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Protestgeneration nicht in Sicht

09.11.2005


Tagung des SFB 580 der Universität Jena am 11./12. November zu Konfliktpotenzialen im Generationenwechsel der Gesellschaft



Die "68er" sind in die Jahre gekommen und längst zahm geworden. In der Politik aber auch in Kanzleien und Unternehmen werden viele, die zur Elite der legendären 68er Generation gehören, demnächst ihren Chefsessel räumen und in den Ruhestand treten. Ob ihre Kinder und Nachfolger mit den Posten auch die Ideale und das Protestpotenzial der alten Generation übernehmen, bezweifelt die Kulturhistorikerin Dr. Tanja Bürgel von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. "Unter den Kindern der früheren Eliten breitet sich die Überzeugung aus, dass es nur wenigen unter ihnen vergönnt sein wird, die frei werdenden Betätigungsfelder ihrer Vorfahren in gewohnter Weise weiter zu bestellen", beschreibt sie ein Ergebnis ihrer Forschungen zu Problemen des Generationenwechsels. Aktuelle Studien dazu werden auf einer Konferenz des Sonderforschungsbereiches (SFB) 580 "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch" vorgestellt und diskutiert, die am 11. und 12. November an der Universität Jena stattfindet.



Klassische Konfliktmuster zwischen den Generationen wie in den 1960er Jahren kann der Zeithistoriker Dr. Rüdiger Stutz aus Jena auch bei den "Kindern des Mauerfalls" und ihren von der DDR-Vergangenheit geprägten Eltern nicht ausmachen. "Die in den 1970er Jahren Geborenen haben die Chancen der ,Wende’ ergriffen und gehen heute ihren eigenen Weg", erklärt er. "Sie klagen die Eltern wegen ihrer früheren DDR-Loyalität nicht etwa an, sondern empfinden eher Mitleid mit ihnen".

Generationenkonfliktpotenzial, das zur Herausbildung einer Protestgeneration führen könnte, sehen die Wissenschaftler weder in Ost- noch in Westdeutschland. "Wir gewinnen immer mehr die Überzeugung, dass ,1968’ der Höhepunkt, vielleicht sogar der Endpunkt des klassischen Generationenkonfliktes gewesen ist", betont Stutz.

Auf der Tagung werde aber der Blick über Deutschland hinaus auch auf Osteuropa gerichtet, um Erkenntnisse darüber zu sammeln, wie sich die Generationenfrage nach den dortigen Systemumbrüchen stellt. "Nach unseren bisherigen Erhebungen zeigt sich ein sehr buntes, vielgestaltiges Bild, das nicht nur von Land zu Land differiert, sondern vor allem zwischen den Regionen dieser Länder", sagt Dr. Stutz. In Russland gebe es Hinweise auf "signifikante Unterschiede zwischen der älteren und jüngeren Generation". Die Älteren würden noch starke mentale Bindungen an Verhaltensmuster ihrer früheren Sozialisation verraten. "Die Jungen sind in hohem Maße an einem Austausch mit Westeuropa und den USA interessiert und übernehmen quasi als neues Leitbild westliche Handlungsorientierungen, Sinn- und Zielkonstrukte", so Stutz. Infolgedessen offenbart sich unter ihnen auf breiter Ebene ein Individualisierungsschub.

"Die hier angelegten Konfliktpotenziale zwischen Generationen könnten im Osten des Kontinents auch deshalb eher und schärfer an Kontur gewinnen als im Westen, weil die Nachwachsenden neben der unsicheren Zukunft auch eine durch Eltern und Lehrer vielfach verdrängte Vergangenheit zu bewältigen haben", erklärt Dr. Bürgel.

Eruptive Potenziale sähen osteuropäische Jugendforscher allerdings weniger in solchen, häufig rückwärtsgewandten oder nationalistisch orientierten "Stimmungen" als vielmehr in einer erheblich zunehmenden Aggressivität und Kriminalität unter jungen Erwachsenen angelegt.

Kontakt:
SFB 580 an der Friedrich-Schiller-Universität
Carl-Zeiß-Str. 2, 07743 Jena

Dr. Tanja Bürgel
Tel.: 03641/945061
E-Mail: TBuergel@t-online.de

Dr. Rüdiger Stutz
Tel.: 03641/945063
E-Mail: ruediger.stutz@uni-jena.de

Axel Burchardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de/

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