Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vom Helikopter zum 3D-Modell: Hochschule Karlsruhe

23.08.2007
Technik und Wirtschaft an archäologischem Forschungsprojekt zur Vermessung der Hauptstadt der Uiguren in der heutigen Mongolei beteiligt

Harbalgas wird heute in der Mongolei der Ort genannt, an dem sich im 7. und 8. Jahrhundert die Hauptstadt der Uiguren befand, dem größten heute noch existierenden Turkvolk, das im 13. Jahrhundert im Reich Dschingis Khans aufging. 40 Kilometer von der Hauptstadt der Uiguren entfernt entstand Karakorum als Hauptstadt des neuen mongolischen Großreichs. Mit einer Fläche von rund 25 km2 war die Hauptstadt der Uighuren zehnmal so groß wie die der Mongolen und zählte zeitweise bis zu 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: Köln war zu dieser Zeit 6 km2 groß und wurde von 15.000 Menschen bewohnt.

In einem neuen mongolisch-deutschen Forschungsprojekt wurde jetzt mit großem Aufwand zu Lande und aus der Luft das vermutete historische Stadtgebiet vermessen. "Diese Daten bilden die vermessungstechnische Grundlage zur Erfassung der ehemaligen Siedlungsstruktur, die in einem solchen Umfang in diesem asiatischen Raum noch nie durchgeführt wurde", betont Projektleiter Prof. Dr. Hans-Georg Hüttel vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI). Mit modernster Technologie wurde dazu die große Geländefläche u. a. mittels Airborne Laserscanning mit einem großen Helikopter des russischen Typs MI-8 erfasst. Das deutsche Unternehmen Milan-Flug stellte dazu die Technik, das Know-how und einen Ingenieur für die Datengewinnung. Am Tag der Datenerfassung per Helikopter traf auch der neue deutsche Botschafter in der Mongolei, Pius Fischer, in Harbalgas ein, um sich selbst ein Bild von dem mongolisch-deutschen Forschungsprojekt zu verschaffen. Die umfangreiche Auswertung der Scandaten erfolgt durch die Firma ArcTron, die sich auf sämtliche Vermessungsbereiche in der Archäologie spezialisiert hat.

Durch die Fakultät für Geomatik der Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft wurde ein GPS-basiertes Festpunktfeld erstellt und für die im Helikopter aufgezeichneten Daten die Basisstation betrieben. So liegen alle erhobenen Vermessungsdaten später in einem einheitlichen Koordinatensystem vor. Zum Einsatz kam dabei eine neue GPS-Ausrüstung der Firma Topcon, die gleichzeitig Satellitendaten des amerikanischen GPS und des russischen GLONASS-Systems verarbeiten kann.

Weit sichtbares Zeugnis der alten Siedlungsstruktur (auch gut in GoogleEarth unter 47° 26' Nord, 102° 39' Ost zu finden) ist die gewaltige Palaststadt von "Ordubal?k", wie Uiguren ihre Hauptstadt nannten. Erbaut in Stampflehmbauweise in Vorschubtechnik, ragen heute Mauerreste oder in Jahrhunderten durch Verwitterung entstandenen Wälle noch bis zu 12 Meter hoch aus dem Boden. Auf 1400 Meter Höhe in der weiten Steppenlandschaft des Orchontales, dem größten Fluss der Mongolei, stellt die rechteckig angelegte Palaststadt mit Ausmaßen von rund 350 auf 400 Metern das zweite große Scanprojekt dar, das allerdings nicht aus der Luft, sondern terrestrisch vermessen wurde. Mit einem Leica 3D-Laserscanner wurden die wichtigsten Bereiche der sehr stark erodierten Anlage für ein 3D-Modell festgehalten, aus dem beliebige Schnitte und Grundrisse von Teilanlagen erstellt werden können. Die Studentinnen Juliane Kollowa und Sarah Laryea aus dem Studiengang Vermessung und Geomatik der Hochschule Karlsruhe haben dafür zwei Wochen lang zunächst Wind und Regen sowie anschließend glühender Sonne getrotzt. Scan um Scan registrierten sie Millionen von Messpunkten und werden die Daten an der Karlsruher Hochschule als Abschlussarbeiten ihres Studiums auswerten. Der Betreuer dieser Arbeiten, Prof. Dr.-Ing. Tilman Müller, Dekan der Fakultät für Geomatik der Hochschule Karlsruhe, zeigte sich vor Ort von der historischen Anlage, dem Umfang der Datenerhebung, aber auch von den rasch wechselnden Witterungsverhältnissen beeindruckt. Der Projektkoordinator auf Seiten der Hochschule, Laborbetriebsleiter Andreas Rieger, hebt daher auch besonders die reibungslose Zusammenarbeit und Kompromissbereitschaft aller Beteiligten hervor. "Das gesamte Projekt drohte kurz vor Abflug noch zu scheitern", so Rieger, "als der Helikopter ausfiel und so der ursprüngliche Zeitplan nicht mehr einzuhalten war."

Die Studentinnen Sarah und Juliane kennen schon die Probleme, die vor Ort entstehen können, denn sie waren schon im Sommer 2006 in der Mongolei, um Karakorum, die Hauptstadt Dschingis Khans zu vermessen. Dort werden sie jetzt noch einige Arbeiten abschließen, bevor sie im September 2007 wieder nach Karlsruhe zurückkehren - mit jeder Menge von Daten im Gepäck, die darauf warten ausgewertet zu werden.

"Während ihres Auslandsaufenthalts in der Mongolei setzen die beiden Studentinnen die modernste Technik in ihrem Fachgebiet ein", so Rektor Prof. Dr. Karl-Heinz Meisel, "und dies entspricht dem Grundprinzip unserer Hochschulausbildung: Die im Studium erworbenen Kenntnisse und erlernten Methoden in der Praxis anzuwenden. Gleichzeitig lernen sie, sich in einer sehr fremden Kultur zu orientieren und zu bewegen - das sind Erfahrungen, von denen sie in ihrer weiteren beruflichen wie auch persönlichen Entwicklung nur profitieren können."

Noch sind in den Studiengängen Kartografie und Geomatik sowie Vermessung und Geomatik an der Hochschule Karlsruhe zum kommenden Wintersemester 2007/08 einige wenige Studienplätze zu vergeben. Interessenten sollten sich umgehend mit der Studentischen Abteilung der Hochschule unter Tel. (0721) 925-1070, Fax (0721) 925-2002, E-Mail studieninfo@hs-karlsruhe.de in Verbindung setzen.

Holger Gust | idw
Weitere Informationen:
http://www.hs-karlsruhe.de/servlet/PB/menu/1055360/index.html

Weitere Berichte zu: 3D-Modell Geomatik Helikopter Mongolei Uiguren Vermessung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen
26.04.2017 | Leibniz-Institut für Troposphärenforschung e. V.

nachricht Flechten aus dem Bernsteinwald
25.04.2017 | Georg-August-Universität Göttingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie