Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nur Deutsch auf dem Schulhof - Mehrsprachigkeit ist ein kostbares Gut!

31.01.2006


Wenn es nach dem NRW-Integrationsminister Laschet ginge, würden Migrantenkinder in der Schule ausschließlich deutsch sprechen. Dafür hat Professor Ludger Hoffmann vom Institut für Deutsche Sprache und Literatur wenig Verständnis:



"Der Schulhofstreit fing harmlos an. In einer Berliner Schule haben El-tern, Schüler und Lehrer sich darauf geeinigt, dass auf dem Schulhof möglichst Deutsch gesprochen werden soll. Strafen waren nicht vorgesehen. Ein von Schulzwecken entlasteter Raum wurde zusätzlich für das Lernen geöffnet. Dann allerdings haben Politiker sich eingemischt und eine allerdings strafbewehrte Regelung für alle Schulhöfe gefordert. "Hier spricht man Deutsch" wäre eine Übersetzung, die fatale Assoziationen weckt, und es gab Widerspruch, der allerdings kaum gut begründet auftrat.



Nun dient der Schulhof nicht nur der Pause im anstrengenden Alltag der Institution. Er bietet die Möglichkeit unkontrollierter Gespräche mit Gleichaltrigen über Probleme jeder Art, auch über schulische Themen. Wenn die Sprachmittel fehlen, ein Sprachwechsel zur Erstsprache nicht stattfinden darf, wird die Kommunikation ärmlich und uninteressant.

Aber es soll doch unter allen Umständen Deutsch gelernt werden? Na-türlich, darum geht es gerade. Viele wissenschaftliche Untersuchungen belegen allerdings, dass die Zweitsprache auf der Basis einer entwickelten Muttersprache am besten gelernt wird und ein zu früher Entwicklungsstopp schädlich sein kann. In der Muttersprache bildet sich die elementare Begrifflichkeit aus, über sie erfolgt der erste Zugang zur Welt, an ihr entsteht das Sprachwissen, auf dem weitere Sprachen aufbauen. Wird die Entwicklung der Muttersprache zu früh beeinträchtigt, ist auch die Ausbildung der Zweitsprache oder weiterer Sprachen wie Englisch gefährdet. Der Erwerb ist an ausreichende, niveauvolle und vor allem kontinuierliche Kommunikation mit Kompetenten gebunden. Wer nicht gut Deutsch kann, wird durch gebrochenes Deutsch auf dem Schulhof oder im Elternhaus nicht gefördert, sondern lernt Deutsch mit Akzent.

Wissenschaftlich wurde auch gezeigt, dass Unterrichtstexte viel besser verstanden werden, wenn sie in einem ersten Durchgang in der Mutter-sprache präsentiert werden und so das begriffliche Verständnis abgesichert wird.

Ohnehin entwickeln viele Kinder ihre Muttersprache ab Schuleintritt nicht so weiter, wie es für eine gute Kommunikation oder gar Schriftkompetenz nötig wäre. Beim Besuch im Herkunftsland erweist sich ihre Sprechweise dann als auffällig.

Es fehlt zu wirklicher Integration an einer Anerkennung wenigstens der großen Migrationssprachen. Wir brauchen mehr muttersprachlichen Unterricht. Vor allem muss eine Sprache wie Türkisch Schulfach sein. In der Schule sollten, solange sich dies nicht ändert, Räume für die Muttersprache geöffnet bleiben. Es kann sogar den Unterricht fördern, wenn im begrenzten Rahmen einer Arbeitsgruppe eine andere Sprache genutzt werden kann, sich über schwierige Inhalte zu verständigen. Zur selbstverständlichen Kompetenz von Lehrern könnte gehören, Basiskenntnisse in Herkunftssprachen zu haben - eine gute Lehrerausbildung bietet das schon heute an.

Es ergibt also genauso wenig Sinn, Deutsch auf dem Schulhof durchzusetzen wie den Sprachwechsel von Jugendlichen in der Straßenbahn sanktionieren zu wollen. Es sei denn, diese Jugendlichen können schon sehr gut Deutsch und die Pause soll als Ausdehnung des Unterrichts für eine Optimierung eingesetzt werden. Die Wahl der für die Verständigung geeigneten Mittel bestimmen Situation und Partner. Ist die einzige Verständigungssprache Deutsch - bei mehreren Erstsprachen -, wird natürlich Deutsch gesprochen. Manchmal reicht es - wie in der Zeit der Hanse-, wenn man die Sprache des Anderen einigermaßen versteht, aber die eigene spricht. Längst finden sich auch türkische Brocken bei deutschsprachigen Jugendlichen. Starre Regeln verhindern, dass über bestimmte Dinge gesprochen wird, sie können auf ein niedriges Gesprächsniveau festlegen.

Mehrsprachigkeit ist ein kostbares Gut und jeder Förderung würdig. Damit würde ein wichtiger Beitrag zur Integration und gegen Parallelgesellschaften geleistet. Die relevanten Diskussionen über Ehre, Zwangsehe, Rolle von Frauen und Männern, Kopftuch, Fundamentalismus könnten von Jugendlichen in der Muttersprache geführt und weiter getragen werden."

Kontakt:
Prof. Dr. Ludwig Hoffmann, Ruf: (0231) 755-2921

Ole Lünnemann | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-dortmund.de/

Weitere Berichte zu: Mehrsprachigkeit Muttersprache Schulhof Sprachwechsel Zweitsprache

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften