Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wissenschaftler stoßen Diskussion über neue Wege zur Elternschaft an

27.09.2004


Stammzelltechniken eröffnen unfruchtbaren oder gleichgeschlechtlichen Paaren völlig neue Perspektiven - und erfordern eine grundlegende gesellschaftliche Diskussion



Auf die ethischen Aspekte eines neuen Stammzell-Verfahrens, mit dem unfruchtbare Paare der Erfüllung ihres Kinderwunsches näher kommen und es theoretisch auch gleichgeschlechtlichen Paaren möglich wäre, genetisch eigene Kinder zu zeugen, machen jetzt Giuseppe Testa, Gründer des Dresden Forum on Science & Society am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik, und der Bioethiker Prof. John Harris von der Universität Manchester, Großbritannien, in der internationalen Fachzeitschrift "Science" aufmerksam (Science, 17. September 2004). Gerade weil die Technologie noch nicht in unmittelbarer Reichweite für die Anwendung beim Menschen ist - die bisherigen Versuche erfolgten nur mit Mäusen -, sei jetzt der richtige Moment, ihre bioethischen und rechtlichen Dimensionen auszuloten.



Mit dem neuen Verfahren werden embryonale Stammzellen des einen Partners erzeugt, indem eine Körperzelle in eine geliehene Eizelle gepflanzt und dann dem heranwachsenden Blastozysten die omnipotenten Stammzellen entnommen werden. Diese Stammzellen können die Grundlage einer Eizelle oder eines Spermiums werden - aus der Körperzelle des unfruchtbaren Partners wird also eine funktionierende Keimzelle gezüchtet. Diese kann anschließend im Verfahren der In-vitro-Fertilisation mit dem Erbgut des anderen Partners verschmelzen. Denkt man diese Technik weiter, könnten auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften genetisch eigene Nachkommen haben: Bei einem homosexuellen Paar etwa könnte man aus einer Körperzelle des einen Manns mit Hilfe dieses Verfahrens eine Eizelle herstellen, die dann vom anderen Partner befruchtet wird. Der entstehende Embryo freilich müsste von einer Leihmutter ausgetragen werden.

Harris und Testa rücken bei dieser Technik, mit der Gameten (Geschlechts- oder Keimzellen) aus embryonalen Stammzellen gewonnen werden können, den Fokus speziell auf die ethischen Implikationen. Denn, so die Autoren, bisher sei diese Technik nur im tierischen Modellorganismus, der Maus, durchgeführt worden. Wie bei allen anderen medizinischen Techniken sei auch hier eine vorherige Überprüfung der risikolosen Anwendbarkeit auf den Menschen unumgänglich. Doch, so das Argument von Testa und Harris, jetzt sei der richtige Moment, die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser potentiellen Möglichkeiten im Vorfeld zu erörtern. Die Versprechen, die diese Technik nicht nur für gleichgeschlechtliche, sondern auch für unfruchtbare heterosexuelle Paare in sich birgt, bedeuten eine weitere Demokratisierung der menschlichen Fortpflanzung, stellen zugleich aber auch das gängige Verständnis von Familie, Elternschaft und dem "Natürlichen" auf die Probe. Von Unfruchtbarkeit sind allein in den USA etwa 2,1 Mio. Ehepaare betroffen.

Die Autoren räumen in ihrem Artikel ein, dass "das Natürliche" zwar moralisch neutral sei, doch jeglicher Fortschritt in der Medizin nur dadurch zu Stande gekommen sei, dass der natürliche Lauf der Dinge nicht akzeptiert wurde. Würden wir das Natürliche immer als allein geltende Richtlinie verstehen wollen, so Testa und Harris, müssten wir in der Konsequenz auf jegliche Therapie, ja auf die Medizin im Allgemeinen verzichten.

Originalveröffentlichung: Giuseppe Testa and John Harris, "Ethical Aspects of ES Cell-Derived Gametes", Science, Band 305, S. 1719 (17. September 2004)

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Giuseppe Testa, MD, PhD
BioInnovationsZentrum, TU Dresden, Dresden
Tel.: 0351 46340128 (Büro) und 0351 46340103 (Lab)
Fax: 0351 46340143
E-Mail: testa@mpi-cbg.de

Florian Frisch (Information Officer)
Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik, Dresden
Tel.: 0351 210-2840, Fax: 0351 210-1409
E-Mail: Frisch@mpi-cbg.de

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Eizelle Elternschaft Körperzelle Stammzelle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik