Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie verkraftet die Seele das andere Land?

03.02.2006


Wissenschaftler der Universität Leipzig erforschen psychische Gesundheit von MigrantInnen.


Wie fühlen sich Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, um in Deutschland zu leben? Wie verkraftet die Seele das andere Land? Wann reagiert sie mit Krankheit? Um diese und ähnliche Fragen geht es auf dem Forschungskolloquium Public Mental Health, zu dem das Zentrum für Prävention und Rehabilitation (ZPR) im Zentrum für Höhere Studien eingeladen hat. Vorgestellt wird unter anderem eine Studie, die an der Selbständigen Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig entstand.

Kolloquium "Die seelische Gesundheit von Migranten"


Autoren dieser Studie unter dem Titel "Angstneigung und Depressivität polnischer und vietnamesischer MigrantInnen in Leipzig unter besonderer Berücksichtigung ihres Eingliederungsprozesses" waren Prof. Elmar Brähler, Leiter der Selbständigen Abteilung, Diplom-Psychologe Martin Merbach und Diplom-Soziologin Ulla Wittig, die auf einem Kolloquium am 7.2. 06 zum Thema " Die seelische Gesundheit von Migranten" referieren wird.

In Leipzig 2004 vorwiegend polnische und vietnamesiche MigrantInnen

Die Thematik beschäftigen Soziologen und Mediziner schon lange. Doch Studienergebnisse aus den alten Bundesländern sind auf die neuen Bundesländer wegen der unterschiedlichen ethnischen Zusammensetzung der MigrantInnen nicht problemlos übertragbar. Die größten ausländischen MigrantInnengruppen in Leipzig waren im Jahre 2004, also zum Zeitpunkt der Studie, im Gegensatz zu Gesamtdeutschland die polnischen (dort die fünftgrößte ausländische MigrantInnengruppe) und die vietnamesischen Zuwanderer (in Gesamtdeutschland auf Platz 10). Also konzentrierten sich die Wissenschaftler der Universität Leipzig auf diese beiden Nationalitäten. Auf die zugesandten Fragebögen antworteten 140 polnische und 82 vietnamesische MigrantInnen.

Die Fragen, die sie zu beantworten hatten, widmeten sich unter anderem Sprachkenntnissen, ihrem sozialen Netz, wirtschaftlichen Verhältnissen und Rückkehrabsichten. Gleichzeitig wurden psychische Befindlichkeiten erfasst und so ermittelt, inwieweit die Befragten mit Depressivität und Angstzuständen zu kämpfen hatten.

MigrantInnen haben größere Angstneigung und Depressivität als Deutsche

"Festzusellen war", so Merbach, "dass die befragten MigrantInnen eine größere Angstneigung und eine höhere Depressivität als die deutsche Vergleichsgruppe aufwiesen. Daraus lässt sich jedoch nicht eindeutig schlussfolgern, ob migrationsspezifische Aspekte den schlechteren Gesundheitszustand verursachen oder es sich um kulturspezifische Beschwerdeäußerungen handelt. Die später diskutierten Einflüsse von Assimilation und wahrgenommener Diskriminierung sprechen für den Zusammenhang von Migration und psychischer Gesundheit. Um den Einfluss der Kultur auf die Beschwerdeäußerungen jedoch zu kontrollieren, hätte eine Vergleichsstichprobe in den jeweiligen Herkunftsländern erhoben werden müssen, was allerdings aufgrund finanzieller Beschränkungen in dem Projekt nicht passierte. Es ist zu vermuten, dass die untersuchten MigrantInnen ihren schlechteren psychischen Gesundheitszustand sowohl aufgrund ihrer Herkunftskultur als auch aufgrund des Migrationsstresses beschreiben."

Beim Vergleichen beider MigrantInnengruppen und beim Blick auf die Details zeigt sich jedoch ein sehr filigranes Bild. "Im groben Überblick lässt sich zwar sagen, dass die Polen in Leipzig ihren psychischen Gesundheitszustand etwas schlechter als die Vietnamesen beschreiben. Aber auch die Gruppen sind nicht homogen. Unter den polnischen MigrantInnen geben Menschen mit mehr deutschen Freunden, jene die in Deutschland bleiben wollen sowie sich weniger diskriminiert fühlen, eine besseren psychischen Gesundheitszustand an als Menschen, die diese Faktoren nicht aufweisen. In der vietnamesischen Gruppe sind Zusammenhänge zwischen sozialer Eingliederung und Depressivität sowie wahrgenommer Diskriminierung und Angstneigung nur selten nachzuweisen", erläutert Wittig. "Während also beispielsweise in der polnischen Gruppe mit zunehmender Aufenthaltsdauer und genereller Assimilation die Angstneigung sinkt, gibt es bei den vietnamesischen MigrantInnen keine nachweisbare Verbindung."

Kein allgemeingültiges Rezept für die psychische Gesundheit der Zuwanderer

Andererseits konnte bezogen auf alle befragten MigrantInnen nicht festgestellt werden, dass die Aufenthaltsdauer und die persönlich Identifikation mit Deutschland Einfluss auf das seelische Befinden haben. Ebenso hat es wenig Einfluss auf seine psychische Gesundheit, ob und wie gut der Mensch die deutsche Sprache beherrscht. Das widerspricht übrigens den Ergebnissen ähnlicher internationaler Studien.

Dass einige angenommene Faktoren keine signifikanten Einflüsse zeigten, könnte an der unterschiedlichen Migrations- und Eingliederungsgeschichte liegen. Das bedeutet, dass wenn in einer MigrantInnengruppe eine Eingliederungsstrategie mit positivem psychischem Gesundheitszustand einhergeht, muss dieser Zusammenhang nicht automatisch auch für eine andere MigrantInnengruppe gelten. Das bedeutet, dass es kein allgemeingültiges Rezept für die psychische Gesundheit von Zuwanderern geben kann. Die durchgeführte Studie konnte zwar zeigen, dass bestimmte Faktoren wie wahrgenommene Diskriminierung und soziale Assimilation, in allen MigrantInnengruppen zur Erklärung des psychischen Gesundheitszustands beitragen. Der Einfluss anderer Faktoren, wie beispielsweise der Berufstätigkeit, war hingegen instabil.

Ländervergleich zur psychischen Gesundheit der Zuwanderer

Die Studie zur psychischen Gesundheit von MigrantInnen ordnet sich ein in eine Reihe von Forschungsthemen zum Themenkreis Zuwanderer. Vorangegangen waren ihr Untersuchungen zur gesundheitlichen Identität, also zu Körpererleben, Gesundheitswissen und -verhalten russischer Spätaussiedler und türkischer MigrantInnen. Aktuell sind die Leipziger Psychologen und Soziologen in eine von acht Studiengruppen eingebunden, die im Auftrag der Volkswagenstiftung zu Migration und Integration forschen. Schwerpunkt dieser von 2005 bis 2008 laufenden Untersuchung ist ein Ländervergleich Deutschland, Italien und Kanada über die kulturelle Vielfalt im Gesundheitswesen. Marlis Heinz

weitere Informationen:
Prof. Dr. Elmar Brähler
Telefon: 0341 97-18800
E-Mail: elmar.braehler@medizin.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de/~medpsy

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise