Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sind Arbeitslose "faul"?

11.09.2001


Stigmatisierung statt Arbeitsplätze

WZB-Studie: Die Debatte über "faule" Arbeitslose unterliegt politischen Konjunkturen


Wenn die Konjunktur lahmt, die Arbeitslosenzahlen hoch sind und Bundestagswahlen vor der Tür stehen, dann lassen Bundesregierungen gerne die Alarmglocken schrillen: "Es gibt zu viele faule Arbeitslose!" In einer WZB-Analyse untersuchte Arbeitsmarktforscher Günther Schmid mit seinen Mitarbeitern Frank Oschmiansky und Silke Kull

... mehr zu:
»Bundestagswahl »Debatte

die Geschichte der vier größeren "Faulheits"-Debatten, die sich seit den 70er Jahren nachweisen lassen. Sie wurden jeweils ein bis anderthalb Jahre vor einer Bundestagswahl initiiert und weisen ein wiederkehrendes Muster auf. Außerdem verglichen die WZB-Wissenschaftler die Sperrzeitenregelungen in zwölf OECD-Ländern. Die Analyse ergab, dass positive Anreize durch erweiterte Entscheidungsspielräume bei Arbeitslosen, Arbeitsverwaltung und Arbeitgebern eher als Sanktionen geeignet sind, die Arbeitslosigkeit abzubauen.

"Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft". So brach Bundeskanzler Gerhard Schröder im April 2001 eine heftige Diskussion über "Faulenzer", "Drückeberger", "Scheinarbeitslose", "Sozialschmarotzer" vom Zaun. Die erste dieser "Faulheits"-Debatten wurde 1975 unter dem Stichwort "Wildwüchse beschneiden" durch den sozialdemokratischen Bundesarbeitsminister Walter Arendt ausgelöst. Die zweite große Debatte im Sommer 1981 gipfelte in dem Vorwurf des damaligen Bundestagsabgeordneten Erich Riedl (CDU/CSU), das soziale Netz sei für viele "eine Sänfte (...) geworden, in der man sich von den Steuern und Sozialabgaben zahlenden Bürgern unseres Landes von Demonstration zu Demonstration (...) und dann zum Schluss zur Erholung nach Mallorca (...) tragen lasse". Auch die dritte 1993, ausgelöst durch die Aussage von Bundeskanzler Kohl - "Wir können die Zukunft nicht dadurch sichern, dass wir unser Land als einen kollektiven Freizeitpark organisieren" - war nicht minder deftig.

Alle großen "Faulheits"-Debatten haben ein wiederkehrendes Muster, erkannten die WZB-Forscher:

  • Sie fallen in Zeiten hoher oder politisch bedrohlicher Arbeitslosigkeit. Die ersten drei Debatten fallen in die drei großen Rezessionen, während derer die Arbeitslosigkeit jeweils stark anstieg. Hintergrund der aktuellen Diskussion ist die Erwartung, dass die von Bundeskanzler Schröder angestrebte Zahl der Arbeitslosen von weniger als 3,5 Millionen Personen im Wahljahr 2002 nicht erreicht wird.
  • Die Debatten waren jeweils ein bis anderthalb Jahre vor der nächsten Bundestagswahl initiiert worden und/oder sie wurden nach einer Reihe empfindlicher Niederlagen der Regierungskoalition in Landtagswahlen angefacht.
  • Zur gleichen Zeit stimmte in Meinungsumfragen ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung der Aussage zu, viele Arbeitslose wollten gar nicht arbeiten.
  • Die ersten drei Debatten waren mit sinkenden Sperrzeitenquoten verbunden und führten zu einer Verschärfung der Zumutbarkeitsregeln.

Die Wissenschaftler analysierten auch - international vergleichend - die Sanktionen bei Fehlverhalten ("Sperrzeiten"), durch die Arbeitslose kein Geld bekommen. Ihr Ergebnis: Im Vergleich zu anderen Ländern sind die deutschen Vorschriften eher streng und wenig flexibel. Bis zu einem gewissen Grad können Arbeitslose in anderen Ländern durch ihr Verhalten (nachweisbare Suchaktivitäten, Kooperation mit den Arbeitsämtern) Sanktionen vermeiden oder sogar wieder rückgängig machen. Die Flexibilität kann sowohl die Dauer der Sperrzeiten als auch die Höhe der Leistungen betreffen; beide Optionen erscheinen in Deutschland noch unterentwickelt. Die Wissenschaftler des WZB empfehlen daher, den Arbeitsvermittlern ein flexibleres Instrumentarium an die Hand zu geben. Günther Schmid: "Situationsgerechte ’Nadelstiche’ sind wirkungsvoller als die Drohung mit der ’Keule’ einschneidender Kürzungen".

Die Analyse ergab auch, dass positive Anreize effektiver sind. Schmid rät, die Entscheidungsspielräume bei Arbeitslosen, Arbeitsverwaltung und Arbeitgebern zu erweitern. Dänemark und Großbritannien hätten gute Erfahrungen mit Eingliederungsverträgen gemacht. Fazit des Arbeitsmarktforschers Günther Schmid: "Es gibt kein Recht auf Faulheit, wohl aber eins auf mehr Freiheit im Erwerbsleben".


Weitere Informationen: Professor Günther Schmid, Telefon: 030 / 25 49 11 30
E-Mail: gues@wz-berlin.de


_______________


"Faule Arbeitslose? - Politische Konjunkturen einer Debatte", in: WZB-Mitteilungen, Heft 93, September 2001, S. 5 - 10

Frank Oschmiansky, Silke Kull, Günther Schmid, Faule Arbeitslose? - Politische Konjunkturen einer Debatte, 30 S.
(WZB-Bestellnummer FS I 01-206, auch als pdf-File unter www.wz-berlin.de )

Burckhard Wiebe | idw
Weitere Informationen:
http://www.wz-berlin.de/
http://skylla.wz-berlin.de/pdf/2001/i01-206.pdf

Weitere Berichte zu: Bundestagswahl Debatte

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Metamaterial mit Dreheffekt

Mit 3D-Druckern für den Mikrobereich ist es Forschern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gelungen ein Metamaterial aus würfelförmigen Bausteinen zu schaffen, das auf Druckkräfte mit einer Rotation antwortet. Üblicherweise gelingt dies nur mit Hilfe einer Übersetzung wie zum Beispiel einer Kurbelwelle. Das ausgeklügelte Design aus Streben und Ringstrukturen, sowie die zu Grunde liegende Mathematik stellen die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Science vor.

„Übt man Kraft von oben auf einen Materialblock aus, dann deformiert sich dieser in unterschiedlicher Weise. Er kann sich ausbuchten, zusammenstauchen oder...

Im Focus: Proton-Rekord: Magnetisches Moment mit höchster Genauigkeit gemessen

Hochpräzise Messung des g-Faktors elf Mal genauer als bisher – Ergebnisse zeigen große Übereinstimmung zwischen Protonen und Antiprotonen

Das magnetische Moment eines einzelnen Protons ist unvorstellbar klein, aber es kann dennoch gemessen werden. Vor über zehn Jahren wurde für diese Messung der...

Im Focus: New proton record: Researchers measure magnetic moment with greatest possible precision

High-precision measurement of the g-factor eleven times more precise than before / Results indicate a strong similarity between protons and antiprotons

The magnetic moment of an individual proton is inconceivably small, but can still be quantified. The basis for undertaking this measurement was laid over ten...

Im Focus: Reibungswärme treibt hydrothermale Aktivität auf Enceladus an

Computersimulation zeigt, wie der Eismond Wasser in einem porösen Gesteinskern aufheizt

Wärme aus der Reibung von Gestein, ausgelöst durch starke Gezeitenkräfte, könnte der „Motor“ für die hydrothermale Aktivität auf dem Saturnmond Enceladus sein....

Im Focus: Frictional Heat Powers Hydrothermal Activity on Enceladus

Computer simulation shows how the icy moon heats water in a porous rock core

Heat from the friction of rocks caused by tidal forces could be the “engine” for the hydrothermal activity on Saturn's moon Enceladus. This presupposes that...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mathematiker-Jahrestagung DMV + GDM: 5. bis 9. März 2018 an Uni Paderborn - Über 1.000 Teilnehmer

24.11.2017 | Veranstaltungen

Forschungsschwerpunkt „Smarte Systeme für Mensch und Maschine“ gegründet

24.11.2017 | Veranstaltungen

Schonender Hüftgelenkersatz bei jungen Patienten - Schlüssellochchirurgie und weniger Abrieb

24.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mathematiker-Jahrestagung DMV + GDM: 5. bis 9. März 2018 an Uni Paderborn - Über 1.000 Teilnehmer

24.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Maschinen über die eigene Handfläche steuern: Nachwuchspreis für Medieninformatik-Student

24.11.2017 | Förderungen Preise

Treibjagd in der Petrischale

24.11.2017 | Biowissenschaften Chemie