Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie Berliner U-Bahnfahrer Fahrgastunfälle bewältigen

23.11.2004


Die Angst fährt immer mit...



Jeden Tag nehmen sich in Berlin ein bis zwei Menschen das Leben. Im Jahr 2002 waren es 466. Etwa sieben Prozent der Selbstmörder werfen sich vor U- oder S-Bahnen. Statistisch gesehen überfährt jeder Zugfahrer während seines Berufslebens mindestens einmal einen Menschen - mit zum Teil dramatischen Folgen für das Fahrpersonal. Viele Lokführer leiden anschließend unter posttraumatischen Belastungsstörungen und sind in ihrer Berufsausübung zeitweise eingeschränkt. Einige Betroffene benötigen Jahre, um den Selbstmord des Fahrgastes zu verarbeiten. Die Psychologin Doris Denis von der Freien Universität hat in ihrer Dissertation erstmals untersucht, wie Berliner U-Bahnfahrer traumatisierende Schienenunfälle bewältigen. Für ihre Studie führte sie Interviews mit 54 Zugführern der Berliner Verkehrsbetriebe und untersuchte, wie die Fahrer die versuchten und vollendeten Selbstmorde von Fahrgästen erlebten und wie sie diese verarbeiteten. Grundlage der Untersuchung waren die 104 Fahrgastunfälle, die sich in der Berliner U-Bahn zwischen 1994 und 1996 ereigneten. Ergebnis: Die Betroffenen verarbeiten das Schockerlebnis ganz unterschiedlich. Die einen ziehen sich aus dem sozialen Leben völlig zurück und sind für Therapieangebote nur schwer erreichbar. Andere stürzen sich in Aktivitäten und lindern ihr Trauma, indem sie darüber reden. Von den Ärzten und von ihrem Arbeitgeber fühlt sich die Mehrheit der Befragten kaum angemessen betreut.



Am belastendsten empfanden die Betroffenen den Moment kurz vor dem Aufprall. Vor allem die Tatsache, dass die Fahrer dem Unfall nicht ausweichen konnten, und der Blickkontakt mit dem Selbstmörder lösten Hilflosigkeit und Panik aus. "Und trotzdem schilderte über die Hälfte der Fahrer den Unfallhergang sachlich distanziert. Auch das ist ein möglicher Hinweis auf die traumatisierende Wirkung", sagt Denis. Doch nicht jeder Fahrer reagiert mit dieser Art psychischer Entfremdung vom Geschehen: "Fast ein Fünftel entwickelt Wut und Ärger gegenüber dem Selbstmörder und fühlt sich selbst als Unfallopfer." Siebzig Prozent der traumatisierten Lokführer wurden durch den Suizidversuch bzw. den Suizid gesundheitlich so schwer beeinträchtigt, dass sie entweder kurzzeitig berufsunfähig waren oder ihre Arbeit langfristig nicht mehr regelmäßig ausüben konnten. Fast ein Viertel erlitt länger anhaltende Beschwerden.

In den ersten vier Wochen nach dem Unfall litten über vierzig Prozent unter mindestens einzelnen Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung. Bei jedem Zehnten wurden die Beschwerden chronisch. Trotzdem nimmt die Mehrzahl der Zugführer den Dienst bereits nach wenigen Tagen wieder auf. "Allerdings sind fast drei Viertel der Fahrer nach dem Unfall bei der Arbeit extrem angespannt", weist die Wissenschaftlerin auf die Langzeitfolgen für das U-Bahn-Personal hin. Aus ihren schmerzhaften Erfahrungen ziehen die Betroffenen aber auch positive Schlüsse. Der Fahrgastunfall wird, so paradox das klingt, als wertvolle Lebenserfahrung wahrgenommen. Einige der Zugführer ändern danach zum Teil ihr Leben und gehen stärker auf Menschen zu.

Die Lokführer verarbeiten ihre Erlebnisse ganz unterschiedlich. "Zwar sprechen sie alle über den Unfall, aber nur die mit einem ausgeprägten Redebedürfnis verarbeiten das Trauma vergleichsweise schnell. Sie nehmen den Fahrdienst früher wieder auf und bauen Ängste mit einer Art Konfrontationstaktik ab", sagt die Psychologin. "Die von Beginn stärker Traumatisierten ziehen sich zurück, meiden Verkehrsmittel und kehren erst später in den Dienst zurück." Die gegensätzlichen Bewältigungsstrategien zeigen sich auch im sozialen Leben. Während manche viel Zeit allein verbringen und sich mit Musik, Naturerlebnissen und Fernsehen ablenken, vermeiden andere unter allen Umständen Ruhephasen und suchen ständig Gesellschaft. Sie reisen zu Angehörigen und Freunden, nehmen Medikamente und beruhigen sich mit Alkohol. "Eine Gemeinsamkeit gibt es allerdings", sagt Doris Denis. "Für die meisten sind Familie, Freunde und Kollegen die wichtigste emotionale Stütze."

