Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Integration und Sprache: Professionelle Unterstützung statt Schulhofdeutsch

13.02.2006


Die jüngste öffentliche Diskussion über die Integration von MitbürgerInnen und Kindern mit Migrationshintergrund und die damit verbundene Sprachproblematik hat wieder einmal gezeigt, was für eine zentrale Rolle Sprache und Kommunikation in aktuellen gesellschaftlichen Zusammenhängen spielen. Nicht erst seit PISA wissen wir, dass Sprachkompetenz an allen Bildungsvorgängen maßgeblich beteiligt ist. Um zu verhindern, dass immer mehr Kinder und Jugendliche an sprachlichen Barrieren scheitern, muss dringend gehandelt werden. Gezielte Fördermaßnahmen sollten das gesamte Altersspektrum vom Eintritt in die vorschulischen Einrichtungen bis hin zur Berufsschule abdecken.



Aus Sicht der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR SPRACHWISSENSCHAFT (DGfS) ist es dagegen unverantwortlich, Konsequenzen zu ziehen, die allem widersprechen, was die internationale Forschung zur Mehrsprachigkeit und zum Spracherwerb unter Migrationsbedingungen herausgearbeitet hat. Die DGfS wendet sich daher nachdrücklich gegen Stimmen in der öffentlichen Debatte, die auf eine tendenziöse Vereinfachung komplexer Sachverhalte hinauslaufen. Aus der individuellen Regelung einer Berliner Schule ("Selbstverpflichtung zum Gebrauch der deutschen Sprache auf dem Schulhof") lässt sich kein gesellschaftliches Problemlösungsmodell ableiten. Das Schulhofdeutsch, das sich unter Jugendlichen verschiedener Muttersprachen als reduzierte Kontaktsprache herausbildet und für die unmittelbare Kommunikation zweifellos ausreicht, ist sicher nicht diejenige Sprachform, die Kinder und Jugendliche später beruflich voranbringen wird. Keinesfalls kann es sich bei deutschsprachigen Pausengesprächen um die kostengünstige Kompensation eines nötigen Sprachunterrichts handeln. Gerade für jüngere SchülerInnen, die dank intensivierter Fördermaßnahmen im vorschulischen Bereich schon mit etwas besseren Voraussetzungen in die Schule kommen, wäre es fatal, sollten sie sich an den Schulhofvarianten des Deutschen orientieren. Ferner ist es unsinnig, in der gegenwärtigen Situation Regelungen zu etablieren, die den schulischen Raum emotional weiter belasten und Signale aussenden, von denen sich Minderheiten diskriminiert fühlen. Schließlich handelt es sich bei den Betroffenen um Kinder und Jugendliche, die im Schulunterricht ständig mit den Grenzen ihrer sprachlichen Möglichkeiten konfrontiert sind und dadurch in ihrer Identität immer wieder verunsichert werden.



Um die kommunikative Seite der Integrationsproblematik zu bewältigen, müssen vielmehr verschiedene Maßnahmen ins Auge gefasst werden. Dazu gehören:

- Mehr Deutschunterricht mit LehrerInnen, die sichere Kenntnisse im Bereich Deutsch als Zweitsprache besitzen.

- Projekte, in denen in Gruppen mit Kindern unterschiedlicher Herkunftssprachen, inklusive MuttersprachlerInnen des Deutschen, die Bereitschaft zum Deutsch Sprechen und Schreiben auf natürliche Weise gefördert und professionell unterstützt wird, insbesondere auch im Freizeitbereich.

- Echte bilinguale Schulprogramme, in denen der Unterricht von angemessen ausgebildeten LehrerInnen gleichberechtigt in zwei Sprachen erfolgt.

- Die Einrichtung eines Schulfachs "Sprachen". Darin ließen sich in den unteren Klassen konkrete sprachliche Defizite ausgleichen. Bei älteren Schülern könnte das Bewusstsein für die große Bedeutung kommunikativer Regeln und sprachlicher Eigentümlichkeiten entwickelt und geschärft werden. Auch Kinder mit Deutsch als Erstsprache profitierten von dieser Reflexion über Sprache.

Insgesamt würden diese Maßnahmen allen beteiligten Schülern die Tatsache nahe bringen, dass unsere persönliche und kollektive Identität zentral auf Sprachkenntnissen beruht und in der modernen Welt selbstbewusste mehrsprachige Menschen gefragt sind. Während sich die Hochschulen um Internationalisierung bemühen, ja ganze Studiengänge in Fremdsprachen anbieten, und während wir auf europäischer Ebene an die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen von Fremdsprachen appellieren, sollten wir Kindern und Jugendlichen nicht einreden, sie gefährdeten ihre Sprachentwicklung, wenn sie sich auf dem Schulhof in ihrer Muttersprache unterhalten. Die Forschung zum doppelten Erstspracherwerb zeigt, dass der gleichzeitige Erwerb zweier Sprachen problemlos möglich ist.

1. Vorsitzende der DGfS
Prof. Dr. Rosemarie Tracy
Anglistische Linguistik
Universität Mannheim
68131 Mannheim
Tel: +49 (0)621 / 181-2337
Fax: +49 (0)621 / 181-2336
E-Mail: rtracy@rumms.uni-mannheim.de

Pressesprecher der DGfS
PD Dr. Wolf Peter Klein
Seminar für Sprachwissenschaft
Universität Erfurt
99089 Erfurt
Tel: ++49 (0)361 / 737-4351
Fax: ++49(0)361 / 737-4209
E-Mail: wolfpeter.klein@uni-erfurt.de

Wolf Peter Klein | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgfs.de

Weitere Berichte zu: Fremdsprache Fördermaßnahme Lehrer Schulhof

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

Das Kleben der Zellverbinder von Hocheffizienz-Solarzellen im industriellen Maßstab ist laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und dem Anlagenhersteller teamtechnik marktreif. Als Ergebnis des gemeinsamen Forschungsprojekts »KleVer« ist die Klebetechnologie inzwischen so weit ausgereift, dass sie als alternative Verschaltungstechnologie zum weit verbreiteten Weichlöten angewendet werden kann. Durch die im Vergleich zum Löten wesentlich niedrigeren Prozesstemperaturen können vor allem temperatursensitive Hocheffizienzzellen schonend und materialsparend verschaltet werden.

Dabei ist der Durchsatz in der industriellen Produktion nur geringfügig niedriger als beim Verlöten der Zellen. Die Zuverlässigkeit der Klebeverbindung wurde...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Im Focus: Moleküle brillant beleuchtet

Physiker des Labors für Attosekundenphysik, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik haben eine leistungsstarke Lichtquelle entwickelt, die ultrakurze Pulse über einen Großteil des mittleren Infrarot-Wellenlängenbereichs generiert. Die Wissenschaftler versprechen sich von dieser Technologie eine Vielzahl von Anwendungen, unter anderem im Bereich der Krebsfrüherkennung.

Moleküle sind die Grundelemente des Lebens. Auch wir Menschen bestehen aus ihnen. Sie steuern unseren Biorhythmus, zeigen aber auch an, wenn dieser erkrankt...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Neuer Impfstoff-Kandidat gegen Malaria erfolgreich in erster klinischer Studie untersucht

25.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Erkheimer Ökohaus-Pionier eröffnet neues Musterhaus „Heimat 4.0“

25.04.2018 | Architektur Bauwesen

Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

25.04.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics