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Alternsforschung in Zeiten der demographischen Revolution

08.03.2005


Überzeugendes Handeln der Akteure bei Bund und Land Baden-Württemberg für eine gute Zukunft der am Deutschen Zentrum für Alternsforschung mit großem Erfolg aufgebauten interdisziplinären Alternsforschung ist jetzt notwendig
Der demographische Wandel ist eines der zentralsten Zukunftsthemen unserer Gesellschaft.



Zukunftsorientierte Politik muss sich dabei auf belastbare Ergebnisse der Alternsforschung stützen können. Doch während im Deutschen Bundestag fraktionsübergreifend die Forderung nach einer Stärkung der Alternsforschung in Deutschland gestellt wird, droht dem national und international renommierten Deutschen Zentrum für Alternsforschung an der Universität Heidelberg die Schließung aufgrund der finanziellen Engpässe der öffentlichen Hand. Dem politischen Bekenntnis zur Aufrechterhaltung und Stärkung der Alternsforschung muss dringend und rasch überzeugendes Handeln folgen, soll die Alternsforschung in Deutschland eine an den gesellschaftlichen Herausforderungen orientierte Zukunft haben.

Der demographische Wandel - angesichts der Dynamik sollte man wohl besser von einer demographischen Revolution sprechen - ist zu einem allgegenwärtigen, beherrschenden Thema der öffentlichen Diskussion geworden. Anders als viele andere politische Entwicklungen, die oft unvorhersehbar eintreten und spontane politische Entscheidungen fordern, ist die demographische Revolution angesichts der verfügbaren Geburten- und Sterbeziffern prinzipiell sehr gut vorauszusagen - und doch ist unsere Gesellschaft für diese seit langem absehbare Entwicklung denkbar schlecht gerüstet.

Drängende Probleme und Herausforderungen in den Bereichen der Gesundheits- und Sozialpolitik, wie beispielsweise die allgegenwärtige Ausgrenzung älterer Arbeitnehmer aus dem Erwerbsleben, die Probleme der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, die bedarfsgerechte Planung von Wohnraum, medizinischer und pflegerischer Versorgungsstrukturen werden zumeist erst im Sinne eines Krisenmanagements angegangen, wenn es für vorausschauende Lösungen eigentlich schon (fast) zu spät ist. Andererseits werden die vielfältigen Chancen und Potenziale, welche die demographische Revolution auch bietet, noch vielfach viel zu wenig genutzt - noch nie gab es so viele relativ gesunde und engagierte ältere Menschen, die ihre vielfältigen Erfahrungen und Ressourcen sehr nutzbringend in das gesellschaftliche Leben einbringen könnten und wollten.

Es gibt daher einen enormen Bedarf an moderner Alternsforschung, die zur Lösung dieser drängenden Fragen rasch wichtige und zukunftsweisende wissenschaftliche Grundlagen liefert. So ist es nur folgerichtig, dass der Deutsche Bundestag vor kurzem eine von allen Parteien getragene Forderung nach einer Stärkung der Alternsforschung verabschiedet hat.

Doch was geschieht in der Praxis? In wirtschaftlich besseren Zeiten hatten sich Bund und Land Baden-Württemberg angesichts der unübersehbaren Herausforderungen des demographischen Wandels zur gemeinsamen Einrichtung des Deutschen Zentrums für Alternsforschung (DZFA) entschlossen, das im Jahr 1996 in Heidelberg seine Arbeit aufnahm. Zwar blieb der ursprünglich vorgesehene Ausbau des Zentrums - gedacht war an eine Grundfinanzierung von ca. 5 Millionen Euro pro Jahr - angesichts der sich verschlechternden wirtschaftlichen Situation schon bald weit hinter den Planungen zurück - für die Grundfinanzierung wurden bis zum Jahr 2003 von Bund und Land gemeinsam gerade einmal ca. 2 Millionen Euro aufgebracht. Dies sind nur etwa zwei Prozent der Summe, die beispielsweise dem Deutschen Krebsforschungszentrum pro Jahr zur Verfügung gestellt werden. Dennoch hat die Arbeit dieses vergleichsweise kleinen Zentrums in kurzer Zeit national und international höchste Anerkennung gefunden. Bezüglich der gängigen Indikatoren der Bewertung von Forschungseinrichtungen, der Quote eingeworbener Drittmittel und der Publikationen in renommierten Fachzeitschriften ist das Zentrum nicht nur regional, sondern bundesweit in der absoluten Spitzengruppe zu finden.

Und dennoch: Im Frühjahr 2003 erklärte das für die bundesseitige Finanzierung zuständige Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dass es sich aufgrund fiskalischer Zwänge gezwungen sehe, sich aus der Finanzierung des DZFA schrittweise zurückzuziehen. Vehemente Proteste der Fachwelt, der Seniorenverbände, des Zentrums und des baden-württembergischen Wissenschaftsministers Peter Frankenberg vermochten hieran bis heute nichts zu ändern. Doch ließ Wissenschaftsminister Peter Frankenberg in einer Pressemitteilung vom 21.8.2003 unmissverständlich wissen: "Angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland hat die Forschung zum Thema Alter und Altern eine überragende Bedeutung für die Gesellschaft. Die Kompetenz des renommierten Deutschen Zentrums für Alternsforschung muss daher unbedingt erhalten werden. Diese Einrichtung ist in Deutschland auf dem Gebiet der Alternsforschung einzigartig, ihre Forschungsaktivität muss im bisherigen Umfang fortgeführt werden."

Nur ein Jahr später, im August 2004, folgte die Mitteilung des Wissenschaftsministers, dass sich das Land angesichts der sich verschlechternden Finanzlage nicht mehr in der Lage sehe, an dem so klaren Bekenntnis zur Zukunft des DZFA festzuhalten. Die vakante Stelle der Leitung einer der drei Abteilungen wurde nicht mehr besetzt, ein bereits erteilter Ruf wurde zurückgenommen, womit der Abbau dieser Abteilung eingeleitet wurde. Zugleich teilte das Wissenschaftsministerium seine Absicht mit, das DZFA als eigenständige Forschungseinrichtung bis zum 31.12.2005 aufzulösen und möglichst "sozialverträglich" abzuwickeln. Zwar soll nach den Vorstellungen des Ministeriums der bisherige Landesanteil der Finanzierung des DZFA auch weiterhin für die Alternsforschung im Raum Heidelberg zur Verfügung stehen, die Alternsforschung soll durch Bündelung und weitere Vernetzung von Ressourcen in der Region gar gestärkt werden.

Offenkundig ist jedoch, dass der bisherige Landesanteil der Finanzierung des DZFA noch nicht einmal die Fortsetzung der sehr erfolgreichen Arbeit der beiden verbleibenden Abteilungen des DZFA (Abteilung für Epidemiologie, Leiter: Prof. Dr. Hermann Brenner) und Abteilung für Soziale und Ökologische Gerontologie, Leiter: Prof. Dr. Hans-Werner Wahl) im bisherigen Umfang sichern kann. Diese Abteilungen sollen in die Universität oder eine andere Forschungseinrichtung integriert werden. Zusätzlich für die Alternsforschung in Aussicht gestellte Fördermittel sind dem Vernehmen nach ausschließlich für die molekulare Alternsforschung bestimmt, die in Heidelberg erst noch mit großem Aufwand aufgebaut werden müsste, und die sich mit Fragen des Alterns auf der Ebene der Zellen und im Tiermodell beschäftigt. Dabei ist in der internationalen Fachwelt unbestritten, dass zukunftsweisende Alternsforschung interdisziplinär sein muss und den Sozial- und Verhaltenswissenschaften, der Epidemiologie und der Medizin eine mindestens ebenso zentrale Bedeutung zukommen muss wie der molekularen Alternsforschung. Umso mehr gilt dies natürlich für die Lösung der oben genannten gesellschaftlichen Herausforderungen.

Der Stiftungsvorstand und die Mitarbeiter des DZFA haben sich nach Kräften bemüht, neben der überaus erfolgreichen Fortsetzung ihrer wissenschaftlichen Arbeit an konstruktiven Lösungen für die vom Wissenschaftsministerium gewünschte Neustrukturierung der Alternsforschung mitzuwirken. Und dennoch: Auch neun Monate vor der geplanten Schließung des DZFA können für die ca. 50 Mitarbeiter und die Fortsetzung ihrer so wichtigen und erfolgreichen Arbeit von Seiten der Politik keine konkreten Zukunftsperspektiven benannt werden.

Der Vorstand des DZFA sieht sich daher in der Pflicht, auf der Basis seiner Verantwortung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des DZFA, aber auch aufgrund der sehr viel weiter gehenden gesellschaftlichen Verantwortung für eine am Wohl derzeitiger und künftiger Generationen älterer Mitbürger orientierte Alternsforschung, über die aktuellen Entwicklungen zu informieren und mit einem dringenden Appell an die politisch Verantwortlichen an die Öffentlichkeit zu treten:

Überzeugendes Handeln der Akteure bei Bund und Land Baden-Württemberg für eine gute Zukunft der am DZFA mit großem Erfolg aufgebauten interdisziplinären Alternsforschung ist Jetzt notwendig!

Ansprechpartner für weitere Auskünfte:

Prof. Dr. med. Hermann Brenner
Wissenschaftlicher Stiftungsvorstand und Leiter der Abteilung für Epidemiologie des DZFA
Tel. 06221 548140, Fax 548142
brenner@dzfa.uni-heidelberg.de

Manfred Anslinger
Administrativer Stiftungsvorstand des DZFA
Tel. 06221?548103, Fax 548100
anslinger@dzfa.uni-heidelberg.de

Prof. Dr. phil. Hans-Werner Wahl
Leiter der Abteilung für Soziale und Ökologische Gerontologie des DZFA
Tel. 06221 548110, Fax 548112
wahl@dzfa.uni-heidelberg.de

Allgemeine Rückfragen von Journalisten auch an :
Dr. Michael Schwarz, Pressesprecher der Universität Heidelberg
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de

und
Irene Thewalt
presse@rektorat.uni-heidelberg.de

Dr. Michael Schwarz | idw
Weitere Informationen:
http://www.dzfa.uni-heidelberg.de

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