Enttäuscht waren die U-Bahnführer mit der Soforthilfe direkt nach dem Fahrgastunfall. Zwar wurden über achtzig Prozent der Fahrer in Krankenhäusern ambulant behandelt, doch nur jeder Zehnte empfand die - meist medikamentöse - Behandlung als ausreichend hilfreich. "Ich finde es alarmierend, dass manche der Fahrer eine Versorgung im Krankenhaus nach einem erneuten Unfall ablehnen würden, weil die Ärzte der Erste-Hilfe-Stationen auf die Akutbehandlung von Trauma-Patienten nicht ausreichend vorbereitet waren", sagt Denis. Die medizinische Nachsorge erfolgte in der Regel durch den Hausarzt. Die Hemmschwelle, psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, war für viele Fahrer zu hoch. Von ihrem Arbeitgeber, der BVG, wünschen sich die Befragten nicht nur mehr Fürsorge nach einem Fahrgastunfall, sondern auch bessere Unterstützung bei der Suche nach Behandlungsmöglichkeiten. "Dass professionelle Hilfe nicht ausreichend erfolgt", so Denis, "ist die traurige Erkenntnis der Untersuchung."

Die Autorin der Studie empfiehlt, geschulte Notfallhelfer und Krisendienste stärker in die Akutversorgung direkt nach dem Unfall einzubinden, um die Fahrer psychisch zu stabilisieren. Denis weist auf die zentrale Rolle des Hausarztes in der Behandlungskoordination hin. Meist hängt es von ihm oder von betriebinternen Betreuern ab, ob sich der Betroffene zu einer spezifischen Trauma-Therapie entschließt. Zu einer solchen rät die Psychologin dringend. Denn: "Bis zu 90 Prozent der so behandelte Patienten können mit einem Verschwinden ihrer Beschwerden rechnen."

Zur Person:

Dr. Doris Denis ist approbierte Psychotherapeutin. Von 1995 bis 2002 hat sie an der Abteilung für Sozialpsychiatrie der Freien Universität Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit dem Schwerpunkt posttraumatische Störungen gearbeitet und dort die Ambulante Sprechstunde für psychische Traumafolgen aufgebaut. Seit 1997 ist sie als Gutachterin zu diesbezüglichen sozialrechtlichen Fragestellungen für Sozialgerichte, Berufsgenossenschaften und Unfallkassen tätig. Seit 2003 betreut sie in ihrer eigenen psychotherapeutischen Praxis Patienten mit posttraumatischen Erkrankungen.

Von Anke Assig

Literatur:
Doris Denis, Die Angst fährt immer mit. Wie Lokführer traumatisierende Schienenunfälle bewältigen, Heidelberg und Kröning: Asanger Verlag 2004, ISBN: 3-89334-423-3

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Doris Denis, Diplom-Psychologin, Tel.: 030 / 53 60 59 63, E-Mail: denis@snafu.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de

Weitere Berichte zu: Lokführer Psychologin Selbstmörder

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kühler Zwerg und die sieben Planeten

Erdgroße Planeten mit gemäßigtem Klima in System mit ungewöhnlich vielen Planeten entdeckt

In einer Entfernung von nur 40 Lichtjahren haben Astronomen ein System aus sieben erdgroßen Planeten entdeckt. Alle Planeten wurden unter Verwendung von boden-...

Im Focus: Mehr Sicherheit für Flugzeuge

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem totalen Triebwerksausfall zum Einsatz kommt, um den Piloten ein sicheres Gleiten zu einem Notlandeplatz zu ermöglichen, und ein Assistenzsystem für Segelflieger, das ihnen das Erreichen größerer Höhen erleichtert. Präsentiert werden sie von Prof. Dr.-Ing. Wolfram Schiffmann auf der Internationalen Fachmesse für Allgemeine Luftfahrt AERO vom 5. bis 8. April in Friedrichshafen.

Zwei Entwicklungen am Lehrgebiet Rechnerarchitektur der FernUniversität in Hagen können das Fliegen sicherer machen: ein Flugassistenzsystem, das bei einem...

Im Focus: HIGH-TOOL unterstützt Verkehrsplanung in Europa

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt sich bewerten, wie verkehrspolitische Maßnahmen langfristig auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wirken. HIGH-TOOL ist ein frei zugängliches Modell mit Modulen für Demografie, Wirtschaft und Ressourcen, Fahrzeugbestand, Nachfrage im Personen- und Güterverkehr sowie Umwelt und Sicherheit. An dem nun erfolgreich abgeschlossenen EU-Projekt unter der Koordination des KIT waren acht Partner aus fünf Ländern beteiligt.

Forschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) unterstützt die Europäische Kommission bei der Verkehrsplanung: Anhand des neuen Modells HIGH-TOOL lässt...

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2017

23.02.2017 | Veranstaltungen

Wie werden wir gesund alt? - Alternsforscher tagen auf interdisziplinärem Symposium in Magdeburg

23.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Heinz Maier-Leibnitz-Preise 2017: DFG und BMBF zeichnen vier Forscherinnen und sechs Forscher aus

23.02.2017 | Förderungen Preise

Big Data Centrum Ostbayern-Südböhmen startet Veranstaltungsreihe

23.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Planeten außerhalb unseres Sonnensystems: Bayreuther Forscher dringen tief ins Weltall vor

23.02.2017 | Physik Astronomie