Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Weichzeichner Zeit

15.11.2004


Das autobiografische Gedächtnis hält kein exaktes Abbild der Vergangenheit fest, sondern konstruiert eine Geschichte. Diese Ungenauigkeiten verzerren die Ergebnisse der großen sozioökonomischen Erhebungen, wie jetzt eine Psychologin nachgewiesen hat. Durch Änderungen im Befragungsstil lassen sich jedoch genauere Ergebnisse erzielen, zeigt die Studie.


"Menschen stellen aus der Erinnerung eine Biografie her, mit der sie gut leben können, und rückwirkend erscheint ihr Leben meist glatter und zielgerichteter als es in Wirklichkeit war", erklärt die Psychologin Dr. Maike Reimer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die Erinnerung neigt eben zu gewissen Retuschen, wissen die Psychologen. Diese Eigenheit des autobiografischen Gedächtnisses sollte sich auch in den nüchternen Daten von soziologischen Studien niederschlagen, vermutete Reimer. Daher hat sie diese Frage an dem von Professor Dr. Karl Ulrich Mayer geleiteten Forschungsbereich "Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Entwicklung" nun wissenschaftlich unter die Lupe genommen.

Der Soziologe Mayer führt seit mehr als 20 Jahren die große Deutsche Lebensverlaufsstudie durch, für die jeweils Tausende von Menschen aus verschiedenen Geburtsjahrgängen zu ihrem Bildungs- und Berufsweg sowie zu Stationen im privaten Leben wie Umzügen oder Familiengründung befragt werden. Doch wie zuverlässig können die Befragten wirklich Auskunft über lange zurückliegende berufliche oder andere Wechsel geben? Maike Reimer überprüfte daher einen Teil der Daten der Lebensverlaufsstudie auf Unstimmigkeiten. Bei der ostdeutschen Teilstudie griff sie auf Daten zu, die von den 1300 Teilnehmern sowohl im Jahr 1992 als auch im Jahr 1997 erhoben wurden, so dass sich die Angaben für einen bestimmten Zeitraum überlappten. Bei der westdeutschen Teilstudie verglich Reimer die Daten mit denen der Bundesanstalt für Arbeit, wobei sie vorbereitete Datensätze des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nutzen konnte. Zusätzlich hörte Maike Reimer zahlreiche Tonbandmitschnitte der gut einstündigen Interviews ab, um herauszufinden, bei welcher Art von Fragen am ehesten Ungenauigkeiten entstehen.


Die Erinnerung aus einer längeren Rückschau konstruiert ein etwas konventionelleres, stetigeres Bild. Unstimmigkeiten sind am ehesten dann zu erwarten, wenn die Biografie nicht gut zu einem der wohldefinierten Zustände passt, in die sich die Befragten einordnen sollen. "Soziologen definieren das Leben als eine Wanderung durch verschiedene eindeutige Zustände wie arbeitslos, in Ausbildung, berufstätig, verheiratet oder geschieden. In der Realität gibt es jedoch auch Phasen, in denen es Menschen schwierig finden, sich einem dieser Zustände zuzuordnen, etwa, wenn sie Kurzarbeit machen oder eine Fortbildung während der Arbeitslosigkeit," sagt Reimer. In beiden Teilen Deutschlands erinnern sich Menschen mit vielen Sprüngen in der Berufsbiografie ungenauer als solche, die nur wenige Veränderungen erlebten. Auch neigen die Befragten dazu, kurze Phasen der Arbeitslosigkeit zu vergessen und länger zurückliegende Ereignisse weniger exakt zu rekonstruieren als etwa die jüngste Vergangenheit.

Interessant waren die Geschlechterunterschiede in Ost- und Westdeutschland: Westfrauen erinnern berufliche Episoden wesentlich ungenauer als Westmänner, ihre Biografie ist auch meist häufiger unterbrochen und besteht aus zahlreichen kurzen Episoden. Für das Selbstwertgefühl der Westfrauen spielt das Berufsleben noch immer eine weniger große Rolle als für Männer. Zwischen Ostfrauen und Ostmännern gibt es dagegen kaum Unterschiede. Bei der ersten Befragung 1992 gaben Ostdeutsche die Episoden der Arbeitslosigkeit weniger vollständig an. Reimer vermutet, dass die Bürger der ehemaligen DDR, in der Arbeitslosigkeit offiziell nicht existiert hatte, sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht daran gewöhnt hatten, ihr eigenes Berufsleben als Abfolge von wechselnden Stellen und Arbeitslosigkeit zu sehen. Bei der zweiten Befragung 1997 erinnerten die gleichen Personen Phasen der Arbeitslosigkeit genauer, da Arbeitslosigkeit inzwischen als Massenphänomen und nicht mehr als individuelles Versagen wahrgenommen wurde.

Aus Reimers Arbeit lassen sich konkrete Empfehlungen für künftige Befragungen ableiten: Denn wenn die Interviewer der Person Gelegenheit geben, sich in den damaligen biografischen Kontext zurückzuversetzen, werden die Aussagen genauer. Auf die Frage: "Was haben Sie im September 1983 gemacht?" können viele Studienteilnehmer nicht genau antworten. Lautet die Frage dagegen: "Als Ihr erstes Kind zur Welt kam, was war da Ihre berufliche Situation?" fällt es den meisten Menschen leichter, sich richtig zu erinnern. Die Interviewer sollten die biografischen Eckdaten nutzen, um dem Befragten einen Rahmen zu bieten, der sie in die damalige Situation versetzt, empfiehlt die Psychologin.

Eigentlich ist die Lebensverlaufsstudie dennoch überraschend genau, meint Reimer. Die Fehler sind eher geringfügig und haben eine eindeutige Richtung, so dass sie sich abschätzen lassen.

Dr. Antonia Rötger | idw
Weitere Informationen:
http://www.mpib-berlin.mpg.de

Weitere Berichte zu: Befragung Biografie Phase Psychologin Zustand

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

IT-Experten entdecken Chancen für den Channel-Markt

25.07.2017 | Unternehmensmeldung

Erst hot dann Schrott! – Elektronik-Überhitzung effektiv vorbeugen

25.07.2017 | Seminare Workshops

Dichtes Gefäßnetz reguliert Bildung von Thrombozyten im Knochenmark

25.07.2017 | Biowissenschaften Chemie