Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Die Mafia als Objekt kriminologischer Forschung - Familienkrise bei den "Ehrenmännern"

03.05.2004


Die Cosa Nostra betrachtete Giovanni Falcone als ihren gefährlichsten Gegner: Mit einem Bombenanschlag ermordete sie den Ermittler. Bei der Explosion des Sprengsatzes an der Autobahn starben auch Falcones Frau, die Richterin Francesca Morvillo, und drei seiner Leibwächter.
Bild: Letizia Paoli, Mafia Brotherhoods


Die Struktur der ´Ndangheta erinnert an das Organigramm einer großen Firma, aber die Hierarchie-Ebenen sind zumeist mit Blutsverwandten besetzt.
Bild: MaxPlanckForschung/Helmut Rohrer


Ein Mythos als Thema der Wissenschaft / Neue Ausgabe der MaxPlanckForschung erschienen


Die Mafia als Objekt kriminologischer Forschung: Letizia Paoli vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht räumt in der neuesten Ausgabe der MaxPlanckForschung (1/2004) mit Mythen über die kriminelle Organisation auf. Diese steckt zwar in der schwersten Strukturkrise seit ihrem Bestehen, dennoch warnt die Wissenschaftlerin vor den bedenklichen Verflechtungen mit der amtierenden italienischen Regierung und einer daraus resultierenden möglichen Konsolidierung.

Die Mafia ist ein junges Forschungsobjekt: Erste Studien in den 1960-er Jahren setzten sich mit der Struktur der Gewaltorganisation auseinander. Doch wegen des Charakters einer Geheimgesellschaft und der Schweigepflicht drangen selten Interna über das Gefüge nach draußen. Doch Letizia Paoli, Spezialistin für organisierte Kriminalität, hat ein Standardwerk über deren spezielle italienische Erscheinungsform veröffentlicht.


Ein genauer Zeitpunkt für die Entstehung der Mafia lässt sich nicht festlegen, doch sind schon Mitte des 19. Jahrhunderts nach Gründung des italienischen Nationalstaats Vorläufer zu finden. Heute gelten als eigentliche, klassische Mafia die sizilianische Cosa Nostra und die kalabresische `Ndrangheta. Laut Letizia Paoli vom Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafecht ruht die Mafia auf drei Säulen: eine komplexe Organisation mit hierarchischem Aufbau, Rituale jeglicher Art und gemeinsame Werte, allen voran "Onore e Omertà" (Ehre und Schweigen). Gerade die beiden letzten Faktoren weisen stark auf den Charakter der italienischen Mafia als exklusive Bruderschaft hin. Ohne Zweifel jedoch befindet sie sich seit einigen Jahren in einer Krise - der schwersten seit den Unterdrückungsmaßnahmen durch die faschistische Regierung. Wirklich besiegt ist sie jedoch nicht.

In den vergangenen 30 Jahren durchlief die Organisation eine "unternehmerische Transformation", wie Paoli es nennt. Der Einstieg in den internationalen Drogenhandel wie auch die Veruntreuung staatlicher Gelder führten zu einem immensen Reichtum. Zu Beginn der 1990-er Jahre war mit dem Geldregen dann Schluss. Rom - den Staatsbankrott vor Augen - unterband den Strom der offensichtlich missbrauchten Investitionen in den Süden, und das Drogengeschäft wurde mittlerweile von kriminellen Banden aus Albanien gesteuert. Verteilungs- und Machtkämpfe innerhalb der "Familien" führten zu den blutigsten Auseinandersetzungen in der Geschichte der Mafia.

Auch ging der Staat, nach enormen Protesten aus der Bevölkerung und unter starkem Druck der Medien, zunehmend mit rechtlichen Mitteln gegen den "Kraken" aus dem Süden vor. Mit dem von der Regierung nach dem Anschlag auf den obersten Mafiaermittler Dalla Chiesa verabschiedeten "La Torre-Gesetz" im Jahr 1982 führte die Justiz nun schon die Mitgliedschaft in der Mafia als Straftatbestand ein. Fast 15000 Personen wurden in den folgenden vier Jahren angeklagt. Nach den spektakulären Morden an den Ermittlern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992 kehrten selbst hochkarätige Bosse nach ihrer Verhaftung der Mafia den Rücken und wurden Kronzeugen.

Dennoch zeigt sich ein Wiedererstarken mafioser Strukturen - speziell im Wahlverhalten Süditaliens wird dies deutlich. Heute wie früher schanzen mafiose Politiker ihrer Klientel Arbeitsplätze und Posten zu - meist unter der Fahne der rechts-konservativen Berlusconi-Partei. Bezeichnenderweise gewann die Regierungskoalition bei den letzten nationalen Wahlen alle 60 Direktmandate auf Sizilien. Berlusconis Politik ermöglicht eine nachhaltige Konsolidierung der Mafia - und verführt zu der Frage, inwieweit beim italienischen Ministerpräsidenten eine Bringschuld im Spiel ist.

Letizia Paoli warnt - gerade wegen ihrer intimen Kenntnis der internen Strukturen - davor, bestimmte Charakteristika der italienischen Mafia auf andere Formen der organisierten Kriminalität zu übertragen: Sie sei ein Spezialfall, ein Produkt aus historischen, kulturellen, sozialen und politischen Konditionen, die es so nirgendwo sonst auf der Welt gibt.

MaxPlanckForschung 1/2004 ist erschienen. Das 76 Seiten umfassende Heft wirft im Fokus dieses Mal "Zeitenblicke" auf Forschungen zum Phänomen Zeit - aus Physik, Biologie und Wissenschaftsgeschichte. Der Essay setzt sich mit den Auswirkungen der Globalisierung auf die Wissenschaften auseinander, einem Besuch beim Planeten Jupiter widmet sich die Rubrik Wissen aus erster Hand ("Besuch beim Herrn der Ringe"), und die Wissenschaftsgeschichte beleuchtet die Entdeckungen in einer Tübinger Schlossküche, die später zur Aufspürung der DNA-Struktur führten. Weitere Beiträge im Heft: "Forschen zwischen Fett und Fritten" (schon 1972 wussten Max-Planck-Forscher, dass Fast Food dick macht) sowie "Über alte Rezepturen zu neuen Arzneien" (evolutionäre Wirkstrukturen als Vorlage für die Entwicklung neuer Medikamente).

MaxPlanckForschung erscheint viermal pro Jahr. Das Wissenschaftsmagazin kann bei der Pressestelle der Max-Planck-Gesellschaft oder über unser Webformular abonniert werden. Der Bezug ist kostenfrei.

Weitere Informationen erhalten Sie von:

Dr. Letizia Paoli
Max-Planck-Institut für ausländisches
und internationales Strafrecht, Freiburg
Tel.: 0761 7081-311, Fax: -294
E-Mail: l.paoli@iuscrim.mpg.de

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht 3, 2, 1, meins: Kaufentscheidungen im Labor erforscht
28.08.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Im Focus: Neutron star merger directly observed for the first time

University of Maryland researchers contribute to historic detection of gravitational waves and light created by event

On August 17, 2017, at 12:41:04 UTC, scientists made the first direct observation of a merger between two neutron stars--the dense, collapsed cores that remain...

Im Focus: Breaking: the first light from two neutron stars merging

Seven new papers describe the first-ever detection of light from a gravitational wave source. The event, caused by two neutron stars colliding and merging together, was dubbed GW170817 because it sent ripples through space-time that reached Earth on 2017 August 17. Around the world, hundreds of excited astronomers mobilized quickly and were able to observe the event using numerous telescopes, providing a wealth of new data.

Previous detections of gravitational waves have all involved the merger of two black holes, a feat that won the 2017 Nobel Prize in Physics earlier this month....

Im Focus: Topologische Isolatoren: Neuer Phasenübergang entdeckt

Physiker des HZB haben an BESSY II Materialien untersucht, die zu den topologischen Isolatoren gehören. Dabei entdeckten sie einen neuen Phasenübergang zwischen zwei unterschiedlichen topologischen Phasen. Eine dieser Phasen ist ferroelektrisch: das bedeutet, dass sich im Material spontan eine elektrische Polarisation ausbildet, die sich durch ein äußeres elektrisches Feld umschalten lässt. Dieses Ergebnis könnte neue Anwendungen wie das Schalten zwischen unterschiedlichen Leitfähigkeiten ermöglichen.

Topologische Isolatoren zeichnen sich dadurch aus, dass sie an ihren Oberflächen Strom sehr gut leiten, während sie im Innern Isolatoren sind. Zu dieser neuen...

Im Focus: Smarte Sensoren für effiziente Prozesse

Materialfehler im Endprodukt können in vielen Industriebereichen zu frühzeitigem Versagen führen und den sicheren Gebrauch der Erzeugnisse massiv beeinträchtigen. Eine Schlüsselrolle im Rahmen der Qualitätssicherung kommt daher intelligenten, zerstörungsfreien Sensorsystemen zu, die es erlauben, Bauteile schnell und kostengünstig zu prüfen, ohne das Material selbst zu beschädigen oder die Oberfläche zu verändern. Experten des Fraunhofer IZFP in Saarbrücken präsentieren vom 7. bis 10. November 2017 auf der Blechexpo in Stuttgart zwei Exponate, die eine schnelle, zuverlässige und automatisierte Materialcharakterisierung und Fehlerbestimmung ermöglichen (Halle 5, Stand 5306).

Bei Verwendung zeitaufwändiger zerstörender Prüfverfahren zieht die Qualitätsprüfung durch die Beschädigung oder Zerstörung der Produkte enorme Kosten nach...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Dezember 2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Intelligente Messmethoden für die Bauwerkssicherheit: Fachtagung „Messen im Bauwesen“ am 14.11.2017

17.10.2017 | Veranstaltungen

Meeresbiologe Mark E. Hay zu Gast bei den "Noblen Gesprächen" am Beutenberg Campus in Jena

16.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

17.10.2017 | Informationstechnologie

Pflanzen gegen Staunässe schützen

17.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Trends der Umweltbranche auf der Spur

17.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz