Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Jede dritte Schülerin leidet an Essproblemen

06.06.2002


Das Team um Prof. Dr. Bernhard Strauß (Foto) hat untersucht, welche Frühsymptome auf spätere Essstörungen deuten. (Foto: Fotozentrum FSU)


Medizinische Psychologen der Universität Jena legen Studie zur Bulimie vor


Jede dritte Schülerin in Deutschland leidet an Frühformen von Essstörungen. Dies ist das aufrüttelnde Ergebnis einer jetzt vorgelegten Studie des Instituts für Medizinische Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 736 Personen im Alter von 12 bis 32 Jahren aus Ost- und Westdeutschland wurden daraufhin untersucht, ob bei ihnen Frühsymptome einer Essstörung vorliegen. Dazu zählen die Magersucht (Anorexie) oder die Ess-Brechsucht (Bulimie). Im Ergebnis der Jenaer Studie weisen 29 % der Frauen und 13 % der Männer solche Anzeichen auf. Besonders alarmierend sind die Ergebnisse bei den Schülerinnen: 35 % der Befragten zeigen Vorformen der Erkrankungen, bei 14 % besteht sogar ein sehr hohes Risiko, eine Essstörung zu entwickeln.

Essstörungen nehmen seit 20 Jahren beständig zu. Nach Schätzungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung litten im Jahr 2000 in Deutschland mehr als 100.000 Frauen zwischen 15 und 35 Jahren an der Magersucht, rund 600.000 Frauen sind von der Ess-Brechsucht betroffen. Zunehmend erkranken auch Männer an diesen - bisher als Frauenkrankheiten bezeichneten - psychosomatischen Störungen.


Da weder die Ursachen noch die Risikofaktoren aufgeklärt sind, die zu den Essstörungen führen, hat das Jenaer Team um Prof. Dr. Bernhard Strauß die Vorformen und Frühsymptome untersucht. Diese subklinischen Essstörungen waren bisher nur wenig erforscht, sind aber auf jeden Fall gekennzeichnet durch ein gestörtes Essverhalten, die ausgeprägte Sorge um das Gewicht und die Figur. "Außerdem besteht die deutliche Tendenz, das Gewicht kleinlich zu regulieren", sagt Strauß. "Erreicht wird dies beispielsweise durch chronisches Diäthalten, Fastentage, Erbrechen, Fressanfälle, exzessives Sporttreiben oder die Einnahme von Medikamenten zum Abnehmen wie Appetitzüglern, Abführ- oder Entwässerungsmitteln", weist der Psychologe auf deutliche Anzeichen.

Für die Studie sind neben 369 Gymnasiasten der Jahrgangsstufen 9 bis 11 aus Jena und Göttingen auch 367 Studierende verschiedener Fachrichtungen der Universität Jena und der Fachhochschule Zwickau mit einem ausführlichen Fragebogen untersucht worden. Insgesamt erwiesen sich 29 % der weiblichen und 13 % der männlichen Jugendlichen als anfällig für eine Essstörung. Besonders Gymnasiastinnen zeigen ein gestörtes Essverhalten: 35 % aller befragten Schülerinnen waren betroffen, während der Anteil unter den Studentinnen mit 23 % deutlich geringer lag. Auch regionale Differenzen wurden ermittelt: 56 % der westdeutschen Schülerinnen sind gefährdet, im Osten hingegen nur 30 % der Gymnasiastinnen.

Welche Bedeutung das Körpergefühl bei der Jugend hat, zeigt sich auch darin, dass 43 % der Frauen und 21 % der Männer in den letzten 12 Monaten eine Diät absolviert hatten. Außerdem gaben die Teilnehmer mit einem gestörten Essverhalten zu, sehr häufig gegen ihr vermeintliches Übergewicht angegangen zu sein, etwa durch Diäten, Sport oder die Einnahme von Medikamenten. "Je höher das Risiko für die Entwicklung einer Essstörung war, um so häufiger benutzten die Jugendlichen diese gewichtsregulierenden Maßnahmen", unterstreicht die Studienbetreuerin Katja Aschbrenner.

Psychologische Auffälligkeiten und Störungen der Körperwahrnehmung sind wohl eine Ursache für die Essstörungen, die nur schwer therapierbar sind. 42 % der Schülerinnen schätzten sich selbst als übergewichtig ein, obwohl nur 8 % Übergewicht hatten, zeigt die Jenaer Untersuchung. Andererseits waren 33 % der Probanden in Wirklichkeit untergewichtig, es schätzten sich aber nur 6 % so ein. "Mit zunehmendem Risiko für die Entwicklung einer Essstörung gelang es den Versuchspersonen immer seltener, ihr Gewicht realistisch einzuschätzen", ermittelte Strauß’ Mitarbeiter Florian Aschbrenner - ein wichtiger Hinweis auf den Schweregrad der Essstörung.

