Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Jung, kriminell und dann?

22.02.2005


Bremer Psychologin entwickelt einfaches Verfahren zur Beurteilung jugendlicher Straftäter



Abzocken auf dem Schulhof, Zerdeppern von Bushaltestellen, Raub und Prügeleien: Die Liste der von Jugendlichen begangenen Straftaten ließe sich beliebig fortführen. Früher oder später landen die jungen Straftäter im Knast und müssen "gesellschaftstauglich" gemacht werden. Viele von ihnen sind jedoch schwer zugänglich und widerspenstig. Vor diesem Hintergrund hat Kerstin Lund, frisch promovierte Psychologin der Universität Bremen, ein neues und schnelles Verfahren zur Beurteilung straffälliger Jugendlicher entwickelt und getestet. Anhand von gegensätzlichen Eigenschaftspaaren sollen die Jugendlichen sich selbst, wie sie sind und wie sie gerne sein möchten, sowie Personen aus ihrem Umfeld einschätzen. Wie sehen sie zum Beispiel sich selbst: aggressiv oder ausgeglichen? Und wären sie lieber aggressiver oder ausgeglichener? Ist die eigene Mutter in ihren Augen eine lachende oder meckernde Person? Die Begriffspaare sind nicht von Psychologen vorgegeben, sondern selber von den straffälligen Jugendlichen in vorherigen Interviews zusammengestellt worden.

... mehr zu:
»Psychologin »Straftäter


Der leicht verständliche Fragebogen ermöglicht auch Jugendlichen mit sprachlichen Defiziten, sich selbst und ihr soziales Umfeld durch einfaches Ankreuzen darzustellen. Sie werden ermutigt, mit Sachverständigen des Strafvollzugs ins Gespräch zu kommen und über ihr Leben zu erzählen. Vor Gericht kann der Test dazu genutzt werden, Aussagen über den Reifegrad der jungen Straffälligen zu treffen und Bezugspersonen in den Prozess einzubeziehen. Die Ergebnisse dienen auch der Entwicklung individueller Therapiemaßnahmen.

Dr. Kerstin Lund hat im Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen bei Professor Frank Baumgärtel promoviert. Der Titel ihrer Dissertation lautet: "Die Repertory-Grid-Technik als standardisiertes diagnostisches Verfahren zur Erfassung des Selbst und des sozialen Umfelds von delinquenten Jugendlichen". Mit der weiterentwickelten Analysemethode konnte die Psychologin bisherige Annahmen bestätigen: Jungen Straftäter gefallen sich in ihrer Rolle und signalisieren nur wenig Bereitschaft, ihr Verhalten zu ändern. Im Gegenteil: Sie möchten sogar noch aggressiver und dominanter werden. Andererseits sind Straffällige im Vergleich mit anderen Gleichaltrigen weniger abgenabelt und eigenständig. Sie orientieren sich stärker an Vorbildern; dies kann ein Boxer oder Rapper sein, der vertrauenswürdige Lehrer oder aber die dominante Mutter. Auffällig war auch, dass Eigenschaften, die den Intellekt und damit die Bildung reflektieren, für die kriminellen Jugendlichen keine Bedeutung haben.

Ein Manko der Lundschen Analyse-Technik ist allerdings die Beurteilung der Aggression: Die straffälligen Jugendlichen nehmen sich selbst als wenig aggressiv wahr. Sie beschreiben ihr Verhalten eher als Abwehrreaktion auf eine gewalttätige Umwelt. Eine Ausnahme bilden jedoch türkische und russische Straftäter: Aufgrund ihrer patriarchalisch geprägten Kultur stufen sie sich aggressiver ein als die deutschen Jugendlichen. Die Psychologin rät, straffällig gewordene Jugendliche verstärkt an Sport, vor allem Mannschaftssport, heranzuführen. So bekommen sie ein Zugehörigkeitsgefühl und lernen, sich an bestimmte Regeln zu halten, fair zu bleiben und Vorurteile gegenüber Mitmenschen abzubauen.

Weitere Informationen:

Universität Bremen
Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften
Dr. Kerstin Lund
Tel.: 04202-910499
Email: kerlund@uni-bremen.de

Angelika Rockel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bremen.de

Weitere Berichte zu: Psychologin Straftäter

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften