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Was wir selbst nicht können, verstehen wir auch bei anderen nicht

29.09.2005


Ausschnitte aus den verwendeten Videofilmen: Versuchspersonen bei Anheben von unterschiedlich schweren Kisten. Die Gesichter wurden verdeckt, damit die Patienten und Kontrollpersonen ihre Einschätzung der Bewegungsabläufe unbeeinflusst von sich im Gesichtsausdruck der Akteure abzeichnenden Emotionen vornehmen konnten. Bild: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften


Max-Planck-Forscher zeigen: Erst die eigenen Erfahrungen ermöglichen uns, Empathie und Mitgefühl für andere zu empfinden Erfolgreiche soziale Kommunikation beruht vor allem auf der Fähigkeit, die Handlungen anderer Menschen zu verstehen. Wie aber können wir uns vorstellen, was andere Menschen gerade denken oder welche Absichten sie verfolgen? Psychologen und Neurowissenschaftler führen dies auf eine Art Simulation zurück, die in unserem Gehirn abläuft, sobald wir eine handelnde Person beobachten - die Handlung der beobachteten Person wird sozusagen innerlich imitiert. Doch Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in München konnten jetzt in Kooperation mit Wissenschaftlern der University of Bournemouth in England sowie der Rutgers University in Newark, USA, belegen, dass wir Handlungen anderer Personen offenbar auf der Basis unseres eigenen "Handlungsinventars" nachvollziehen: Der eigene Geist und der eigene Körper liefern uns also die Grundlage, um zu verstehen, was andere Menschen gerade tun, fühlen oder denken. Dieser Nachweis gelang am Beispiel von zwei Patienten, die durch eine extrem seltene Erkrankung die Fähigkeit verloren hatten, ihren eigenen Körper wahrzunehmen (Nature Neuroscience, Oktober 2005).

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In der gerade erschienenen Studie zeigen Simone Bosbach und Wolfgang Prinz mit ihren Kollegen, dass die beiden Patienten tatsächlich Defizite in der Interpretation von Handlungen anderer Personen haben. Die beiden Patienten sind derzeit die einzigen bekannten Fälle weltweit mit diesem Krankheitsbild. Dessen psychologischen Konsequenzen sind dramatisch. Beide Patienten berichten, dass sie vor allem zu Beginn ihrer Erkrankung das Gefühl hatten, ihren Körper gänzlich "verloren" zu haben. Zwar haben sie mittlerweile wieder gelernt, einfache Körperbewegungen auszuführen - dabei sind sie jedoch darauf angewiesen, ihren Körper zu sehen. In der Dunkelheit würden die Patienten dagegen vollständig die Kontrolle über ihren Körper verlieren, weil sie nicht mehr in der Lage sind, mit Hilfe der Sinneszellen in den Gelenken und Muskeln beispielsweise die Position ihrer Arme und Beine relativ zum Körper zu bestimmen.

Gesunde Menschen können dies dagegen dank der Eigenwahrnehmung ihres Körpers (propriozeptive Rückmeldungen) problemlos. Die Eigenwahrnehmung vermittelt unserem Gehirn außerdem, wann und in welchem Umfang sich Muskeln zusammenziehen oder strecken und in welchem Ausmaß sich Gelenke beugen oder strecken. Erst dieser Sinn befähigt uns, bestimmte Körperhaltungen einzunehmen, Bewegungen auszuführen und ist entscheidend für das psychologische Bewusstsein, einen Körper zu haben.


Bosbach und ihre Kollegen konfrontierten nun die Patienten mit kurzen Videofilmen, in denen Personen gebeten wurden, Kisten anzuheben. Diese Kisten waren jeweils unterschiedlich schwer. Die beiden Patienten wurden im ersten Teil der Aufgabe gebeten, das Gewicht der Kiste zu schätzen, die von der Person im Videofilm gerade angehoben wurde. Die Patienten erhielten keinerlei Hinweise, sondern mussten das Gewicht der Kiste allein aus dem Bewegungsablauf der Person im Film erschließen. Es zeigte sich, dass die Patienten das Gewicht der Kisten genauso treffsicher und korrekt einschätzen konnten wie gesunde Kontrollpersonen. Offenbar konnten sie für das Lösen dieser Aufgabe ihr Wissen, dass zum Beispiel eine langsame Körperbewegung eher ein schwere Last anzeigt und eine schnellere und ausladendere Bewegung eher auf ein geringeres Gewicht deutet, anwenden.

Auch im zweiten Teil der Aufgabe sahen die Patienten Videofilme von Personen, die Kisten anhoben. Allerdings wurden nun die Personen in einigen Fällen im Film über das tatsächliche Gewicht der Kiste getäuscht. So erhielt der Akteur vor dem Anheben der Kiste zum Beispiel die Information, er solle nun eine 18 Kilogramm schwere Kiste anheben - tatsächlich aber betrug das Gewicht nur drei Kilo. Die Patienten sollten nun angeben, ob die Person in dem Videofilm die richtige oder die falsche Erwartung bezüglich des Gewichts der Kiste hatte. Wieder konnten die Patienten nur den Bewegungsablauf als Informationsquelle für ihr Urteil heranziehen. Wurden die Personen im Film hinsichtlich des Gewichts der Kiste getäuscht, zeigten sich charakteristische Abweichungen im Bewegungsablauf zwischen der Phase, in der sich der Akteur auf das Anheben der Kiste vorbereitete (z.B. in Erwartung einer schweren Kiste) und der Phase, in der die Hebebewegung tatsächlich ausgeführt wurde (Anheben der Kiste, die deutlich leichter als erwartet war). Hingegen bleibt eine solche Diskrepanz zwischen Bewegungsvorbereitung und -ausführung aus, wenn die Person eine korrekte Gewichtserwartung hat. Gesunde Kontrollpersonen haben bei dieser zweiten Aufgabe kein Problem, die Situation richtig einzuschätzen. Die beiden Patienten hingegen hatten große Schwierigkeiten. Sie erkannten deutlich schlechter als gesunde Kontrollpersonen, ob die Person vor dem Anheben der Kiste deren Gewicht richtig eingeschätzt hatte, oder ob sie sich hatte täuschen lassen.

Schließlich kehrten die Wissenschaftler in einem weiteren Experiment die Aufgabe um. Sie baten nun einen der Patienten, selbst Kisten anzuheben und filmten ihn bei dieser Tätigkeit. Während der Aufnahme wurde der Patient nun in einigen Fällen über das Gewicht der Kiste getäuscht, ehe er die Hebebewegung ausführte. Dann sollten gesunde Kontrollpersonen, nachdem sie das Video gesehen hatten, beurteilen, ob der Patient das richtige oder das falsche Gewicht erwartet hatte. Bei dieser Aufgabe versagten die Kontrollpersonen, denn der Bewegungsablauf des Patienten zeigte im Falle einer falschen Erwartung nicht die charakteristische Diskrepanz zwischen der Bewegungsvorbereitung und -ausführung. Dies bedeutet, dass die Patienten aufgrund des Fehlens der Eigenwahrnehmung ihre Bewegungen nicht an ihre Erwartungen hinsichtlich des Gewichts der Kiste anpassen können - in anderen Worten: Die Patienten hatten keine Möglichkeit, sich zuvor auf das Gewicht der Kiste einzustellen. Aus diesem Grund gelang es ihnen auch nicht, bei anderen Personen Bewegungsabläufe in Hinblick auf die zugrundeliegenden Erwartungen richtig auszuwerten.

Bewegungsmuster, die im Gehirn aktiviert werden, wenn wir Handlungen einer anderen Person beobachten, enthalten auch Informationen und Wissen über die Funktionsweise unseres eigenen Körpers. Die Bewegungsmöglichkeiten und -beschränkungen unseres eigenen Körpers sind also die Referenz, von der ausgehend wir die Handlungen anderer Personen verarbeiten und interpretieren. In anderen Worten: Was wir selbst können, verstehen wir auch bei anderen und umgekehrt, was wir selbst nicht können, verstehen wir auch bei anderen nicht. Rückmeldungen von unserem eigenen Körper tragen also offenbar zu unserem intuitiven Wissen über die Absichten anderer Personen bei. Auf diese Weise können wir nicht nur Handlungsfolgen vorhersagen, sondern uns sogar in die andere Person "hineinversetzen". Ein solcher Mechanismus ist die Basis für Mitgefühl und Empathie und somit entscheidend für das Gelingen und Fortbestehen sozialer Beziehungen.

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/

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