Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Süditalien: Aktive Plattengrenze birgt Erdbebengefahr

25.01.2017

Internationales Forschungsteam veröffentlicht neueste Meeresbodenkartierungen

Der Mittelmeerraum ist tektonisch äußerst aktiv und damit von Naturkatastrophen bedroht. Das zeigen die jüngsten Erdbeben in Mittelitalien auf eindringliche Weise. Ein internationales Wissenschaftsteam mit Beteiligung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel hat in den vergangenen Jahren intensiv den Meeresboden südlich von Sizilien und Kalabrien untersucht. Wie das Team jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Earth and Planetary Science Letters veröffentlicht, haben sie dabei Spuren einer aktiven Erdplattengrenze gefunden, die ebenfalls starke Beben hervorrufen kann.


Topographie des Meeresbodens vor der Ostküste Siziliens gewonnen aus Daten verschiedener Expeditionen

Marc-André Gutscher, U. Brest.


Seismische Untersuchungen vor der Küste Siziliens während der METEOR Expedition M111.

Heidrun Kopp, GEOMAR

Seit den frühen Hochkulturen ist das Leben der Menschen in Europa, in Vorderasien und in Nordafrika eng mit dem Mittelmeer verbunden – und immer wieder haben Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis die angrenzenden Kulturen und Staaten erschüttert.

Der Grund für diese ständige Bedrohung ist, dass im Mittelmeer die Eurasische und die Afrikanische Erdplatte aufeinandertreffen. „Leider ist die Situation im Detail aber sehr kompliziert, es gibt regional viele unterschiedliche Bruchzonen im Untergrund. Das macht die genaue Gefahrenanalyse für bestimmte Räume sehr schwierig“, erläutert die Geophysikerin Prof. Dr. Heidrun Kopp vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus Frankreich, Italien und Spanien sowie von den Universitäten Kiel und Bremen veröffentlicht sie jetzt in der aktuellen Ausgabe der internationalen Fachzeitschrift Earth and Planetary Science Letters die Ergebnisse von umfangreichen Meeresbodenuntersuchungen vor den Südküsten Siziliens und Kalabriens. Die Forschungskampagnen haben Beweise für eine aktive Plattengrenze in der Region erbracht. „Historische Naturkatastrophen zeugen von Aktivitäten in diesem Gebiet, aber bisher waren die Ursachen nicht genau bekannt. Jetzt fangen wir an, sie besser zu verstehen“, sagt Professorin Kopp, eine der Autorinnen der Studie.

Die Erkenntnisse beruhen auf insgesamt sechs Schiffsexpeditionen seit 2010, darunter drei mit dem deutschen Forschungsschiff METEOR. Während dieser Ausfahrten haben die jeweiligen Teams den Meeresboden mit neuesten Technologien präzise kartiert. Zusätzlich haben die Forscherinnen und Forscher mit seismischen Methoden das Innere des Meeresbodens durchschallt und so Informationen über dessen Aufbau in bis zu 30 Kilometern Tiefe erhalten.

„Wir kannten aus der Region bereits vorher Sedimentschichten, die typisch sind, wenn sich eine Erdplatte unter die andere schiebt. Allerdings war bisher umstritten, ob es sich um alte Strukturen handelt oder ob diese sogenannte Subduktion noch aktiv ist“, erläutert die Kieler Geophysikerin. Die neuen Untersuchungen zeigen jetzt, dass sich die Platten noch bewegen – „Langsam, aber so, dass sie Spannungen im Erdinneren aufbauen können“, so Professorin Kopp.

Die untersuchte Region ist deshalb von großem Interesse, weil sie in der Vergangenheit wiederholt von verheerenden Erdbeben und Tsunamis getroffen wurde. So forderten ein Erdbeben in der Meerenge von Messina im Jahr 1908 sowie ein darauf folgender Tsunami 72.000 Menschenleben.

„Natürlich können wir auch mit den neuen Erkenntnissen nicht vorhersagen, ob und wann sich ein schweres Beben genau ereignen wird. Aber je mehr wir über den Meeresboden und seinen Aufbau im Detail wissen, desto besser können wir abschätzen, wo die Wahrscheinlichkeit für Naturgefahren besonders hoch ist. Dann können Katastrophenschutzmaßnahmen und Bauvorschriften die Risiken immerhin abmildern“, sagt Prof. Dr. Kopp.

