Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Fremdenfeindlichkeit in Schulklassen mit vielen Ausländern niedriger als in rein deutschen Klassen

21.09.2000


Fremdenfeindlichkeit in Schulklassen mit vielen Ausländern niedriger als in rein deutschen Klassen

Je höher der Ausländeranteil in einer Schulklasse - so glaubte man jahrzehntelang - desto anfälliger sei die Klasse für fremdenfeindliche Konflikte. Eine neue Studie der Universität Bielefeld unter Leitung von Prof. Dr. Rainer Dollase an 7800 Schülern und Schülerinnen (sowie 3200 Eltern und rund 400 Lehrkräften) aller Schulformen der Klassen 5 bis 10 kommt überraschenderweise zum gegenteiligen Ergebnis: Fremdenfeindlichkeit ist in Schulklassen mit keinen bzw. wenigen Ausländern höher als in Klassen mit erheblichen Ausländeranteilen. Höhere Ausländeranteile führen zu weniger negativ getönten Vorurteilen, zu prozentual höheren Freundschaften zwischen Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher Abstammung, zu mehr Zufriedenheit mit der Klasse bei Eltern, Lehrkräften und Schülern.

Starke emotionale Ablehnung von Ausländern bei rund 14%
In Hauptschulen, in denen die weitaus meisten Ausländer zu finden sind, liegt der Anteil fremdenfeindlicher Ablehnung in rein deutschen bzw. fast rein deutschen Schulklassen (Ausländeranteil 0 -9%) bei 34% - in Klassen mit höherem Ausländeranteil (bis zu über 80%) - dagegen zwischen 16 und 19%. Er liegt also etwa um die Hälfte (47% bis 55%) niedriger. Nimmt man alle Schüler zusammen, so liegt der Anteil fremdenfeindlicher Kinder und Jugendlicher bei rund 14%.

Ausländer unterschiedlicher Herkunft werden dabei unterschiedlich akzeptiert - die Feindlichkeit gegenüber Aussiedlern etwa ist etwas geringer als z.B. die gegenüber Asylbewerbern oder Türken. Andererseits überwiegt die positive Akzeptanz der Ausländer ihre Ablehnung: der Anteil von Schülern und Schülerinnen, die Ausländer positiv akzeptieren liegt um ein Drittel höher als die Zahl der fremdenfeindlichen Schüler.

Mädchen beurteilen Ausländer positiver als Jungen und lehnen sie seltener ab. Allerdings nähern sich Jungen und Mädchen mit zunehmendem Alter in ihren Einschätzungen an. Allgemein steigt die Fremdenfeindlichkeit mit zunehmendem Alter. In Gymnasien ist die Fremdenfeindlichkeit geringer als in den anderen Schulformen.

Die Ursachen - Kontakt mindert Vorurteile


Im intensiven Kontakt von Mensch zu Mensch verlieren sich Vorurteile. Schüler und Schülerinnen lernen sich als Einzelmenschen kennen und nicht als Vertreter von unterschiedlichen Nationen oder Ethnien. Das führt zum Abbau von Vorurteilen und zur Bildung von persönlichen Beziehungen wie mit Menschen der eigenen Nation.

Abbau von Fremdenfeindlichkeit nicht zum Nulltarif
Die positiven Ergebnisse sind allerdings nicht zum Nulltarif zu haben. Wie in der Studie belegt wird, beruhen die positiven Ergebnisse auf Anstrengungen der Lehrerschaft in multikulturellen Schulklassen: konsequente Gleichbehandlung, Gerechtigkeit, Schaffung eines Sozialklimas, in dem jeder Schüler als Einzelwesen ernst genommen wird. Beim gemeinsamen Arbeiten für ein gemeinsames Ziel senkt sich die Fremdenfeindlichkeit. Skeptisch sind Betonungen der kulturellen Unterschiede, z.B. auch der interkulturellen Projektwochen, zu beurteilen, da sie das Trennenden und nicht das Gemeinsame betonen

Zufriedene Schüler weniger fremdenfeindlich
Zufriedene Schüler neigen zu weniger Fremdenfeindlichkeit. Bei Hauptschülern tragen insbesondere "nette" Lehrkräfte und ein "spannender Unterricht" zum Abbau der Fremdenfeindlichkeit bei. Bei Gymnasiasten ist es eher der ruhige, disziplinierte Unterricht , dem man "gut folgen" kann. Bei allen Schülern gilt: Zufriedenheit mit den Eltern, mit der Klassenkameraden, mit der eigenen Religion senkt die Fremdenfeindlichkeit.

Konsequenzen


Die zur Zeit größte Studie zum Thema Fremdenfeindlichkeit in Schulen macht nach Meinung von Rainer Dollase eine Veränderung der "interkulturellen Pädagogik" nötig, die bisher zu stark die Förderung der kulturellen Identität betont hat und damit die Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Schülern hervorhebt.. Die gegenwärtige Generation ausländischer Kinder und Jugendlicher sei den deutschen viel ähnlicher als man angenommen habe. Für die Kompetenzen der Lehrkräfte in multikulturellen Schulklassen seien keine neuen Erlasse notwendig, sondern eine sorgfältige Personalpolitik, die darauf achte, Lehrkräfte mit besonderem psychologischem Geschick, mit pädagogischem Takt und Sensibilität in multikulturellen Klassen einzusetzen. Diese Fähigkeiten ließen sich nicht durch eine formale Prüfung sondern nur durch Erfahrung und Beratung erwerben.

Kontakt: Prof. Dr. Rainer Dollase, Abteilung Psychologie und Interdisziplinäres Zentrum für Konflikt- und Gewaltforschung der Universiät Bielefeld, Telefon 05204/880622, 0172/5667640.
(Der Text ist abrufbar im Internet unter http://www.uni-bielefeld.de/presse/pm/pm106_00.htm)

Dr. Gerhard Trott | idw

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Im Focus: Forscher entschlüsseln erstmals intaktes Virus atomgenau mit Röntgenlaser

Bahnbrechende Untersuchungsmethode beschleunigt Proteinanalyse um ein Vielfaches

Ein internationales Forscherteam hat erstmals mit einem Röntgenlaser die atomgenaue Struktur eines intakten Viruspartikels entschlüsselt. Die verwendete...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

Forschung zu Stressbewältigung wird diskutiert

21.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Individualisierte Faserkomponenten für den Weltmarkt

22.06.2017 | Physik Astronomie

Evolutionsbiologie: Wie die Zellen zu ihren Kraftwerken kamen

22.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Spinflüssigkeiten – zurück zu den Anfängen

22.06.2017 | Physik Astronomie