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Die Wirkung von Massenmedien auf Selbstmordraten

30.04.2003


Reale oder fiktive Selbstmordfälle in den Medien lösen keinen Nachahmungseffekt, den sogenannten Werther-Effekt, bei den Rezipienten aus.


Bedenklicher sind hingegen medial vermittelte Darstellungen von Selbstmordmethoden sowie solche vermittelten Normen und Werte einer Gesellschaft, die langfristig Einfluß auf die Suizidrate haben können. Zu diesem Ergebnis gelangte Professor Dr.Christa Lindner-Braun von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.

Der Werther-Effekt wurde zum ersten Mal nach der Veröffentlichung Goethes "Die Leiden des jungen Werther" beobachtet, als viele Leser ihrem literarischen Vorbild in den Tod folgten. Bisherige internationale Studien, die diesen Effekt bestätigen, weisen der Kölner Sozialwissenschaftlerin zufolge sowohl Mängel in der Methodik als auch in der Interpretation auf. Besonders problematisch ist der in den meisten Untersuchungen behauptete kausale Nachweis für echte Nachahmungseffekte. Darüber hinaus können sie in ihren Ergebnissen auch nur schwache Effekte der Medien auf die Selbstmordrate vorweisen. Nach Auffassung der Forscherin kann die eigentliche Suizidneigung als notwendige Bedingung zum Selbstmord nicht durch einmalige Fernseherlebnisse nachhaltig beeinflußt werden. Vielmehr entsteht sie in einem längerfristigen Prozeß im Laufe des Lebens. Diese Interpretation kann sowohl die relativ schwachen Effekte der bisherigen Studien wie auch die Ergebnisse zur Wirkung von medial gezeigten Suizidmethoden erklären.


Für die Entstehung einer Neigung zur Selbsttötung zählt die Art und Weise, wie eine Person mit Erfolgen und Mißerfolgen konfrontiert wurde und umgegangen ist. Die Einstellung zur eigenen Leistung spielt hierbei eine gewichtige Rolle. Gilt für eine Person der eigene Erfolg eher als Zufall oder Glück, und Mißerfolg als Beweis für die eigene Unfähigkeit, so entwickelt sich langfristig eine pessimistische Lebenseinstellung und die Person verbaut sich auf lange Sicht den Zugang zum Glücklichsein. Die Folge einer solchen systematischen Demontage des Selbstwertgefühls begünstigt ein Meidungsverhalten, dass schliesslich viele Handlungsalternativen ausschließt. In bestimmten sozialen Umgebungen und Situationen ist damit Ausweglosigkeit vorprogrammiert.

Weitere Einflußfaktoren auf die Selbstmordneigung in verschiedenen Ländern sind die medial vermittelten Werte und Normen einer Gesellschaft. Es bringen sich mehr Menschen in Kulturen um, in denen nicht das Schicksal, sondern die eigene Leistung für die Geschicke des Lebens verantwortlich gemacht wird. Dies ist besonders in hochentwickelten Gesellschaften westlichen Typs der Fall. Besonders wirkungsvoll kann das mediale Zeigen von geeigneten und attraktiven Methoden des Selbstmordes sein. Suizidgefährdete können durch diese Information stimuliert werden, letzte existierende Barrieren für die Tatausübung zu überwinden. Dies um so mehr als die Beobachtung von dieser Handlung in der realen Umwelt in der Regel nicht möglich ist.

Nach Meinung der Forscherin sind die Medien dem Wirkpotential der direkten Kommunikation überwiegend unterlegen. Reize werden nur indirekt durch ein dazwischen geschaltetes Medium, wie z. B. durch den Fernseher, empfangen und selektiv interpretiert. Somit bleibt das Wirkpotential der Medien begrenzt. Hingegen erhöht sich ihr Wirkpotential durch die unbegrenzte Themenvielfalt und sogenannte Mehrheitsmeinungseffekte. In Medien propagierte Meinungen suggerieren eine Unterstützung durch viele und werden somit für die Rezipienten attraktiv. In der Öffentlichkeit hat eine Sensibilisierung für die Wirkkraft der Medien gerade erst begonnen. Dies zeigen einzelne Vereinbarungen mit Nachrichtensendern, über Eisenbahnsuizide nur noch eingeschränkt Bericht zu erstatten. In anderen Bereichen wie z.B. in Soap-Sendungen, bei denen vermehrt Suizide und Selbstmordversuche thematisiert werden, ist eine ähnliche Zurückhaltung bislang nicht zu registrieren.

Rückfragen an:

Professor Dr. Christa Lindner-Braun
Telefon: 0221 - 470-3952
Fax 0221 - 470-2974
Email: lindner@uni-koeln.de

Dr. Wolfgang Mathias | Universität Köln
Weitere Informationen:
http://www.uni-koeln.de/pi

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