Originalarbeit:
Gutscher, M.-C., H. Kopp, S. Krastel, G. Bohrmann, T. Garlan, S. Zaragosi, I. Klaucke, P. Wintersteller, B. Loubrieu, Y. Le Faou, L. San Pedro, S. Dominguez, M. Rovere, B. Mercier de Lepinay, C. Ranero, V. Sallares (2017): Active tectonics of the Calabrian subduction revealed by new multi-beam bathymetric data and high-resolution seismic profiles in the Ionian Sea (Central Mediterranean). Earth and Planetary Science Letters, 461, 61-72, http://dx.doi.org/10.1016/j.epsl.2016.12.020

Hinweis:
Die Expeditionen M86/2 und M111 des FS Meteor wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert. Die bathymetrischen Daten fließen in das europäische European Marine Observation and Data Network (EMODnet) ein.

Kontakt:
Jan Steffen (GEOMAR, Kommunikation & Medien), Tel.: 0431 600-2811, presse@geomar.de

Dr. Andreas Villwock | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.geomar.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Stärkere Belege für Abschwächung des Golfstromsystems
12.04.2018 | Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

nachricht Waldbrände in Kanada sorgen für stärkste jemals gemessene Trübung der Stratosphäre über Europa
12.04.2018 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gammastrahlungsblitze aus Plasmafäden

Neuartige hocheffiziente und brillante Quelle für Gammastrahlung: Anhand von Modellrechnungen haben Physiker des Heidelberger MPI für Kernphysik eine neue Methode für eine effiziente und brillante Gammastrahlungsquelle vorgeschlagen. Ein gigantischer Gammastrahlungsblitz wird hier durch die Wechselwirkung eines dichten ultra-relativistischen Elektronenstrahls mit einem dünnen leitenden Festkörper erzeugt. Die reichliche Produktion energetischer Gammastrahlen beruht auf der Aufspaltung des Elektronenstrahls in einzelne Filamente, während dieser den Festkörper durchquert. Die erreichbare Energie und Intensität der Gammastrahlung eröffnet neue und fundamentale Experimente in der Kernphysik.

Die typische Wellenlänge des Lichtes, die mit einem Objekt des Mikrokosmos wechselwirkt, ist umso kürzer, je kleiner dieses Objekt ist. Für Atome reicht dies...

Im Focus: Gamma-ray flashes from plasma filaments

Novel highly efficient and brilliant gamma-ray source: Based on model calculations, physicists of the Max PIanck Institute for Nuclear Physics in Heidelberg propose a novel method for an efficient high-brilliance gamma-ray source. A giant collimated gamma-ray pulse is generated from the interaction of a dense ultra-relativistic electron beam with a thin solid conductor. Energetic gamma-rays are copiously produced as the electron beam splits into filaments while propagating across the conductor. The resulting gamma-ray energy and flux enable novel experiments in nuclear and fundamental physics.

The typical wavelength of light interacting with an object of the microcosm scales with the size of this object. For atoms, this ranges from visible light to...

Im Focus: Wie schwingt ein Molekül, wenn es berührt wird?

Physiker aus Regensburg, Kanazawa und Kalmar untersuchen Einfluss eines äußeren Kraftfeldes

Physiker der Universität Regensburg (Deutschland), der Kanazawa University (Japan) und der Linnaeus University in Kalmar (Schweden) haben den Einfluss eines...

Im Focus: Basler Forschern gelingt die Züchtung von Knorpel aus Stammzellen

Aus Stammzellen aus dem Knochenmark von Erwachsenen lassen sich stabile Gelenkknorpel herstellen. Diese Zellen können so gesteuert werden, dass sie molekulare Prozesse der embryonalen Entwicklung des Knorpelgewebes durchlaufen, wie Forschende des Departements Biomedizin von Universität und Universitätsspital Basel im Fachmagazin PNAS berichten.

Bestimmte mesenchymale Stamm-/Stromazellen aus dem Knochenmark von Erwachsenen gelten als äusserst viel versprechend für die Regeneration von Skelettgewebe....

Im Focus: Basel researchers succeed in cultivating cartilage from stem cells

Stable joint cartilage can be produced from adult stem cells originating from bone marrow. This is made possible by inducing specific molecular processes occurring during embryonic cartilage formation, as researchers from the University and University Hospital of Basel report in the scientific journal PNAS.

Certain mesenchymal stem/stromal cells from the bone marrow of adults are considered extremely promising for skeletal tissue regeneration. These adult stem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Mai zum 7. Mal an der Hochschule Stralsund

12.04.2018 | Veranstaltungen

Materialien erlebbar machen - MatX 2018 - Internationale Konferenz für Materialinnovationen

12.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Laser erzeugt Magnet – und radiert ihn wieder aus

18.04.2018 | Physik Astronomie

Neue Technik macht Mikro-3D-Drucker präziser

18.04.2018 | Physik Astronomie

Intelligente Bauteile für das Stromnetz der Zukunft

18.04.2018 | Energie und Elektrotechnik

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics