generationen die Unterschiede verwischt haben werden, die Deutschen sich als Sachsen oder Bayern oder als Deutsche, aber nicht mehr als Ost- oder Westdeutsche identifizieren werden.

Allerdings, das zeigt die aktuelle Studie auch, hat die Tendenz, sich voneinander abzugrenzen, zugenommen. "Es gibt drei Wege, mit der Unterschiedlichkeit von Kulturen umzugehen", erklärt Piontkwoski. "Man kann die Unterschiedlichkeit akzeptieren, man kann versuchen, die andere Kultur zu assimilieren und man kann sich vom anderen abgrenzen." Während 1999 Ost- wie Westdeutsche noch bereit waren, die Unterschiedlichkeit zu akzeptieren und sie nebeneinander bestehen zu lassen, sprechen sich zehn Jahre später deutlich mehr für eine Separation aus.

"Wir können nicht genau erklären, woran das liegt. Zum einen macht die jüngere Generation, die ja kaum noch Unterschiede in ihren Werten zeigt, nur ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus. Zum anderen kann es auch sein, dass es salonfähig geworden ist, sich für eine Abgrenzung auszusprechen", vermutet Piontkowski. Neugierde und Interesse an der jeweils anderen Seite habe im Lauf der Zeit abgenommen. Trotzdem ist sie zuversichtlich, dass sich die Unterschiede verwischen werden: "Es wird einige Zeit dauern, aber es wird kommen."

Brigitte Nussbaum | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de/

Weitere Berichte zu: Kopf Köpfen Unterschiedlichkeit Wertvorstellung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gammastrahlungsblitze aus Plasmafäden

Neuartige hocheffiziente und brillante Quelle für Gammastrahlung: Anhand von Modellrechnungen haben Physiker des Heidelberger MPI für Kernphysik eine neue Methode für eine effiziente und brillante Gammastrahlungsquelle vorgeschlagen. Ein gigantischer Gammastrahlungsblitz wird hier durch die Wechselwirkung eines dichten ultra-relativistischen Elektronenstrahls mit einem dünnen leitenden Festkörper erzeugt. Die reichliche Produktion energetischer Gammastrahlen beruht auf der Aufspaltung des Elektronenstrahls in einzelne Filamente, während dieser den Festkörper durchquert. Die erreichbare Energie und Intensität der Gammastrahlung eröffnet neue und fundamentale Experimente in der Kernphysik.

Die typische Wellenlänge des Lichtes, die mit einem Objekt des Mikrokosmos wechselwirkt, ist umso kürzer, je kleiner dieses Objekt ist. Für Atome reicht dies...

Im Focus: Gamma-ray flashes from plasma filaments

Novel highly efficient and brilliant gamma-ray source: Based on model calculations, physicists of the Max PIanck Institute for Nuclear Physics in Heidelberg propose a novel method for an efficient high-brilliance gamma-ray source. A giant collimated gamma-ray pulse is generated from the interaction of a dense ultra-relativistic electron beam with a thin solid conductor. Energetic gamma-rays are copiously produced as the electron beam splits into filaments while propagating across the conductor. The resulting gamma-ray energy and flux enable novel experiments in nuclear and fundamental physics.

The typical wavelength of light interacting with an object of the microcosm scales with the size of this object. For atoms, this ranges from visible light to...

Im Focus: Wie schwingt ein Molekül, wenn es berührt wird?

Physiker aus Regensburg, Kanazawa und Kalmar untersuchen Einfluss eines äußeren Kraftfeldes

Physiker der Universität Regensburg (Deutschland), der Kanazawa University (Japan) und der Linnaeus University in Kalmar (Schweden) haben den Einfluss eines...

Im Focus: Basler Forschern gelingt die Züchtung von Knorpel aus Stammzellen

Aus Stammzellen aus dem Knochenmark von Erwachsenen lassen sich stabile Gelenkknorpel herstellen. Diese Zellen können so gesteuert werden, dass sie molekulare Prozesse der embryonalen Entwicklung des Knorpelgewebes durchlaufen, wie Forschende des Departements Biomedizin von Universität und Universitätsspital Basel im Fachmagazin PNAS berichten.

Bestimmte mesenchymale Stamm-/Stromazellen aus dem Knochenmark von Erwachsenen gelten als äusserst viel versprechend für die Regeneration von Skelettgewebe....

Im Focus: Basel researchers succeed in cultivating cartilage from stem cells

Stable joint cartilage can be produced from adult stem cells originating from bone marrow. This is made possible by inducing specific molecular processes occurring during embryonic cartilage formation, as researchers from the University and University Hospital of Basel report in the scientific journal PNAS.

Certain mesenchymal stem/stromal cells from the bone marrow of adults are considered extremely promising for skeletal tissue regeneration. These adult stem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Mai zum 7. Mal an der Hochschule Stralsund

12.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Aus dem Labor auf die Schiene: Forscher des HI-ERN planen Wasserstoffzüge mit LOHC-Technologie

19.04.2018 | Verkehr Logistik

Neuer Wirkmechanismus von Tumortherapeutikum entdeckt

19.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics