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Eine neue soziale Ordnung in der globalen Welt

06.04.2005


Die Max-Planck-Gesellschaft veröffentlicht die "Forschungsperspektiven 2005"


Fast täglich sind in den Medien Berichte über terroristische Attentate, Anschläge, Kriegsverbrechen oder Flüchtlingsströme zu sehen. Wie solche Spannungen entstehen und welche Auswirkungen sie haben, wird in der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftlichen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft erforscht. Die Kapitel "Soziale Ordnung in einer globalen Welt" und "Markt" beschäftigen sich mit Fragen zum Thema Globalisierung und der sich daraus ergebenden Dynamik wie auch den Funktionsmechanismen von Märkten und Institutionen.

Die schnelle Ausbreitung gesellschaftlicher Strukturen über nationale Grenzen hinweg erfordert neue transnationale Ordnungen. Dabei verläuft der Globalisierungsprozess schneller als die Herausbildung der den Nationalstaaten übergeordneter Institutionen, die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen ordnen und steuern. Zwar bestehen nationale Ordnungen im Rahmen der sich entwickelnden internationalen Regime fort, sie geraten jedoch unter starken Anpassungsdruck. Zwischen nationalen und internationalen Institutionen ergeben sich daher zunächst viele und vielfältige Spannungen. Ein Beispiel hierfür ist die europäische Integration mit ihrem Wechselspiel zwischen der Herausbildung neuer supranationaler Ordnungen und der oft schmerzhaften Anpassung nationaler Institutionen an die übergeordneten Institutionen (Kapitel Soziale Ordnung in einer globalen Welt).


Die Integration einzelner, nationaler Gesellschaften in die entstehende Weltgesellschaft ist einerseits ein Prozess der Angleichung und andererseits ein Prozess der Differenzierung. Zugleich wächst als Folge internationaler Migration die interne Vielfalt der Nationalgesellschaften. Nicht nur auf globaler Ebene, sondern auch innerhalb der immer weniger nach außen abgrenzbaren Nationalstaaten entstehen bisher nicht gekannte Probleme sozialer Integration, die sich unter anderem in neuen Formen transnationaler Kriminalität und politischer Gewalt manifestieren.

Angesichts dieser Entwicklung stehen folgende Themen ganz oben auf der Agenda der Max-Planck-Institute der Geistes-, Sozial- und Humanwissenschaftlichen Sektion :

  • Reform nationaler Wohlfahrtsstaaten und Funktionsbedingungen internationaler Märkte;
  • Europäisierung des Privatrechts und Fragen der sozialen Sicherheit sowie der politischen Stabilität in einer globalisierten Ökonomie;
  • der Gestaltwandel der Religion in modernen Gesellschaften als Folge von Säkularisierung einerseits und Individualisierung, Fragmentierung und Pluralisierung religiöser Bindungen andererseits;
  • Formen und Voraussetzungen erfolgreicher Antidiskriminierungsgesetzgebung in Europa und Nordamerika;
  • die Auswirkungen von Einwanderung auf Art und Ausmaß wohlfahrtsstaatlicher Politik (einschließlich der Bildungspolitik) und sozialer Solidarität;
  • die Auswirkungen zunehmender sozialer, kultureller, religiöser und ökonomischer Heterogenität auf die europäischen Bevölkerungsentwicklungen;
  • die Organisierung ethnischer und religiöser Minderheiten sowie die Institutionalisierung von Vertretungsrechten im politischen System parlamentarischer Demokratien sowie Gruppenrechte im Verhältnis zu individuellen Bürger- und Menschenrechten.

Die neue Sicherheitsdebatte

Risiken und Kontrolle von Terrorismus, organisierte Kriminalität und Kriegsverbrechen sind zentrale Themen einer neuen Sicherheitsdebatte. Von besonderem Interesse ist die Unterscheidung des Terrorismus von anderen Kriminalitäts- und Gewaltformen. Dabei geht es um die Transnationalität von Räumen, Zielen und Konfliktlinien des Terrorismus, die Organisation von Kapitalbildung im weitesten Sinne und die Einordnung unterschiedlicher Gewaltformen.