Während internationale Forschungsergebnisse belegen, dass Leistungssport mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Essstörungen einhergeht, konnte die Jenaer Studie dies nicht bestätigen. Zwischen den Schülern, die im Sportgymnasium regelmäßig Leistungssport absolvierten, und denen ohne sportliche Aktivitäten, zeigte sich keine unterschiedliche Veranlagung zu gestörtem Essverhalten.

"Wir konnten feststellen", fasst Prof. Strauß zusammen, "dass subklinische Essstörungen ein sehr häufiges und ernstzunehmendes Phänomen bei jungen Menschen darstellen. Die Störungen können im weiteren Verlauf in schwere Erkrankungen wie die Anorexie oder Bulimie übergehen." Der Jenaer Institutsdirektor fordert daher, dass "dringend wirksame Konzepte zur Prävention und geeignete Screening-Methoden zur Früherkennung von Personen mit einer subklinischen Essstörung entwickelt werden müssen". Ebenfalls hält Strauß es für notwendig, dass dem Problem bereits in den Schulen stärkere Aufmerksamkeit zuteil wird. "Schulen stellen als zentraler Aufenthaltsort der Jugendlichen einen geeigneten Ort dar, um Maßnahmen der Aufklärung, Prävention, Früherkennung und erste Hilfestellungen durchzuführen", unterstreicht der Psychologe.

Die Ergebnisse der Jenaer Studie weisen außerdem darauf hin, dass in Einrichtungen mit verstärktem Leistungsanspruch ein erhöhtes Risiko besteht, an Essstörungen zu erkranken. Personen, die diesen Institutionen angehören, müssen als besondere Risikopopulation betrachtet werden. Ebenso stellen ausländische Immigranten aufgrund einer möglichen Überidentifikation mit westlichen Normen und Werten, etwa der Schlankheitsideale, eine besondere Zielgruppe dar.

Alarmierend war in der Studie die häufige Benutzung von Arzneimitteln zum Abnehmen durch die Jugendlichen. Als Konsequenz fordert Prof. Strauß: "Entwässerungsmittel, Appetitzügler und Abführmittel sollten rezeptpflichtig und nicht frei verkäuflich für die jungen Menschen sein".

Aufklärung tut Not, sind sich die Jenaer Forscher sicher. "Die Schädlichkeit der Anwendung gewichtsregulierender Maßnahmen wie Diäten, Fastentage, exzessives Sporttreiben und die Einnahme von Medikamenten zum Abnehmen muss vermittelt werden", appelliert Strauß besonders an die Medien. Diese verharmlosen solche Risiken noch immer oder beschreiben sie sogar als Normalität, kritisiert er. Nicht zuletzt stellt das, auch durch die Medien geformte, Schlankheitsideal ein großes Risiko dar. "Viele Frauen haben die realistische Wahrnehmung ihres eigenen Körpers und die Zufriedenheit mit ihrer Figur verlernt", hat Strauß erfahren. "Besonders für weibliche Jugendliche besteht in der sensiblen Phase der Pubertät die Gefahr, dass von der Diskrepanz zwischen realem Körperbild und dem idealen Körperbild eine krisenauslösende Funktion ausgehen kann", sagt der Medizinpsychologe von der Universität Jena - und hofft darauf, dass entsprechenden Ansätzen von Freunden, Eltern und Mitschülern frühzeitig begegnet wird.

Kontakt:
Prof. Dr. Bernhard Strauß
Institut für Medizinische Psychologie der Universität Jena
Stoystr. 3
07743 Jena
Tel.: 03641 / 936700
Fax: 03641 / 936546
E-Mail: bernhard.strauss@med.uni-jena.de

Axel Burchardt | idw

Weitere Berichte zu: Abnehmen Bulimie Diät Essstörung Essverhalten Medikament Psychologe Schülerin

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Gesellschaftswissenschaften:

nachricht Mathematische Algorithmen berechnen soziales Verhalten
14.11.2016 | Technische Universität München

nachricht Schrumpfende Gesellschaften: Welcher Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels?
18.10.2016 | Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Gesellschaftswissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Höhere Energieeffizienz durch Brennhilfsmittel aus Porenkeramik

05.12.2016 | Energie und Elektrotechnik

Neue Perspektiven durch gespiegelte Systeme

05.12.2016 | Physik Astronomie

Forscher finden «Krebssignatur» in Proteinen

05.12.2016 | Biowissenschaften Chemie