Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unklare Verwandtschaftsverhältnisse bei fossilen Nacktsamern

22.11.2007
Widerstreitende Erkenntnisse in der Pflanzensystematik - Neuer Diskussionsstoff

Interessante Fossilien sind keineswegs immer so groß wie Dinosaurierknochen.

Ein internationales Forscherteam aus Schweden, den USA, Dänemark, Großbritannien und der Schweiz untersucht unter Beteiligung von Dr. Guido Grimm vom Institut für Geowissenschaften der Universität Tübingen sogar vielfach kleinere Objekte: die Samen von Pflanzen aus der Kreidezeit, die gerade einmal 0,5 bis 1,8 Millimeter lang sind.

Anhand solcher fossilen Pflanzensamen, die aus Portugal und Nordamerika stammen, haben sie festgestellt, dass diese ähnliche Merkmale aufweisen wie Vertreter der heute noch lebenden Gnetales und zweier ausgestorbenen Gruppen von Samenpflanzen: den in der Kreidezeit sehr formenreichen Bennettitales und den Erdtmanithecales. Die Erkenntnisse stützen die sogenannte Anthophyten-Hypothese, nach der die Gnetales und die große heute dominierende Pflanzengruppe der "Bedecktsamer", die Angiospermen, einen gemeinsamen Vorfahren haben sollten.

Dies widerspricht jedoch molekulargenetischen Befunden, nach denen die nächsten Verwandten der Gnetales die heutigen Kieferngewächse (Pinaceae) sind (die sogenannte GnePine-Hypothese). Über ihre Forschungsergebnisse berichten die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature" (Band 450, Seiten 549-552; Ausgabe vom 22. November 2007).

Von den Gnetales existieren heute nur drei Gattungen, darunter die Welwitschie (Welwitschia mirabilis), eine merkwürdige Pflanze mit dickem Stamm und einem einzelnen Blattpaar, die nur in der Namib-Wüste in Südafrika vorkommt. Nach der GnePine-Hypothese zählen zu ihren nächsten Verwandten bekannte Nadelhölzer wie Fichte und Kiefer. Diese Ansicht setzte sich gegen die frühere Anthophyten-Hypothese durch. Die Anthophyten-Hypothese basiert auf der Form der Blüten, die nahelegte, dass die Gnetales und die Angiospermen einen gemeinsamen Vorfahren hatten. Zu den Angiospermen zählen die modernen Laubbäume ebenso wie Wiesenkräuter und Getreide. Sie sind seit der späten Kreidezeit zur dominierenden Gruppe der Samenpflanzen aufgestiegen.

Obwohl pflanzliche Fossilien den Großteil der terrestrischen Makrofossilien ausmachen, lassen sich ihre Merkmale auf Grund des Erhaltungszustands häufig schwer einordnen. Samen sind jedoch relativ robust. Die hier untersuchten Samen aus der frühen Kreidezeit vor circa 130 Millionen Jahren sind den Forschern zufolge durch natürlich entstandene Feuer verkohlt und auf diese Weise konserviert worden. Um möglichst viel über deren äußeren und inneren Aufbau bis auf die Ebene der Zellen zu erfahren, haben die Forscher die Verfahren von Röntgentomografie und Phasenkontrastmikroskopie kombiniert in der sogenannten Phasen-Kontrast-Röntgen-Mikrotomografie. Die Untersuchungsobjekte müssen bei diesem Verfahren nicht zerstört werden, und es werden auch sehr kontrastarme Strukturen sichtbar.

Für die Wissenschaftler ergibt sich aus der Detailanalyse des Samenaufbaus der fossilen Gruppen neuer Diskussionsstoff über die Verwandtschaftsverhältnisse und den Ursprung der heute noch lebenden großen Linien der Samenpflanzen: Sie schlagen evolutionsgeschichtlich eine Brücke zwischen den heute lebenden Gnetales und den ausgestorbenen mesozoischen Bennetittales. Letztere gelten wie die Angiospermen als klassische Vertreter der "Anthophyten". Die Wissenschaftler halten jedoch eingehendere Untersuchungen, insbesondere von weiterem fossilen Pflanzenmaterial, für nötig, um sichere Aussagen machen zu können.

Nähere Informationen:

- Die Publikation in "Nature"
Else Marie Friis, Peter R. Crane, Kaj Raunsgaard Redersen, Stefan Bengtson, Philip C. J. Donoghue, Guido W. Grimm & Marco Stampanoni: Phase-contrast X-ray microtomography links Cretaceous seeds with Gnetales and Bennettitales. Nature, Band 450, Seiten 549-552; Ausgabe vom 22. November 2007

Ansprechpartner:

Dr. Guido Grimm
Institut für Geowissenschaften
Sigwartstraße 10
72076 Tübingen
Tel. 0 70 71/29 7 35 54
Fax 0 70 71/29 57 27
E-Mail guido.grimm@uni-tuebingen.de
EBERHARD KARLS UNIVERSITÄT TÜBINGEN
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit * Michael Seifert
Wilhelmstr. 5 * 72074 Tübingen
Tel.: 0 70 71 / 29 - 7 67 89 · Fax: 0 70 71 / 29 - 5566
E-Mail: presse1@verwaltung.uni-tuebingen.de

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Internationales Team um Oldenburger Meeresforscher untersucht Meeresoberfläche
21.03.2017 | Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

nachricht Weniger Sauerstoff – ist Humboldts Nährstoffspritze in Gefahr?
17.03.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Besser lernen dank Zink?

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen