Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Urvogel Archaeopteryx lithographica mit vier Flügeln?

18.10.2006
Der Urvogel Archaeopteryx lithographica und insbesondere das am besten erhaltene Berliner Exemplar steht immer wieder im Mittelpunkt wissenschaftlicher Untersuchungen. Derzeit wird diskutiert, welche Funktion die Federn an den Hinterbeinen hatten und wie flugtauglich das Tier war.

In National Geographic wird derzeit unter der Schlagzeile "Urvogel flog mit vier Flügeln" eine neue These von Nick Longrich, Paläontologe der Universität Calgary, Kanada (publiziert im Fachjournal Paleobiology) diskutiert: Welche Funktion haben die Federn an den Hinterbeinen des Urvogels Archaeopteryx lithographica und wie gut konnte er fliegen?

Von den zehn bisher gefundenen Exemplaren des ca. 150 Millionen Jahre alten Urvogels Archaeopteryx lithographica aus den Solnhofener Plattenkalken ist das 1876 gefundene Berliner Exemplar mit seinen ausgebreiteten Flügeln das am besten erhaltene und schönste Fossil. Kein Wunder, dass Wissenschaftler aus aller Welt immer wieder Untersuchungen an dem Tier vornehmen, um neueste Erkenntnisse z.B. zur Evolution der Vögel und zur Flugfähigkeit dieses Urvogels zu gewinnen.

Helmut Tischlinger und David Unwin, damaliger Kurator für fossile Vögel am Berliner Museum für Naturkunde fanden kürzlich heraus, dass die Federrelikte an den Flügeln sich z.T. als dünner Film einer sich schwarz abzeichnenden Substanz im UV-Licht abzeichnen. Seit langem ist bekannt, dass der Berliner Urvogel auch kleine Federn an den Hinterbeinen besaß. Diese sind besonders gut im UV-Licht an der Gegenplatte des Fossils und an einem alten Abguss zu sehen. Vergleicht man Gegenplatte bzw. Abguss mit dem Original fällt auf, dass trotz mehrfacher Präparation mit dem Ziel, die Knochenstruktur freizulegen, die Befiederung am Original noch sehr gut erhalten ist.

... mehr zu:
»Archaeopteryx »Flügel »Urvogel

Seit der vierflüglige Dinosaurier Microraptor aus China bekannt wurde entbrannte die Diskussion um die Funktion der Federn an den Hinterbeinen des Archaeopteryx lithographica neu. Per Christiansen und Niels Bonde beschrieben bereits im Jahre 2004 in "Comptes Rendus Palevol" diese Beinfedern, die symmetrisch an den Hinterbeinen angeordnet, aber kleiner und nicht so gut organisiert sind wie Flugfedern. Nach Bonde & Christiansen erlaubt der Erhaltungszustand der Federn nicht die sichere Schlussfolgerung, dass die Körperfedern den Konturfedern der heutigen Vögel ähneln. Die Federn an den Beinen könnten einfache Konturfedern mit offenen Fahnen und ohne Häkchen (Hamuli) gewesen sein, die nicht zum Fliegen geeignet waren.

Im Gegensatz dazu interpretiert Longrich die bislang für Wärmeisolationsfedern gehaltenen Beinfedern als Flugfedern. Bislang war unklar, ob Archaeopteryx ein Gleitsegler war, der an Bäumen hochkletterte und von dort aus startete, oder ob er von der Erde aus starten konnte. Laut Longrich scheint damit die Gleitflug-Theorie bestätigt, Archaeopteryx flog seiner Meinung nach ähnlich wie ein Flughörnchen. Die hinteren Flugfedern scheinen insbesondere Stabilisierungsfunktion gehabt zu haben. Die ausschließliche "tree-down" Interpretation ist in der Fachwelt jedoch noch umstritten.

Die wissenschaftliche Diskussion bringt Archaeopteryx lithographica und insbesondere das ausgezeichnet erhaltene Berliner Exemplar wieder zurück in den Mittelpunkt der Untersuchungen. Wir können gespannt sein, welche Meinungen sich in Zukunft durchsetzen werden. Eines ist jedoch unumstritten: Archaeopteryx hatte nicht vier Flügel, wie manche Schlagzeile in der Presse verkündete, sondern zwei Flügel und Federn an den Hinterbeinen, ähnlich den heutigen Raubvögeln, bei denen die Beinfedern bei der Wärmeisolation und beim Bremsvermögen eine Rolle spielen.

Museumsbesucher konnten bisher nur eine Kopie des Berliner Urvogels in der Ausstellung sehen. Im Rahmen der gegenwärtig durchgeführten Neugestaltung der Ausstellung ist geplant, den Berliner Archaeopteryx in die Dauerausstellung zu integrieren. Vorgesehen ist die Präsentation ab Sommer 2007 in einer von dem Berliner Geschäftsmann Hans Wall gespendeten Hochsicherheitsvitrine. Damit wird der Berliner Urvogel erstmals in seiner Geschichte für die Öffentlichkeit in einer seiner Bedeutung angemessenen Präsentation zugänglich und entfacht hoffentlich auch die Diskussion unter den Museumsbesuchern neu.

Kontakt:
Dr. Gesine Steiner
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Museum für Naturkunde
Tel.: +49 (0)30 - 2093 8917
Fax : +49 (0)30 - 2093 8914
gesine.steiner@museum.hu-berlin.de
Dr. Oliver Hampe
Abteilung Sammlung / Paläontologie
Museum für Naturkunde
Tel.: +49 (0)30 - 2093 8678
oliver.hampe@museum.hu-berlin.de

Dr. Gesine Steiner | idw
Weitere Informationen:
http://www.naturkundemuseum-berlin.de
http://download.naturkundemuseum-berlin.de/presse/Archaeopteryx
http://www.hu-berlin.de/

Weitere Berichte zu: Archaeopteryx Flügel Urvogel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Geowissenschaften:

nachricht Open Science auf offener See
19.01.2018 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Bisher älteste bekannte Sauerstoffoase entdeckt
18.01.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Geowissenschaften >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie