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Vertreibung aus den Innenstädten

17.09.2001


Empirischer Kulturwissenschaftler untersucht Strategien der Städte gegen Randgruppen

US-amerikanische Soziologen stellten fest, dass Randgruppen wie Wohnungslose und Drogenkonsumenten zunehmend aus dem Kernbereich der Großstädte verdrängt werden. Der Empirische Kulturwissenschaftler Thomas Krebs hat überprüft, ob ähnliche Strategien auch in deutschen Großstädten angewendet wurden und mit welchen Taktiken Randgruppen auf die politischen und stadtplanerischen Verdrängungsmaßnahmen reagieren.

Edle Passagen, chice Fußgängerzonen, herausgeputzte Flaniermeilen: In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden die Kernbereiche unserer Städte wiederentdeckt und zu ’Konsum- und Erlebniswelten’ aufgewertet. Der Wandel der Innenstädte setzte in den USA bereits früher ein. Folge war dort nach Beobachtungen amerikanischer Stadtsoziologen, dass Menschen aus so genannten Randgruppen, die arm und verwahrlost aussahen und auf der Straße lebten, Alkohol oder Drogen konsumierten aus den neu gestalteten City-Bereichen vertrieben wurden. Thomas Krebs vom Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen hat vor allem am Beispiel von Stuttgart untersucht, ob sich diese Entwicklung in deutschen Städten ähnlich vollzogen hat. Dafür hat er Straßenszenen beobachtet, Polizisten, Streetworker und Wohnungslose befragt und Presseberichte der vergangenen 15 Jahre ausgewertet.

"Zur Stadtentwicklung in den USA gab es in Deutschland durchaus Parallelen wie etwa die zunehmende Einführung von privaten Sicherheitsdiensten in den Innenstadtbereichen. Dennoch lassen sich die Entwicklungen in den USA wegen der unterschiedlichen Strukturen nicht einfach auf Deutschland übertragen", erklärt Krebs. Er hat zunächst die letzten 15 Jahrgänge zweier Stuttgarter Zeitungen durchgesehen. "Im Archiv der Zeitungen ließ sich nicht gezielt nach dem Thema Vertreibung von Randgruppen suchen, es existierte überhaupt nicht. Berichte zu Randgruppen waren eher unter dem Stichwort ’Sicherheit der Bürger’ zu finden", sagt der Kulturwissenschaftler. Bis zum Ende der 80er Jahre, so fand er heraus, wurden Wohnungslose im Straßenbild nicht als Bedrohung empfunden. "Es gibt irgendwann Anfang der 90er Jahre einen Bruch", sagt Krebs. Die Bürger fühlten sich durch die Drogenszene, Wohnungslose und Punks zunehmend beeinträchtigt. Die Sicherheitsdiskussion wurde hauptsächlich von Ordnungspolitikern geführt, der Polizei und der Stadt. "Die Medien haben diese Betrachtungsweise unhinterfragt übernommen", so der Forscher. Die Situation in Stuttgart habe sich aufgeschaukelt: Zunächst gab es eine verbale Anklage der Polizei gegen die Randgruppen. Das wurde von den Medien aufgegriffen. Dies wiederum war für die Polizei ein Grund einzugreifen. Krebs schätzt, dass die Diskussion 1995/96 ihren Höhepunkt erreichte. "Mit fragwürdigen Umfragen wurde die These vom mangelnden subjektiven Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung untermauert, dabei spielte zum Beispiel der Einzelhandel eine große Rolle", sagt Krebs.

Im zweiten Teil seiner Untersuchungen hat Krebs Beobachtungen im Kernbereich der Stuttgarter City, um den Schlossplatz und einen Großteil der Königsstraße, angestellt. Außerdem hat er Polizisten, Ordnungshüter, Streetworker, Einzelhändler und die Wohnungslosen selbst interviewt. "Schwierig gestalteten sich die Interviews mit Menschen aus der Drogenszene, da meine Fragen kaum beantwortet wurden und das Misstrauen groß war", erklärt Krebs. Überhaupt habe das Leben auf der Straße in den Großstädten nichts Romantisches: Den freiheitsliebenden Landstreicher, der die Einengung durch ein bürgerliches Leben grundsätzlich ablehnt und als Wohnungsloser die Freiheit genießt, gebe es dort zumindest kaum. "Hier landen Menschen auf der Straße, die manchmal sogar aus einem gut bezahlten Beruf heraus in die Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot abrutschen, häufig begleitet von Alkoholproblemen", erklärt er. Krebs berichtet, dass die Menschen eigentlich immer das Bedürfnis hatten, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, ihr Leben auf der Straße zu rechtfertigen und zu erklären, dass sie schuldlos in die Misere hineingeraten seien.

Nach den Untersuchungen von Krebs ging die Stadt Stuttgart ähnlich wie bei den Entwicklungen in den USA tatsächlich dazu über, das gesellschaftliche Leben auf Straßen und Plätzen stärker zu reglementieren. "Natürlich wird auch was gegen Randgruppen unternommen", erfuhr Krebs in einem Interview mit einem Stadtplaner. Das liege auch an den vermehrten Auflagen der Investoren. Zum Beispiel werden Straßenpoller zugespitzt, damit man nicht mehr darauf sitzen kann. Statt Bänken werden Einzelsitze angebracht. Frankfurter Stadtsoziologen hatten berichtet, dass sich die Randgruppen in Verdrängungsstrategien fügen. Das entspricht jedoch nicht den Ergebnissen von Thomas Krebs, der bei den Verdrängten unterschiedliche Taktiken beobachtet hat.

Bei Vertreibung schlagen Wohnungslose ihren Platz hundert Meter weiter wieder auf und suchen sich Nischen im städtischen Raum, zum Teil an Lagerplätzen, die nicht direkt einsehbar sind wie etwa in Parkhäusern. Auch zum Beispiel das "Niederlassen zum Verzehr alkoholischer Getränke außerhalb zugelassener Freischankflächen" ist verboten. Doch die Kriminalisierung der Randgruppen bringe wenig. "Abmachungen mit der Polizei können zum Beispiel dahin gehen, den Alkohol nicht sichtbar werden zu lassen, Bierbüchsen nicht herumliegen zu lassen", erklärt Krebs. Überhaupt seien die Streifenpolizisten nicht die Scharfmacher gegen Randgruppen: "Da gibt es faire Vereinbarungen, gewettert wird in den Amtsstuben, bei Politikern und Einzelhändlern." Auch werde immer wieder Kritik laut, für die Wohnungslosen gebe es doch ein Hilfesystem, Unterkünfte für Obdachlose. "Das greift aber nicht, weil die Asyle fürchterlich sind", erklärt der Kulturwissenschaftler.

Als "neuralgischen Punkt" bezeichnete die Polizei auch die Rotebühlpassage, wo sich die Drogenszene aufhält. Auch hier lassen sich Strategien der Vertreibung beobachten: Durch eine "Passagenkultur" bemüht sich die Stadt, das öffentliche Leben nach innen zu verlagern. Außerdem werden Flächen des öffentlichen Raumes verpachtet, die beauftragten privaten Sicherheitsdienste vertreiben die Randgruppen. "Es funktioniert ein Stück weit, die Leute zu verdrängen", sagt Krebs. Für die Drogenszene gibt es Sperrbezirksverordnungen vom Hauptbahnhof bis zum Rotebühlplatz. Die Drogenszene würde dann jedoch einfach weiter verlagert - von den Vertriebenen wird dies auch "Bullenjogging" genannt. "Dieses Katz- und Mausspiel kostet viel Geld, weil teilweise Hundertschaften von Polizisten eingesetzt werden. Es bringt aber nichts, weil die Drogenszene bald wieder am gleichen Platz landet. Hier könnte die Stadt umdenken und die Politik auf die Unsinnigkeit solcher Strategien aufmerksam machen", meint der Stadtforscher. Die Drogenszene ist nach Krebs Ansicht nicht zu zerschlagen: "Der Handel an sich, zum Beispiel mit Lebensmitteln, hat dazu geführt, dass Städte entstanden sind. Auch beim Drogenhandel oder dort besonders wird Zentralität und Anonymität gebraucht, daher wird die Szene in den Städten bleiben." Wenn der Handel mit Drogen zu stark überwacht wird, gebe es eben an zentralen Plätzen nur die Informationen, wo der Stoff zu bekommen ist.

Bei seinen Untersuchungen wurde auch Krebs zum vermeintlich Wohnungslosen: Als er mit einem größeren Rucksack länger auf einer Bank saß, fragte ein älteres Paar, ob es ihm weiterhelfen könnte. Die Frau beobachtete ihn offensichtlich noch länger, und kam später mit dem Tipp, dass er in der Kirche etwas zu essen bekommen könnte. "Das geht in Richtung einer Bürgerpolizei, die Leute sind extrem sensibilisiert", meint der Stadtforscher.

Nähere Informationen:

Thomas Krebs


Tel. 0 70 71/36 91 08 oder 01 75 24 12 575
E-Mail: tom.krebs@gmx.de

Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

Thomas Krebs hat sein Forschungsprojekt zur Verdrängung von Randgruppen aus den Innenstädten auch als Buch veröffentlicht:
Thomas Krebs: "Platzverweis - Städte im Kampf gegen Außenseiter", Tübinger Vereinigung für Volkskunde, 2001 (Studien und Materialien des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen; 21), ISBN 3-932512-11-1

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

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