Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bescheidenheit ist nicht gefragt. Wie sich Bewerber in Vorstellungsgesprächen präsentieren sollen

09.05.2001


Auf dem Weg zu einem (neuen) Job ist das Vorstellungsgespräch meistdie letzte Hürde. Fachliche Qualifikationen spielen hier nur noch eineuntergeordnete Rolle, entscheidend ist das Auftreten des Bewerbers bzw.der Bewerberin vor dem potentiellen Arbeitgeber. Das Wissen um dieBedeutung des Vorstellungsgesprächs ruft bei den meisten Bewerbern Gefühlevon Unsicherheit, Anspannung und Unruhe hervor. Professionelle Ratgeberempfehlen, sich diese Gefühle nicht anmerken zu lassen, da vom Bewerberein selbstbewusstes Auftreten und eine aktive Gesprächsteilnahme erwartetwürden. In einer Studie an der Freien Universität hat die PsychologinMonika Sieverding (Gastprofessorin am Institut für Arbeits-,Organisations- und Gesundheitspsychologie) nun untersucht, inwiefern einesouveräne Selbstdarstellung im Vorstellungsgespräch tatsächlich denErfolg einer Bewerbung beeinflusst.

Zu diesem Zweck wurde im Labor eine Bewerbungssituation simuliert, in der 37 Frauen und eben so viele Männer einen schriftlichen Leistungstest, einen Vortrag zur Selbstdarstellung der beruflichen Situation sowie ein standardisiertes Bewerbungsinterview absolvierten. Beim Vortrag zur beruflichen Selbstdarstellung hatten die Testpersonen die Aufgabe, in freier Rede die eigene Qualifikation für die von ihnen angestrebte Stelle darzustellen. Dazu wurde ihnen fünf Minuten Zeit eingeräumt. Im Bewerbungsinterview wurden dann zehn typische Fragen (z.B. "Was qualifiziert sie eigentlich für diese Stelle?", "Wozu sind Sie sich zu schade?") per Tonband eingespielt. Bei den Interviewten handelte es sich um aktuelle oder ehemalige Studierende der FU, für die eine berufliche Bewerbung in unmittelbarer oder absehbarer Zeit anstand.

Anhand einer Videoaufzeichnung wurde zum einen die Dauer des Vortrags zur beruflichen Selbstdarstellung sekundengenau ermittelt. Zum anderen wurde die Expressivität des Gesichts bei der Beantwortung der Frage "Welche Schwächen haben Sie?" von einer Psychologin und einer Ärztin beurteilt. Abschließend wurde jede Testperson auf einer 10-stufigen Skala danach eingeschätzt, wie erfolgreich er oder sie auf die Bewertungskommission wirkte.

Das Ergebnis der Studie: Nur jede vierte Testperson nutzte die vorgegebene Zeit voll aus. Das Spektrum reichte von 50 bis 300 Sekunden, die durchschnittliche Rededauer betrug 3 min, 16 sek. Je länger ein "Bewerber" über sich selbst gesprochen hatte und je weniger Emotionen in seinem Gesicht abzulesen gewesen waren, umso erfolgreicher wurde er oder sie anschließend im Bewerbungsinterview beurteilt. Dabei ist zu bedenken, dass die Bewertungskommission lediglich einen Ausschnitt aus dem Bewerbungsinterview und nicht die Selbstdarstellung beurteilte, d.h. sie wusste nicht, wie lange sich die Bewerber in der vorhergehenden Aufgabenphase vorgestellt hatten.

Die Studie bestätigt also die Hypothese, wonach im Bewerbungsgespräch vorgeführte Selbstsicherheit mit entscheidend für den Erfolg einer Bewerbung ist. Ein Gradmesser für Selbstsicherheit ist offenbar die Sprechzeit des Bewerbers bzw. der Bewerberin bei der Selbstdarstellung. Unabhängig von den Inhalten beeinflusst sie das Urteil über sie oder ihn.

Signifikante Unterschiede zeigten sich übrigens in der Rededauer von Frauen und Männern. Männer redeten im Durchschnitt eine Minute länger als Frauen, nämlich 3 min, 42 sek, während Frauen nur 2 min, 50 sek, über ihre beruflichen Qualifikationen sprachen. Zurückzuführen ist dies laut Sieverding darauf, dass Frauen häufiger als Männer ihre Kompetenzen unterschätzen und das "Anpreisen" eigener Fähigkeiten als unangenehm, zum Teil sogar als "unwürdig" empfinden.

Diese Potentialunterschätzung und Bescheidenheit am falschen Platz trügen - neben den bekannten gesellschaftlichen Barrieren - möglicherweise dazu bei, dass Frauen seltener Karriere machten als Männer. Für eine erfolgreiche Karriere seien neben Engagement und fachlichen Qualitäten Persönlichkeitseigenschaften wie Selbstsicherheit und Durchsetzungsvermögen erforderlich. "Je mehr einer Frau solche Eigenschaften im beruflichen Selbstkonzept fehlen und je mehr sie diese Eigenschaften ablehnt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie Karriere machen wird", so Sieverding.

Die Ergebnisse der Studie stützen die Funktionalität von professionellen Bewerbungstrainings, in denen Bewerbungskandidaten lernen, sich gut zu verkaufen und sich möglichst gut durchzusetzen. Ob Personen, die im Bewerbungsgespräch selbstbewusst auftreten und den Eindruck eines "Weicheis" vermeiden, dann tatsächlich kompetenter und erfolgreicher sind als Personen, die über weniger Selbstsicherheit verfügen, steht auf einem anderen Blatt. Erste Untersuchungen scheinen eher darauf hinzuweisen, dass ein selbstbewusstes Auftreten im Bewerbungsgespräch wenig über die tatsächlichen beruflichen Kompetenzen eines Mitarbeiters bzw. einer Mitarbeiterin aussagt.

Thorsten Lichtblau


Literatur:


Sieverding, Monika: "Alle wahren Gefühle verbergen und mit fester Stimme und wohlformulierten Sätzen glänzen!" - Die Bedeutung von Selbstdarstellungsregeln im Bewerbungsinterview, in: Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 44. Jg., Heft 3, 2000, 152-156

Weitere Informationen erteilt Ihnen gerne:
PD Dr. Monika Sieverding, Gastprofessorin am Institut für Arbeits-, Organisations- und Gesundheitspsychologie der Freien Universität Berlin, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin, Tel.: 030 / 838 55094, Fax: 030 / 838 54122, E-Mail: mosiever@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Deutschland wächst – aber nicht überall
24.04.2018 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

nachricht Daseinsvorsorge in Stadt und Land sichern
08.11.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics