Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Natürliche Auslese beim Sprechen

21.02.2005


Stimmlose Konsonanten am Wortende entstanden in der Geschichte der menschlichen Sprache häufig. Wie biologischen Organismen auch, können Laute sich an verschiedenen Orten parallel entwickeln. Bild: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie


Klicklaute entstanden in der Geschichte der menschlichen Sprache nur ein einziges Mal und verbreiteten sich durch Sprachkontakt. Eine natürliche phonetische Brücke von Klick- zu Nicht-Klicklauten gibt es nicht, was ihre Seltenheit erklärt. Bild: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie


Entstehung der Sprachen ist nicht Resultat einer Universalgrammatik, sondern paralleler Selbstorganisation

... mehr zu:
»Konsonant »Laut »Lautmuster »Phonologie

Auf welche Weise sich die menschlichen Sprachen in den vergangenen 7.000 bis 8.000 Jahren und speziell die verschiedenen Laute und Lautmustern herausgebildet haben, ist weltweit Gegenstand intensiver Forschungen. Juliette Blevins vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat jetzt auf der Jahrestagung der AAAS in Washington einen neuen Erklärungsansatz vorgestellt, warum genetisch nicht verwandte Sprachen von so weit entfernten Familien, wie Native American, Australian Aboriginal, Austronesian, und Indo-European, oft die gleichen Lautmuster zeigen und umgekehrt, wieso es bei Lautmustern, die man bisher als universell betrachtet hat, so viele Ausnahmen gibt. Menschen erlernen demnach diese Muster anhand tausender von Beispielen, denen sie in ihrem ersten Lebensjahr ausgesetzt sind. Das Auftreten ähnlicher Lautmuster in nicht miteinander verwandten Sprachen deuten deshalb darauf hin, dass Sprache ein System ist, das sich an verschiedenen Orten selbst organisiert.

Das neue Modell zum Lautwandel deutet darauf hin, dass auffällige phonetische Ähnlichkeiten nicht miteinander verwandter Sprachen und das seltene Auftreten bestimmter Laute auf die Wirkung evolutionärer Prinzipien zurückgeführt werden können. Deutsch und Russisch sind nicht die einzigen Sprachen, in denen stimmhafte Konsonanten wie b, d und g ihr charakteristisches "Summen" am Ende des Wortes verlieren. Dutzende nicht miteinander verwandter Sprachen - von Afar, das in Äthiopien gesprochen wird, bis Ingush, das man im Nordkaukasus hört - haben ganz ähnliche Lautmuster.


Warum findet man ähnliche Muster in nicht miteinander verwandten Sprachen? Warum findet man am Wortende häufiger die "leisen" p t k Laute als die "lauten" b d g Laute? Warum treten diese Laute in sehr vielen Sprachen auf, während beispielsweise die so genannten Klicklaute in der Geschichte der menschlichen Sprache einmalig sind? Dr. Juliette Blevins, Wissenschaftlerin am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, hat möglicherweise eine Antwort auf diese und andere phonologische Rätsel gefunden und auf dem Symposium zur Evolutionären Phonologie auf der diesjährigen Jahrestagung der AAAS (American Association for the Advancement of Science) in Washington, DC vorgestellt.

Aufbauend auf dem Werk eines chinesischen Forschers aus dem 16. Jahrhundert, den bekannten Leipziger Junggrammatiker des 19. Jahrhunderts und natürlich Charles Darwin zeigt Blevins, dass gemeinsame Lautmuster in nicht miteinander verwandten Sprachen auf eine Parallelevolution hindeuten. Da Sprache auf einem natürlichen Weg von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird, bestimmt die menschliche Wahrnehmung und Artikulation von Lauten, welche Veränderungen sich häufiger durchsetzen als andere (wie z.B. der Übergang von b d g zu p t k am Wortende). Außerdem ist es sehr unwahrscheinlich, dass ein einfacher Konsonant fälschlicherweise als Klicklaut wahrgenommen oder artikuliert wird, sodass es für diesen kaum Gelegenheit zu einer natürlichen Evolution gibt.

Was Blevins mit ihrer Theorie sagen will, geht weit über unser herkömmliches Verständnis von Vokalen und Konsonanten hinaus. Indem sie erklärt, wie in nicht miteinander verwandten Sprachen ähnliche Lautmuster entstehen konnten, unterminiert die Evolutionäre Phonologie einen zentralen Grundsatz der modernen Linguistik nach Chomsky: Nämlich den, dass die Universale Grammatik, eine dem Menschen angeborene kognitive Fähigkeit, eine Hauptrolle beim Formen der Grammatik spielt. Blevins argumentiert vielmehr, dass Menschen Lautmuster anhand tausender von Beispielen, denen sie in ihrem ersten Lebensjahr ausgesetzt sind, erlernen. Treten also ähnliche Lautmuster in nicht miteinander verwandten Sprachen auf, so deutet das darauf hin, dass die Sprache ein System ist, das sich - in unterschiedlichen Regionen der Erde und zu unterschiedlichen Zeiten - selbst organisiert.

Weitere Teilnehmer am AAAS-Symposium zur Evolutionären Phonologie sind Prof. Terrence Deacon (University of California, Berkeley), Prof. Janet Pierrehumbert (Northwestern University) und Prof. Andrew Wedel (University of Arizona, Tucson).

Originalveröffentlichung: Juliette Blevins - Evolutionary Phonology: The Emergence of Sound Patterns

Dr. Andreas Trepte | idw
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Konsonant Laut Lautmuster Phonologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

6. Internationale Fachkonferenz „InnoTesting“ am 23. und 24. Februar 2017 in Wildau

22.02.2017 | Veranstaltungen

Wunderwelt der Mikroben

22.02.2017 | Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Ursache für eine erbliche Muskelerkrankung entdeckt

22.02.2017 | Medizin Gesundheit

Möglicher Zell-Therapieansatz gegen Zytomegalie

22.02.2017 | Biowissenschaften Chemie

Meeresforschung in Echtzeit verfolgen

22.02.2017 | Geowissenschaften