Die Institute der Max-Planck-Gesellschaft bieten "eine ideale interdisziplinäre Plattform zur Behandlung solcher Fragen innerhalb der neuen Sicherheitsdebatte". Sie forschen zu Themen, die für die Bedingungen und Folgen von Krieg und politischer Gewalt relevant sind: Die Rechtswissenschaftler untersuchen die formelle Kontrolle politischer Gewalt und Krieg, analysieren Funktion und Gestaltungspotenzial des Friedenssicherungsrechts, des internationalen Menschenrechtsschutzes, des humanitären Völkerrechts, des Internationalen Strafrechts und des Wirtschaftsstrafrechts. Die Sozial- und Verhaltenswissenschaften arbeiten über die Unterscheidung und Einordnung von Konflikten und Konfliktrisiken, die Organisationsformen von Terrorismus und organisierter Kriminalität, den Umgang mit Gewalt in modernen Gesellschaften sowie die ethnologischen Bedingungen und Folgen von Konflikten und Konfliktregulierung. Die historischen Kulturwissenschaften und die Rechtsgeschichte untersuchen Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Kontrolle von politischer Gewalt und Krieg. In diesem Zusammenhang interessieren die Forscher besonders die Transformation des Religiösen, der Werte- und Institutionenwandel sowie Fragen der historischen Entwicklung von Religionskonflikten, Gewalt und Krieg.

Religiöse und ethnische Konflikte

Die nationalstaatlich organisierten modernen Gesellschaften des Westens sind in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kulturell heterogener geworden. Ursache waren zunächst die von den großen Kriegen ausgelösten Flüchtlingsbewegungen. Später kam eine wachsende Arbeits- und Wohlstandsmigration aus der Peripherie in die Zentren der sich entwickelnden Weltgesellschaft hinzu. Die Nationalgesellschaften Europas hängen jedoch seit dem 19. Jahrhundert dem Ideal einer einheitlichen Nationalkultur an und definieren aus diesem heraus den Begriff des Staatsvolks. Migration wurde und wird deshalb häufig als Bedrohung mühsam errungener Einheit erlebt. Bei allen Unterschieden war die Einwanderungspolitik der Aufnahmeländer bis weit in die 1980er-Jahre von dem Bestreben geleitet, das Ausmaß der Einwanderung so zu begrenzen, dass eine Assimilierung der Immigranten in die jeweilige Nationalkultur noch möglich und somit deren Homogenität und Kontinuität damit gesichert erschien.

Über die Mittel zur kulturellen Eingliederung von Zuwanderern gingen und gehen die Auffassungen der Regierungen jedoch weit auseinander. Dennoch bildete sich zumindest in Westeuropa ein liberaler Konsens dahingehend heraus, dass Einwanderer Anspruch auf Schutz vor ethnischer Diskriminierung und auf freie Ausübung ihrer Religion haben sollen. Auch fand ein Paradigmenwechsel statt: Anstelle der Assimilation zielte die Politik zunehmend auf Integration in eine sich selbst pluralistisch umdefinierende Zivilgesellschaft. Gleiche Bürgerrechte für alle Bewohner des staatlichen Territoriums sollten innerhalb eines säkularisierten Staatsverständnisses ein Angebot darstellen, das für die eingesessene Bevölkerung akzeptabel und für die Zuwanderer attraktiv sein würde.

Dieser Erwartung wird heute zunehmend kritisch begegnet. Politischer Widerstand der einheimischen Bevölkerung - nicht selten artikuliert von rechtsradikalen Bewegungen und Parteien - ist nur eine Erscheinungsform der neuen, durch Migration ausgelösten gesellschaftlichen Konflikte. Eine weitere ist die vielfältige Diskriminierung von Einwanderern im Bildungssystem und im Arbeitsmarkt, die sich auch durch Gleichstellungsgesetze, wenn diese denn überhaupt politisch durchsetzbar sind, kaum beheben lässt. Neben ethnische treten gerade in den säkularisierten demokratischen Gesellschaften Westeuropas religiöse Konflikte. Die Weigerung vieler Zuwanderer islamischen Glaubens, diesen als Privatsache zu behandeln, stellt bewährte Friedensformeln im Verhältnis zwischen Staat und Religion in Frage. Zugleich verschwindet die Möglichkeit, Einwanderung so zu beschränken, dass die Neuankömmlinge im Alltag der aufnehmenden Gesellschaft nur bedingt wahr genommen werden. Gründe hierfür liegen nicht nur an den immer durchlässiger werdenden Staatsgrenzen, sondern auch an der demografischen Struktur westlicher Gesellschaften, die auf Zuwanderung von Arbeitskräften angewiesen sind, wenn sie ihren Wohlstand erhalten wollen (Kapitel Soziale Ordnung in einer globalen Welt).

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

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