Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geschwisterneid trotz gerechter Eltern

14.10.2002


Fast alle Kinder fühlen sich im Vergleich zu ihren Geschwistern benachteiligt


Die meisten Eltern behaupten dagegen, dass ihnen ihre Kinder gleich lieb und teuer sind. Psychologen um Dr. Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zeigen nun, dass beide Parteien Recht haben könnten. Paradoxerweise führt sogar gerade die gerechte Aufteilung von Zeit und Geld auf die Kinder zu einem Nachteil für die mittleren Geschwister. Ihr theoretisches Modell, das auf einer einfachen Berechnung basiert, deckt sich mit Daten aus zahlreichen empirischen Studien aus aller Welt:

Geschwisterneid ist so alt wie die Menschheit. Und vermutlich hat dieser Neid Wurzeln in unserer Biologie. Rein biologisch nämlich, also durch die Brille des "egoistischen Gens" gesehen, ist sich jedes Kind selbst am nächsten und versucht daher, das größte Stück vom Kuchen zu ergattern. Den Eltern dagegen stehen ihre leiblichen Kinder genetisch alle gleich nah und deshalb könnten sie die Tendenz haben - wenn es nicht an Nahrung oder sonstigen Ressourcen mangelt - aus purer "genetischer Berechnung" alles gleichmäßig unter ihren Nachkommen aufzuteilen. In Wirklichkeit waren die Rollen und Chancen der Kinder je nach ihrem Geschlecht und Rang in der Geburtenfolge schon immer sehr verschieden, in vielen Kulturen wurden die ältesten Söhne vor allen anderen ausgezeichnet. Doch in modernen Gesellschaften scheint sich der Trend unter Eltern durchzusetzen, die Kinder "gleich" zu behandeln. Eine einfache Überlegung zeigt nun aber, dass selbst bei mathematisch exakter Teilung von Zeit, Geld und allen anderen Ressourcen die mittleren Kinder insgesamt benachteiligt bleiben.


Die Psychologen Dr. Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, Prof. Frank J. Sulloway von der University of California und Dr. Jennifer N. Davis von der Humboldt-Universität in Berlin stellten zunächst ein schlichtes Modell auf, welches sie als Gleichverteilungsheuristik bezeichnen. Sie nahmen an, dass Eltern zu jedem Zeitpunkt ihre Ressourcen wie Nahrung, Geld, Zeit etc. vollkommen gerecht auf die vorhandenen N Kinder verteilen. Alle X Jahre bekommen sie ein weiteres Kind und N erhöht sich auf N+1. Im Lauf der Jahre summieren sich die Zuwendungen, die die Kinder erhalten, doch je nach ihrem Rang in der Geburtenreihenfolge ihr "Kontostand" verschieden hoch angewachsen: Denn die Erstgeborenen müssen die ersten X Jahre nicht teilen und die darauf folgenden X Jahre zunächst nur mit einem einzigen Geschwister. Günstig wird die Bilanz auch für die allerjüngsten Kinder, aber erst am Ende ihrer Jugendzeit: Da die älteren Geschwister mit der Zeit selbständig werden, können dann auch die Nesthäkchen von den ungeteilten Ressourcen profitieren. Rein rechnerisch ergibt sich ein Nachteil für die mittleren Kinder, der umso größer ist, je mehr Geschwister vorhanden sind und je geringer der Geburtenabstand ausfiel.

Dass gerade die mittleren Geschwister sich oft benachteiligt fühlen, war aus verschiedenen Studien bekannt, wurde aber bisher im Rahmen wesentlich komplexerer Familienmodelle interpretiert. Hertwig und seine Kollegen haben nun neun vorhandene Studien über Geschwister und ihre unterschiedlichen Lebenschancen neu ausgewertet und gezeigt, dass ihr einfaches Modell durchaus einen brauchbaren Erklärungsansatz bietet.
So belegen Studien, dass jüngere Geschwister häufiger eine lückenhafte Impfgeschichte aufweisen als die ältesten Geschwister, die sich noch der ungeteilten Sorge der Eltern erfreuen konnten. In kinderreichen Familien auf den Philippinen stellten Wissenschaftler fest, dass die mittleren und jüngeren Kinder im Schnitt eine geringere Körpergröße erreichten - ein Hinweis auf unzureichende Ernährung in ihren ersten Lebensjahren, in denen sie schon mit mehreren Geschwistern teilen mussten. Auf einen späten Vorteil für die jüngsten Geschwister weisen Studien aus den USA hin: Eltern finanzieren ihren jüngsten Kindern mit höherer Wahrscheinlichkeit eine lange und kostspielige Ausbildung, weil die älteren Geschwister dann schon finanziell unabhängig geworden sind: Oft allerdings gezwungenermaßen und relativ zügig, um ihren Eltern nicht mehr auf der Tasche zu liegen.

Die Gleichverteilungsheuristik zeigt, dass Gerechtigkeit kein einfaches Unterfangen ist: Gerade die gleiche Aufteilung von Ressourcen führt ja eben nicht zu gleichen Chancen. Aber kluge Eltern haben das wohl auch schon irgendwie geahnt und sich nicht sklavisch auf eine solche Heuristik verlassen. Jetzt haben sie auch eine wissenschaftliche Begründung dafür, warum es manchmal fairer ist, nicht gerecht zu sein.

Dr. Antonia Rötger | idw

Weitere Berichte zu: Geschwister Geschwisterneid Nachteil Nahrung Ressource

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um
26.05.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Deutschland altert unterschiedlich
22.05.2017 | Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten