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Rolle des "neuen" Vaters auf dem Prüfstand

27.03.2008
Die traditionellen Rollenverteilungen in den Familien haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Die Väter möchten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und sich den neuen Anforderungen der Gesellschaft stellen.

Die Erziehungswissenschaftlerin Jeannette Abel, Absolventin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, hat sich mit diesem Thema in ihrer preisgekrönten Diplomarbeit beschäftigt. Dabei hat sie herausgefunden, dass zunehmend mehr Männer den neuen Maßstäben gerecht werden.

Der in den letzten Jahrzehnten in Deutschland einsetzende soziale Wandel im familiären Bereich betrifft insbesondere die Mutter- und Vaterrollen. Die traditionelle Familie mit ihrer klaren Rollenverteilung wird seitdem in Deutschland, wie auch in vielen anderen industrialisierten Ländern, von vielfältigen neuen Partnerschafts- und Familienformen abgelöst. Gerade die jüngeren Väter wollen ihre Familie nicht mehr nur finanziell versorgen, sondern auch mitverantwortlich für die alltägliche Betreuung und Erziehung sein und so eine enge, emotionale Beziehung zu ihren Kindern aufbauen.

Heute lassen sich viele Väter zwischen 25 und 40 Jahren in der Gestaltung ihrer Vaterschaft vom Rollenbild des "neuen" Vaters beeinflussen. Um herauszufinden, wie Väter mit der neuen Rollenvorstellung umgehen, hat die 30-jährige Erziehungswissenschaftlerin Jeannette Abel im Zuge ihrer Diplomarbeit "Die Wahrnehmung des neuen Vaterbildes bei jungen Vätern - eine qualitative Studie" eine empirische Untersuchung durchgeführt. "Bei meiner Themensuche habe ich festgestellt, dass es gerade in den neuen Bundesländern keine qualitativen Untersuchungen über das neue Vaterbild gibt. Und trotzdem war es in aller Munde." Für sie sei es doppelt spannend gewesen, da sie mit ihrem Mann selbst zwei Kinder hat.

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Mittels qualitativer Interviews stellte sie heraus, dass Väter eine alltäglichere und auch intensivere Beziehung zu ihren Kindern haben, als dies bei ihren eigenen Vätern der Fall war. Sie befragte elf Väter, die zwischen 27 und 37 Jahre alt waren. Diese gewann sie durch Anzeigen in Zeitungen, Aushänge in diversen Einrichtungen und persönliche Kontakte im weiteren Bekanntenkreis. Alle Befragten möchten ein partnerschaftliches Verhältnis zu ihren Kindern aufbauen. Es gab keinen Vater, der seine Vaterschaft traditionell gestaltet, im Sinne des reinen materiellen Versorgens der Familie.

Bei der Umsetzung des "neuen" Vaterbildes gibt es deutliche Unterschiede dahingehend, wie stark die Gestaltung der Vaterschaft den neuen Rollenerwartungen tatsächlich entspricht. Die oberflächlich-engagierten Väter haben das geringste Bedürfnis danach, viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Sie haben keinen ausgeprägten emotionalen Zugang zu ihrem Kind, was ihren traditionellen Männlichkeitsvorstellungen geschuldet ist. Die unsicher-ambivalenten Väter lassen sich deutlich mehr auf ihre Vaterschaft ein, sprechen aber zum großen Teil den Müttern die Hauptrolle zu. Ihre Handlungen widersprechen ihren Auffassungen zur Vaterrolle und zu den Geschlechterrollen. Die aktiv-involvierten Väter lassen sich am stärksten als "neuer" Vater identifizieren. Bei ihnen existieren nahezu keinerlei Auffassungen über eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung. Sie versuchen aktiv Möglichkeiten zu schaffen, um sich für ihre Kinder zu engagieren. Sie sind die Einzigen, die ihr Berufsleben nicht vor ihre Kinder stellen und eine Beziehung zum Kind haben, die der Mutter-Kind-Beziehung entspricht. Während andere Väter oft erst auf Drängen der Mütter kindbezogenen Aktivitäten nachgehen, werden Väter dieses Typs von sich aus aktiv für ihr Kind, beispielsweise indem sie es ins Bett bringen.

Jeannette Abel hat herausgefunden, dass die Umsetzung der gesellschaftlichen Rollenerwartungen vor allem durch die jeweiligen biographischen Erfahrungen, die Erwartungen der Partnerin und Mutter des Kindes sowie die aktuellen Lebensbedingungen, und hier vor allem die Berufstätigkeit des Vaters, die Vaterschaftsvorstellungen und damit die Gestaltung der Vaterschaft beeinflussen.

"Der Umstand, dass die Mehrheit der im Rahmen dieser Arbeit interviewten Väter den aktiv involvierten und damit den neuen Vätern zugeordnet werden können, ist beachtlich. Die Ergebnisse dieser Arbeit zeugen davon, dass die Ansprüche an eine aktive Vaterschaftsgestaltung mittlerweile fest in unserer Gesellschaft verankert sind", so Abel. Eine rein traditionelle Vaterschaft zu praktizieren, sei unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr möglich.

"Väter, die zu Beginn ihrer Vaterschaft Schwierigkeiten damit hatten, einen Zugang zum Kind zu finden und sich auf ihre Vaterrolle einzulassen, wurden, sofern sie die Möglichkeit zu einem ausgeprägteren Vater-Kind-Kontakt hatten, durch die Erfahrungen mit ihrem Kind oftmals zu engagierten Vätern", sagt Abel. Über die Zuwendung zum Kind könne bei Männern der Wunsch zur Intensivierung des Kontaktes und damit zusammenhängend die Abkehr von alten Prioritäten und Rollenbildern entstehen. Daher müssten zukünftig bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit Väter mehr Gelegenheiten zum Zusammensein mit ihren Kindern haben können, wie die Chance auf Teilzeitarbeit. "In Zukunft muss noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit in der Gesellschaft das Bewusstsein dafür stärker wird, dass Väter für die Entwicklung kleiner Kinder ebenso wichtig sind wie Mütter."

Das Elterngeld sei ein Anfang. "Aber es weist zwei große Nachteile auf." Zum einen würden eigentlich nur die besser Verdienenden davon profitieren und zum anderen seien die für die Väter vom Gesetz auferlegten zwei Monate nicht ausreichend. "In meiner Untersuchung habe ich festgestellt, dass die Väter gerade am Anfang überfordert sind. Und daher ist eine Zeit von nur zwei Monaten meines Erachtens nach nicht ausreichend." Zudem kritisiert sie, dass eine Verlängerung der Elternzeit ohne finanzielle Unterstützung nicht möglich ist.

"Frau Abel hat zwei wichtige Punkte festgestellt. Zum einen setzen sich Väter aus allen sozialen Schichten mit dem neuen Vaterbild auseinander. Zum anderen ist es für viele Väter eine nahezu unüberwindbare Hürde, ihre Vorstellungen aufgrund von Zeitmangel zu realisieren", erklärt Ursula Rabe-Kleberg, Professorin der Erziehungswissenschaften und Erstgutachterin der Diplomarbeit.

Für ihre herausragende Diplomarbeit erhielt Jeanette Abel im Januar 2008 den Forschungsförderpreis der Philosophischen Fakultät III. Ebenfalls seit Januar arbeitet sie bei einer Initiative für Kinder psychisch kranker Eltern im Trägerwerk für soziale Dienste in Halle mit.

Text: Nicole Kirbach

Ansprechpartnerin:
Jeannette Abel
Trägerwerk Soziale Dienste in Sachsen-Anhalt e.V.
Tel.: 0345 678 37 67 oder 0179 8969544
E-Mail: jabel@twsd-sa.de

Carsten Heckmann | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-halle.de

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