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Medien nicht für Gewalttaten verantwortlich

04.09.2002


Wahrnehmung derselben Szenen individuell verschieden


Weniger Gewalt in den Medien hat keinen Einfluss auf individuelle Gewalttaten und Amokläufe. "Wenn man ein paar Videospiele verbietet, sei die Welt wieder in Ordnung – diese Annahme ist falsch", bringt Werner Frueh, Professor an der Universität Leipzig, das Ergebnis seiner aktuellen Studie "Gewaltpotenziale des Fernsehangebots. Programmangebot und gruppenspezifische Interpretation" auf den Punkt. Demnach wird Gewalt von verschiedenen Gruppen unterschiedlich als solche wahrgenommen, ist also in ihrer Intensität ein Produkt individueller Wahrnehmung.

"Verschiedene Personen nehmen in denselben Gewaltszenen sehr unterschiedlich viel Gewalt wahr und reagieren auch affektiv sehr verschieden auf Gewaltszenen im Fernsehen", erklärt Frueh. Gewalt in Medienangeboten entsteht also erst durch die individuelle Interpretation der Rezipienten. Dabei ist zur Wahrnehmung von Gewalt festzustellen, dass das Bildungsniveau "praktisch keine Rolle spielt". Frauen nehmen mehr und eher Gewalt wahr als Männer, Jüngere weniger als Ältere. Zwischen den Altersgruppen "16 bis 21 Jahre" und "51 und älter" liegt demnach die Differenz der Gewaltwahrnehmung bei über 40 Prozent.


Frueh schließt daraus, dass spektakuläre Einzelfälle wie der Amoklauf von Erfurt sich nicht im "luftleeren Raum" ereignen. Auch andere konsumieren mittels Video, Fernsehen, Computerspiele etc. Gewalt ohne zwangsläufig Gewalttaten zu verüben. "Eine einzige TV-Sendung macht noch keinen normal sozialisierten Menschen zum Mörder", so Frueh. Wie diverse andere Studien belegen, wird die Haltung zu Gewalt vor allem vom Erziehungsstil der Eltern sowie vom sozialen Umfeld geprägt. Medien sind als Einflussfaktoren nachrangig.

Im Rahmen der Analyse wurden 1.437 verschiedenartige Gewaltszenen von einem Publikum zielgruppenspezifisch beurteilt. Die Kriterien der Einschätzung richteten sich auf Gewalthaltigkeit, Angsterregung, Mitgefühl, Faszination sowie intellektuellen Nutzen. Insgesamt flossen in die Wahrnehmungsstudie über 30.000 Urteile von 921 Personen ein. In einem zweiten Schritt erfolgte eine Inhaltsanalyse, in der eine Medienstichprobe aus fünf verschiedenen TV-Programmen nach dem selben System bewertet wurden. Schließlich wurden die beiden Ergebnisse verknüpft. Die Studie ist im Westdeutschen Verlag (Wiesbaden) erschienen.

Erwin Schotzger | pte.online
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

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